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Macher und Feingeist: Udo Zimmermann wird 70

Macher und Feingeist: Udo Zimmermann wird 70

Es ist ziemlich still geworden um Udo Zimmermann. Zwar hat er im Sommer ein neues Violinkonzert herausgebracht, uraufgeführt von Elena Denisova beim Wörthersee-Festival, zwar werden seine Opern, allen voran "Die weiße Rose" um das Schicksal der Geschwister Scholl, in aller Welt gespielt - doch der einstige Mahner und Rufer mischt sich schon längst nicht mehr ein.

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Udo Zimmermann

Quelle: Arno Burgi

Bevor er morgen seinen 70. Geburtstag begeht, stimmt die Dresdner Philharmonie im Verbund mit dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau heute Abend im Festspielhaus konzertant seine "Weiße Rose" an. Die Landesbühnen Sachsen folgen am 19. Oktober mit einem Sonderkonzert zu Ehren des einstigen Kruzianers.

Im Dresdner Kreuzchor liegen tatsächlich die musikalischen Wurzeln des gebürtigen Dresdners. Von 1954 bis 1962 genoss er dort die Vermittlung von Rüstzeug, das ihm auf seinem kompositorischen Weg fortan begleiten sollte. Kreuzkantor Rudolf Mauersberger förderte erste Kompositionsversuche und setzte sich für deren Aufführung ein. Religiösen Prägungen wie im "Vaterunserlied" von 1959 ist Udo Zimmermann zeitlebens treu geblieben und hat den Humanismus späterer Werke nicht zuletzt aus seinem Glauben gespeist. Bei allem handschriftlichen Wandel haftet ihnen eine starke Wirkungsmacht an.

Weit über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus bekannt geworden ist der einstige Assistent Walter Felsensteins an der Komischen Oper Berlin, der von 1970 an sehr komfortabel als Dramaturg für zeitgenössisches Musiktheater an der Sächsischen Staatsoper seiner Kreativität frönen durfte, neben dem wiederholt bearbeiteten Scholl-Stoff vor allem mit Opern wie "Levins Mühle" (nach Johannes Bobrowski), "Der Schuhu und die fliegende Prinzessin" (Peter Hacks) sowie "Die wundersame Schustersfrau" (Federico Garcia Lorca). Selbstbewusst trieb er parallele Uraufführungen seiner Werke an ost- wie westdeutschen Bühnen voran und organisierte zudem deutsch-deutsche Berichterstattung von der F.A.Z. bis zum Neuen Deutschland. Diese Kontaktpflege - medial, politisch, aber auch künstlerisch - sollte ihm zur Wiedervereinigung sehr hilfreich sein.

Udo Zimmermann, der bereits ab 1985 die Werkstatt für zeitgenössisches Musiktheater an der Oper Bonn leiten und zahlreiche europäische Orchester dirigieren durfte, sah sich stets als Europäer mit grenzenlosem Sendungsbewusstsein. Von 1990 an sorgte er elf Jahre lang als Intendant der Oper Leipzig für deren überregionale Wahrnehmung, heimste mehrfach den Titel "Opernhaus des Jahres" ein und holte Lichtgestalten wie Ruth Berghaus, George Tabori, Karlheinz Stockhausen, György Ligeti und viele andere an die Pleiße. Das Magazin "Der Spiegel" erhob ihn zum "Hochstapler auf der Rostkutsche", respektierte aber, dass ein Großteil seiner vollmundigen Ankündigungen Realität wurde. Steven Spielberg als "Ring"-Regisseur blieb zwar Sprechblase, die 300-Jahr-Feier der Leipziger Oper ging jedoch mit einem Premierenreigen über die Bühne, unter den Uraufführungskomponisten der Dresdner Jörg Herchet. Mit Ballettchef Uwe Scholz erlebte auch der Tanz eine Blütezeit.

Weniger glückhaft war Zimmermann in Dirigentenfragen. Er verschliss in seiner Amtszeit wohl ein halbes Dutzend Chefdirigenten. Irgendwann schielte er gen München und Zürich, wurde 1997 zum Aufschwung verheißenden Chef der musica viva am Bayrischen Rundfunk gekürt, die er zu künstlerischen Höhenflügen durchstartete, und übernahm 2001 als Generalintendant die Deutsche Oper Berlin. All die Jahre visionären Musiktheaters, das ihm stets Musik aus dem Geist des Theaters und Theater aus dem Geist der Musik bedeutete, sie sollten wohl an der Spree gipfeln. Dieser Traum scheiterte sehr rasch im hauptstädtischen Intrigantenstadl - Zimmermann fand sich mit seinem nicht mal halb umgesetzten Konzept rasch auf die Charlottenburger Straßen gesetzt.

Selbst Intimkenner, die beizeiten ein Scheitern in Berlin voraussagten, waren von einem so raschen Sturz überrascht. Doch Zimmermann zauberte selbst aus Krisen noch stets Erfolgsmeldungen und ließ in den Medien nur einen Tag später das "Europäische Zentrum der Künste" titeln, das er in Hellerau als "Grünen Hügel der Moderne" zu errichten gedachte. Damit knüpfte der Macher und Feingeist an sein 1986 auf der Schevenstraße gegründetes Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik an, das ein Hort musikalischer Moderne war und als Drehscheibe zwischen Ost- und Westeuropa fungierte. Bis 2008 leitete Udo Zimmermann dieses nun im Festspielhaus Hellerau residierende Institut, drei Jahre später gab er in München die Leitung der musica viva und in Dresden das Amt als Präsident der Sächsischen Akademie der Künste auf. Letzteres hatte er 2008 von seinem Bruder Ingo übernommen.

In all diesen Jahren hat sich Udo Zimmermann seine Freundschaften eher pragmatisch gewählt und viel Energie in Beziehungspflege gesteckt, doch meist im Dienst der Sache. Seit er die Vernetzungen qua Amt nicht mehr braucht, findet er wieder mehr Freiraum zum Komponieren. Zu wünschen wäre ihm die Kraft, das lang gehegte Projekt der Oper "Gantenbein" nach Max Frisch fertigzustellen.

MDR Figaro sendet heute (5.10., 20.05 Uhr) ein Komponistenporträt

Kammeroper "Weiße Rose" (konzertant), Dresdner Philharmonie im Festspielhaus Hellerau heute 20 Uhr

Sonderkonzert der Landesbühnen Sachsen am 19. Oktober, 19 Uhr, mit Ausschnitten aus Zimmermanns Opern "Die zweite Entscheidung", "Die wundersame Schustersfrau" und "Levins Mühle"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.10.2013

Michael Ernst

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