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"Mann über Bord" - auf dem Theaterkahn in Dresden bittet ein weibliches Trio Infernale zur musikalischen Kreuzfahrt

"Mann über Bord" - auf dem Theaterkahn in Dresden bittet ein weibliches Trio Infernale zur musikalischen Kreuzfahrt

"Eine gute Frau ist wie ein gutes Buch: unterhaltsam, anregend und belehrend. Ich wollte, ich könnte mir eine ganze Bibliothek leisten", verkündete einmal der Schriftsteller Honoré de Balzac.

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"Eisblock" Beatrice alias Beate Laaß, "Mutti" Ines alias Kati Grasse und "Schlampe" Aneszka alias Jeannette Oswald (v. l. n. r.) bilden in "Mann über Bord" ein Trio Infernale.

Quelle: Carsten Nüssler

Helmut, seines Zeichens viel herumkommender Vertreter in Sachen Staubsauger, hat sich eine Bibliothek geleistet: Beatrice in Dresden, Ines im schönen Löbau und drüben hinterm Kamm des Erzgebirges in Tetschen auch noch Aneszka. Und in Chemnitz scheint Helmut auch noch was am Laufen zu haben, denn warum sonst sollte ein nicht über, sondern für seine Verhältnisse lebender Mann alle Bestände seiner Bibliothek auf eine Flusskreuzfahrt einladen? Doch nur, um sich mit einer weiteren Frau, die allerdings "die 40 noch weit vor sich hat" und mit Kleidergröße 34 noch eine gute Figur macht, abzusetzen.

Helmut wird in dem auf einem Buch von Antonia Rothe-Liermann (einigen vielleicht bekannt durch die "Miss-Emergency"-Reihe) basierenden Stück "Mann über Bord", das jetzt auf dem Theaterkahn Premiere hatte, erst sehr spät in Erscheinung treten. Eingewickelt in einen Teppich. Tot. Ermordet. Denn Rache, erst recht die aus Eifersucht, ist Blutwurst, wie es so schön eindeutig heißt. Die Täter sind klar, da muss keine Soko erst ermitteln. Es ist das belogene und betrogene Damentrio.

Beate Laaß ist Beatrice: ein Eisblock. Definitiv belesen und klug, aber derart blasiert und gefühlskalt, dass Mann schon notgeil sein muss, um hier die Frau unterm schnieken wie teuren Hosenanzug entdecken zu wollen. Kati Grasse ist Ines: ganz der Typ "Mutti", füllig, mehr noch als im Bett am Herd 'ne Wucht, sächselnd wie die Gusche gewachsen ist, das Herz hinter einer Bluse von Otto, aber auf dem rechten Fleck. Und Jeanette Oswald, die Sopranistin an der Staatsoperette Dresden, ist Aneszka: die Schlampe. Jung. Sehr jung. Geistig vielleicht etwas einfacher gestrickt, dafür aber sexuell (allem gegenüber) sehr aufgeschlossen. Schon klar, dass sie und Helmut ganze Wochenenden im Bett verbrachten.

Drei Frauen, drei Typ(inn)en, drei Klischees. Aber Laaß, Grasse und Oswald spielen das grandios aus. Die Pointen, mit denen die Vorlage nicht zu knapp aufwartet, kommen in dieser mitreißenden wie vergnüglichen Inszenierung von Holger Böhme auf den Punkt genau. Hübsch auch die Seitenhiebe aufs (gut?-)nachbarschaftliche Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen, etwa wenn die - pardon, Zitat: - "Tschechen-Schlampe" Aneszka nach dem aufgeschnappten Wort "urgemütlich" feixt: "Oh, diese Deutschen immer mit ihrer Pünktlichkeit!"

Auch die Bordkapelle auf der MS Marion wird mitunter direkt angesprochen, handelt es sich doch laut Untertitel um eine "musikalische Kreuzfahrt", es wird also viel und gut gesungen vom nach anfänglichem Zickenkrieg bald befreundeten Trio Infernale. Mal wird der Song "Männer" von Herbert Grönemeyer intoniert (wobei bei der Frage "Wann ist ein Mann ein Mann?" mittels angedeuteter Schluckbewegungen die Antwort gleich mitgeliefert wird), mal lautstark röhrend Aretha Franklins "You Make Me Feel Like A Natural Woman". Annett Louisans Hit "Drück die 1" kommt ebenso erfrischend frech rüber wie "Daddy Cool" von Boney M. Kein Lied wird allerdings 1:1 angestimmt, sondern in der Melodieführung hier und da ein kleines bisschen verändert. Zu jedem gibt es eine famose Choreografie, wird ein Feuerwerk an Mimik und Gestik abgebrannt. Zudem garantiert die Bordkapelle, das Michael-Fuchs-Trio, dass bei diesem schräg-komischen Abend auch musikalisch nichts auf Grund läuft, sondern die Füße der im Schiffsbauch versammelten Zuhörerschaft mitwippen.

Mit dem nach Skrupeln ausgeführten Mord belässt es die Vorlage allerdings nicht. Die Damen kommen überein, sich einen (anderen, noch an Land zu ziehenden) Mann künftig einvernehmlich zu teilen. Helmut musste dafür mit dem Leben bezahlen, dass er intime Kontakte mit mehreren Frauen pflegte, plötzlich sind eben diese bereit, sich einen anderen Mann schwesterlich zu teilen, Bettgeflüster eingeschlossen. "Weibliche Logik", lässt sich da nur sagen.

Christian Ruf

nächste Vorstellungen: 1., 4. & 5.12, 20 Uhr, 2. 12., 18 Uhr

www.theaterkahn.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.11.2012

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