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Manchmal muss es eben böse sein: Dietmar Wischmeyer zu Gast in Dresden

Manchmal muss es eben böse sein: Dietmar Wischmeyer zu Gast in Dresden

Als Dietmar Wischmeyer den Kleinen Tierfreund erfand, war er 31 und Comedyzuträger des privaten Radiosenders ffn. Zentrale Idee: das Frühstyxradio. Wenn Wischmeyer heute durch die Lande tourt, gern in ausverkaufte Häuser, ist der Motorrad-behelmte Tierfreund, eher nuschelnd denn klar artikulierend, noch dabei.

Ihm gehören die zärtlichsten Momente der fiesen kleinen Beobachtungen des Alltäglichen. Aber auch Günther, der Treckerfahrer, ist präsent oder Willi Deutschmann. Alte Charaktere als Alte Egos des Autors Wischmeyer. Ob auch des Menschen, sei dahingestellt.

Dahingestellt auf die Bühne des Boulevardtheaters hat der heute 58-jährige Niedersachse zunächst eine beleuchtete Frauenfigur aus der Ikea-Forschung. Nein, Gutvik hieße sie nicht, das sei das Bettgestell. Ein orangefarbenes Alt-Telefon ist auch. Und es klingelt. Ein Rednerpult gibt es ebenso, dort wird der Künstler später eine Politikerrede an die Nation halten, endlich ehrlich, endlich direkt. "Es gibt 350 000 angemeldete Wohnmobile in Deutschland und nur noch 250 Kampfpanzer Leopard 2." Eine klare Versorgungslücke, wie übrigens auch beim Volk zwischen den Ohren.

Dietmar Wischmeyer ist kein politischer Kabarettist, könnte aber einer sein. Er richtet seine Worthaubitze sehr böse, gepflegt zynisch und präzise spitz auf vorzugsweise "bescheuerte, bekloppte, doofe" Mitmenschen, die ständig im Weg rumstehen. Bio-Poller also, quer durch Generationen. Unpolitisch ist das neue Programm keineswegs, wenngleich eben eher im scharf gezogenen Vokalflorett, denn in der Analyse. Die GDL rekrutiere sich bald aus hauptberuflichen Streikern und sei als Trachtentruppe für den DGB buchbar. Das Maschinengewehr G36 sei die Braut des Soldaten, doch, "was will man mit einer Braut, bei der jeder Schuss danebengeht, wenn sie warm wird?" Ist als "Pussiflinte" eben eine "Kreuzung aus Wasserpistole und Kalaschnikow", weil sich die Bundeswehr ja dem weiblichen Personal öffne.

Oder Russland! "Putin, ein Schreibtischheld aus der postkommunistischen Insolvenzmasse. So stelle ich mir persönlich Knöllchen-Horst vor. Putin könnte genauso gut mit einem Klemmbrett durch den Donbass schleichen und Falschparker aufschreiben." Auch hier folgen großartige Sprachbilder: "Der Russe nennt seine Heimat gern Mütterchen Russland. Doch wer wohnt schon gern in seiner Mutter?"

Oder die Griechen! Wischmeyer ist dafür, ihnen wenigstens 500 Milliarden an Wiedergutmachungsgeldern auszuzahlen, dafür aber sollten alle griechischen Restaurants bei uns in "Reparationsstübchen" umbenannt werden. Allerdings wäre da noch die neueste Forderung des griechischen Finanzministers: 580 Milliarden Euro Tantiemen für die jahrhundertelange Nutzung des Satz des Pythagoras. Abgelehnt! 99,9 Prozent der Deutschen wisse gar nicht, was das ist. Und sowieso: Griechischer Finanzminister klingt wie Gleichstellungsbeauftragter in Saudi-Arabien.

Wie gesagt, der Kleine Tierfreund scheint Wischmeyer weiterhin besonders nah am Herz zu sein. Grandios dessen Murmelei von naturgegebenen Zuordnungen böser Tiere (feminin, beispielsweise die Zecke, die Mücke, die Kakerlake) und Plagen (feminin, beispielsweise Ebola statt Ebolo) sowie deren Feinden (maskulin, beispielsweise der Spaten, der Giftspritzbehälter). Nicht ohne Grund gingen die Besucher des restlos vollen Boulevardtheaters mit dem dritten Tierfreund-Beitrag als letzte Zugabe heim. Allerdings dürfte der Spargel danach etwas sonderbar schmecken. Der Tierfreund meint, es sei ein blasses Tier und das, was unter Folie erscheint, der erigierte Penis männlicher Exemplare.

Dietmar Wischmeyer ist nur marginal im Fernsehen vertreten (heute-Show), hat Stammplätze für sein "Schwarzbuch" auf Radio Eins, schreibt exzessiv Kolumnen, Hörbücher und Bücher aus Papier. Dort ist er daheim. Und sicher. Manchmal muss es eben böse sein, Wischmeyer hat die Lizenz dafür.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.05.2015

Andreas Körner

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