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Marcel Beyer las in Meißen aus seinem Essayband "Putins Briefkasten"

Marcel Beyer las in Meißen aus seinem Essayband "Putins Briefkasten"

Aus Köln nach Dresden ist Marcel Beyer, geboren 1965 im baden-württembergischen Tailfingen, aufgewachsen in Kiel und Neuss, 1996 gekommen. "Mit großer Neugier", wie er bei seiner Lesung in der Evangelischen Akademie Meißen bekennt.

Eine Neugier, die sich nicht nur auf Dresden, Sachsen konzentriert, sondern weiter ausgreift: ostwärts. Daraus sind in den vergangenen zehn Jahren etliche essayistische Texte entstanden, verstreut in Zeitungen, Zeitschriften, Katalogen veröffentlicht.

Marcel Beyer hat daraus jetzt nicht einfach ausgewählt und dies gesammelt veröffentlicht. Vielmehr hat er seine Texte fortgeschrieben, neue Passagen hinzugefügt, sie thematisch miteinander verknüpft. Auf diese Weise ist "Putins Briefkasten" (Suhrkamp, 222 S., 8,99 Euro) entstanden, ein durchdacht komponierter Band. Ein Buch, das all jene mit Gewinn lesen werden, die über Beobachten und Erinnern, über das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, über Sprache, Literatur, Übersetzung nachdenken. Gegliedert hat der Autor seine Texte - eine Mischung aus Gedanken, Reiseimpressionen, Lektüreerfahrungen - in acht Abschnitte, die er "Recherchen" nennt. Wer dabei an journalistische Recherche denkt, irrt.

Schon beim ersten, dem titelgebenden Text, wird deutlich: Hier geht es nicht um Darstellung von Fakten. "Manche fragen mich: Wie war denn Putin?", erzählt Marcel Beyer bei der Lesung. "Ich kenne ihn nicht. Das ist keine Putin-Biografie." Was ihn neugierig macht, ist ein Briefkasten an des späteren russischen Präsidenten Wohnsitz zu DDR-Zeiten, ein Wohnblock im Dresdner Norden. Man fragt sich: Warum ausgerechnet dieses Ding? Aber man muss genau lesen: Nicht der Gegenstand ist Auslöser, sondern des Autors Erinnerung an ihn. Ein Bild, das ihm wichtig zu sein scheint. Das muss als Begründung genügen.

Und Marcel Beyer nimmt ganz legitim die künstlerische Freiheit in Anspruch, zu mutmaßen und zu erfinden. Man nagle ihn also nicht darauf fest, wie es "wirklich" gewesen sei. Wunderlich genug geht es zu, wenn er sich etwas ausdenkt, beispielsweise, wie er verrät, jene Frau, die den um den Block Schleichenden aus dem Fenster beobachtet. Und dann sagt ihm plötzlich jemand bei einer Lesung: "Ja, ja, das war die Helga."

Auch vom umgekehrten Fall lesen wir: ein Bild aus Mark Twains "Huckleberry Finn". Der Autor erinnert sich genau daran. Sucht Jahre später danach, liest das ganze Buch noch einmal, um schließlich festzustellen: "Die Szene gibt es nicht." Aber vielleicht haben solche Einbildungen, ihres Realitätsbezuges ungeachtet, etwas Wirkliches? Auf alle Fälle sind sie das Entscheidende. Worum es dem Autor geht, drückt er mit einem Zitat von Paul Celan aus: "Ein geheimes Echo, hervorgerufen durch die Wirklichkeit". Seine "Recherchen" müssen wir also am ehesten im Sinne von Marcel Prousts Roman "A la recherche du temps perdu" - "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" verstehen: Eine Erinnerung, ein Bild löst eine Kette von Assoziationen aus.

Diesem Prinzip der Assoziationen folgen diese Texte: nicht logisch-rational, Schritt für Schritt, sie vollführen Sprünge, und die führen auf atemberaubende Weise quer durch Raum und Zeit. Zum Beispiel vom "Phaeton" in einem Roman Zygmunt Haupts zum Tod Jörg Haiders (Unfall 2008 im Phaeton), von da zur Gläsernen Manufaktur in Dresden, in die Münchner Pinakothek, zu Flauberts "Madame Bovary", in eine Kindheitserinnerung aus Kiel an einen geklauten Kipper, dann die brennenden Vorstädte von Paris, die Kopie eines niederländischen Stillebens in einer Gaststätte in Jelenia Gora/Hirschberg, schließlich zu einem Bild auf Lessings Ofenschirm in Wolfenbüttel.

Selten nur betreten wir eine assoziative Brücke, die der Autor errichtet hat, weil er etwa zu einem bestimmten Schriftsteller hin will. Meist vollziehen sich die Sprünge nicht abrupt, sondern in einer äußerst eleganten sprachlichen Überblend-Technik. Stets geht es um Worte. Denn der Autor will uns demonstrieren: "Aus ihrem Sprachumfeld herausgelöste, aufgeschnappte, unverstandene Wörter können Glutkerne sein. Glutkerne nicht nur der Sprachgeschichte, sondern der europäischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts."

Begeisterung treibt seine Sätze. Nicht immer vermag man ihm darin zu folgen. Etwa, wenn man wenig mit den Namen und Platten jener Reggae-Musiker aus dem Londoner Stadtteil Brixton anzufangen weiß, für die Marcel Beyer brennt. Da tun sich Durststrecken auf. Wer durchhält, wird mit wichtigen Gedanken über die Massentauglichkeit von Literatur belohnt. Die, vor allem Lyrik, die Marcel Beyer außer Romanen schreibt, ist stets ein "Minderheitenprogramm", ohne elitären Anstrich freilich.

Das erscheint folgerichtig bei einem, der sich wie er von den "Rändern" her arbeiten sieht. So geraten wir mit ihm, geht's ins Ausland, ins osteuropäische vornehmlich, nie in die von Touristen frequentierten, oft pseudohistorischen Zentren, sondern stets an die Peripherien: in Gdansk/Danzig ins Neubaugebiet Zaspa, ins trostlose lettische Narva oder an eine Autobahnraststätte bei Rüblingsheide im brandenburgischen Niemandsland zwischen Berlin und Dresden. Beyers Erkenntnis: "Aber auch draußen stößt man in das Herz der Dinge vor."

Beim Nachdenken darüber, was Schreiben, was Literatur eigentlich ist, den Umweg über scheinbar literaturferne Gebiete zu nehmen, um schließlich punktgenau im Zentrum der Literatur zu landen - dies gehört zu den brillantesten geistigen Leistungen dieses Bandes. Nicht zuletzt dank einer Sprache, die in der ruhigen Gelassenheit des Nachdenkens fließt, die von fast zeitloser Anmut ist, dezenten Humor pflegt und Nebensätze kennt. Endlich wieder einmal Nebensätze.

Einen Vögel ausstopfenden Ornithologen beobachtend oder das Fachbuch einer Bienenzüchterin studierend, gelangt Marcel Beyer zu Grundaussagen über das Schreiben, so auch über das Lesen von Gedichten und Prosa. Nicht zuletzt zu ästhetischen Qualitätskriterien. Was gute Texte auszeichnet, hier erfah- ren wir es: genaue Beobachtung, größtmögliche Klarheit; nicht Selbstbe- stätigung des Gewussten, sondern Grenzerweiterung; Forschung ähnlich wie in der Naturwissenschaft, nur ohne Ergeb- nis. Geheimnisvolle Wörter, hervorgebracht durch die Schärfe der Beobachtung. Kurzum: "Hier zeigt sich: das Poetische ist das Präzise."

Tomas Gärtner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.08.2012

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