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Magengrubenfrühling - Mount Washington und The Bianca Story zu Gast in Dresden

Magengrubenfrühling - Mount Washington und The Bianca Story zu Gast in Dresden

Wenn Washington, so hieß die Band vor der Umbenennung im letzten November, in eine Stadt von der Größe Dresdens kamen, so trugen sie bis dato das einsame Dösen des norwegischen Tromsøs in urbane Clubs.

Dabei lastete eine gewisse Schwermut nicht selten wie ein leiser Fluch auf der entrollten Elegie. Um eine neue Platte unter neuem Namen mit kreativer Frischluft zu erwecken, zog man um, und zwar - rollen Sie ruhig erst einmal mit den Augen - nach Berlin. Da Washington aber von der Wurzel auf kein bisschen unter Hipsteritis leiden, ging es, und das merkt man dem noch pressfrischen Album durchaus an, tatsächlich um die Luftveränderung. So gesehen kommt das eher waldläufige Label Glitterhouse um die Release-Party im Berghain noch einmal herum und Rune, Esko und Andreas verschonen uns mit Acid-House-Exzessen in Strumpfhosen.

Doch auch wenn sich der Partyverdacht mit dem vierten Longplayer nicht wirklich erhärtet, so zieht doch eine ätherisch-synthetische Brise den Muff aus dem elegischen Trott und im Arrangement wird Platz für leichtfüßigen, aufrechten Gang, ja sogar: leichtes Hüpfen, berstend vor Erwartung. Man atmet durch, der Opener des Albums, "How does it feel?", fragt so nach dem Gefühl der Einsamkeit herrlich beiläufig, dass die früher zelebrierte Feierlichkeit nun für sich punktgenau im Herz aufgeht und sinngemäß nicht auf dem Silbertablett herumgereicht wird. In "Silver screen" sucht man hingegen fast schon sommerromantisch nach dem Ort, an dem die Sonne untergegangen ist, beschwört dazu stürmisch und gekonnt alles Instrumentarium, das in der Flüchtigkeit des emotionalen Ausbruchs aufzutreiben war und streut in den Luftholpausen ein paar durchaus witzig-passende Elektropop-/House-Zitate. Sehr eigen diese wunderschöne Platte, sehr luftig, frei und inspiriert. Und am Schluss gehen Mount Washington nach einem schön scharfkantig angerockten "Broken Home" mit "Radio Silence" auch nochmal in den wabernden Retrospektive-Keller und schenken dunklen Wein ein, der - wie Oma sagen würde - in die Beine geht. Mehr Rückkoppelung als Dancefloor.

Noch ungewöhnlicher für Ohren mit eher eingefahrenen Genre-Vorlieben dürfte das bunte Art-Pop-Karussell des fünfköpfigen Schweizer Kollektivs The Bianca Story sein, das auf dem aktuellen Album "Coming home" permanent die Überhitzung droht. Hier heißt es (folge)richtig: "Dancing people are never wrong". Dazu wuchtet man Streicher auf den Emotionsrummel der menschlichen Unzulänglichkeiten, singt im dringlichen Permanent-Duett, haut auf die Kuhglocke wie die Talking Heads und synthetisiert sich die entsprechenden Partygirlanden herbei. Extrem wandlungsfähig, reichhaltig und kein bisschen blöd. Allerhand also für zwei aufeinanderfolgende Sunset-Mission-Abende in der Scheune. Klarsicht versus Wahnsinn. Frühling! So oder so.

heute The Bianca Story, morgen Mount Washington, jeweils 21 Uhr in der Scheune

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.03.2012

Niklas Sommer

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