Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Macht, Besitz, Leidenschaft - Pfui Teufel!: Das Dresdner Puppentheater feiert 60. mit einem Faust-Stück

Macht, Besitz, Leidenschaft - Pfui Teufel!: Das Dresdner Puppentheater feiert 60. mit einem Faust-Stück

Mit einem wunderbaren Spiel-Kostüm-Fest beging das Theater Junge Generation den 60-Jährigen seines Puppentheaters. Es gab den Theaterjahrmarkt unter dem Motto "Himmel, Hölle, Kaspar" mit vielen Gratulanten-Gasttheatern, Schau-Attraktionen und Mitmach-Stationen - und 1500 Besucher kamen.

Voriger Artikel
Operette: Jeder Mitarbeiter gibt 39000 Euro zum Neubau dazu
Nächster Artikel
Gaynial: "Meine Braut, sein Vater und ich" als deutsche Erstaufführung in der Dresdner Comödie

Ivana Sajevic und Christian Pfütze führen Doktor Faustus, Uwe Steinbach und Philipp Plessmann führen Mephisto.

Quelle: Klaus Gigga

Dazwischen wuselten kleine Teufel und Engel in selbstgemachter Verkleidung. Es gab einen Engel als Abschlussbild, so groß wie das Theaterhaus an der Meißner Landstraße selbst. Weiß war er und wunderschön, schlug mit seinen Federflügeln und blinkerte mit himmelblauen Augen. Und der Teufel, der sich gerade frechen Rock'n'Roll singend vom Dach abgeseilt hatte, saß ganz entspannt dabei. Möge dieser Schutzengel das Dresdner Puppentheater und sein Matrjoschka-Mutter-Haus TJG auch in Zukunft, allerorts und jederzeit begleiten!

Dann konnte, wer wollte und Premierengast war, mit einer besonderen Straßenbahn zum Rundkino auf der Prager Straße fahren. Darin spielten Barbara Wiemann und Klaus Frenzel - der wohl das Puppentheater Dresden am besten von allen kennt und sich leider, leider Ende des Monats in den Ruhestand verabschiedet - mit Puppe und Akkordeon ein amüsantes Kurzstück, das man "Stadtrundfahrt durchs Leben" nennen könnte. Im Rundkino angekommen, ging das Geburtstagsfest gleich zu seinem grandiosen Höhepunkt und Abschluss über: Zur Premiere von der "Geschichte von Doktor Faust". Und natürlich waren Himmel, Hölle, Kaspar wieder mit von der Partie.

Regisseur Moritz Sostmann hat diese Faust-Geschichte stark an Christopher Marlowes Vorlage angelehnt, die Ende des 16. Jahrhunderts entstand und das deutsche Volksbuch lange vor Johann Wolfgang Goethe dramatisierte. Englische Wanderbühnen brachten es wieder nach Deutschland zurück. In Marlowes - und auch der Dresdner Version - ist Faust ein ungeduldiger, junger Mann mit großen Talenten und noch größeren Ambitionen. Forschung und Karriere sind ihm zu anstrengend - er will schnell ans Ziel. So gerät er an den Teufel und glaubt bis fast zuletzt, dass er alles im Griff hat. Da hat er den Vertrag mit seinem eigenen Blut schon unterschrieben.

Ohne Zweifel sind das Besondere an dieser Inszenierung die Puppen. Hagen Tilp hat sie hergestellt und sie besonders lebensecht gestaltet. Und wenn es noch so fröhlich oder heiß hergeht - Fausts große Augen blicken unverändert melancholisch ins Publikum. Mitunter scheint die Puppe tatsächlich zu sprechen - oder gar zu schwitzen. Das hat etwas Irritierendes, Magisches. Das kommt sicher daher, dass Hagen Tilp einen besonderen Kunststoff für das Gesicht verwendet hat - vor allem aber kommt es vom Spiel.

Faust, Mephisto, die clownesken Teenies Ralph und Maja und die anderen Figuren werden meisterlich von Christian Pfütze, Uwe Steinbach, Ivana Sajevi und Philipp Plessmann gespielt. Letzterer ist auch mit eigenen Kompositionen vertreten und singt und musiziert selbst auf der Bühne. Die Puppen sind Tischpuppen - jede von zwei Spielern sichtbar auf einem riesigen, nachempfundenen iPad animiert und unsere Schwächen und Gelüste wie auf einem Präsentierteller zur Schau stellend. Jeder Puppenspieler ist auch jederzeit Schauspieler. So, wie es vermutlich auch zu Marlowes Zeiten und in den Wandertheatern der Renaissance war.

Und die Geschichte? Faust erlebt allerhand Aufregendes. Ein Glanzlicht ist die Darstellung der sieben Todsünden. Auch der Auftritt des Kaisers mit dem Dieter-Bohlen-Dauer-Lachen nach der Pause, nach der das Stück merklich an Dichte und Humor zu gewinnen schien. Am Ende kommt der Teufel Faust holen, und es zerreißt ihn auf fürchterliche Art in tausend Stücke. Die Kasper in diesem Stück, die Crash-Kids Maja und Ralph, behalten das letzte Wort: "So ist es im Leben, wenn man's übertreibt". Und finden selbst zueinander und Kuss und Schluss.

Natürlich ist das eher nicht wie im echten Leben, so schwarz-weiß und gut-böse. Aber, wer weiß. Vielleicht ist die Zeit für Lehrstücke wieder gekommen, um den Menschen ganz direkt zu sagen, dass sie ihr Glück in der Schnelle, in Macht, Besitz, in Leidenschaft und - was noch? - unbegrenztem Forscherdrang eher nicht finden, sondern damit immer nur "beim Teufel" landen. Das Dresdner Puppentheater kann es. Hier, wie an fast keinem anderen Ort, wird die Welt für einen Moment schillernd, magisch, erklärbar und spielerisch leicht.

Wir lieben es dafür - das soll zum 60. noch einmal ausdrücklich gesagt sein. Wir brauchen unser Puppentheater, für Klein und Groß. Es ist unersetzlich für uns. Wir wünschen es uns im TJG im Kraftwerk Mitte. Damit es endlich aus seiner Rand-Existenz in Popcorn-Großkinos und ruinösen Gebäuden herauskommt und auch topografisch dahin rückt, wo es schon längst ist - in die Mitte unserer Herzen.

nächste Vorstellungen: heute und morgen, 10 Uhr, Puppentheater im Rundkino, Prager Straße. Karten: Tel. 0351/4965370

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.10.2012

Andrea Rook

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr