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Lydia Lunch aus New York beschert Dresdner Tonne den „Retrovirus“

Dampfrock vom Ground Zero Lydia Lunch aus New York beschert Dresdner Tonne den „Retrovirus“

Lydia Lunch aus New York trat am Dienstag im Jazzclub-Tonne auf. Im Gepäck hatte sie viele namhafte Begleitmusiker und ihr neues Album Retrovirus.

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Lydia Lunch in der Tonne.

Quelle: Foto: Dietrich Flechtner

Dresden. Es war kein normales Konzert – so ganz kurz nach dem 35-jährigen Tonne-Geburtstag. Draußen rumorten etliche Leih-Laster, um das Albertinum zu be- oder entladen. Doch unter der Straße wummerte es noch brachialer, denn Lydia Lunch war zu Gast und brachte den „Retrovirus“ ins Gewölbe. Denn so nennt sich passenderweise deren allerjüngste Scheibe und rockt damit in alteuropäischen Lokalen wie dem Cottbuser Gladhouse, dem Berliner Frannz Klub, im Loppen in Christiania bei Kopenhagen oder – letztes Jahre – das UT Connewitz zu Leipzig. Und nun die Jazztonne an ihrem noblen Ursprungsort.

Das macht gar nichts, begann doch die New Yorkerin des Jahrgangs 1959, die eigentlich Lydia Anne Koch heißt und mit der Stimmkraft Nina Hagens und der Körperhöhe Angelika Manns gesegnet ist, schon 1977 mit No Wave per „Teenage Jesus & the Jerks“ und war vielleicht zu Zeiten der Tonne-Gründung, als sie mit Die Haut „Der Karibische Western“ und mit Einstürzende Neubauten „Thirsty Animal“ aufnahm, auf dem Höhepunkt ihrer Klasse.

Wer die Frontfrau, die auch als Dichterin wie Schauspielerin in Erscheinung tritt, heute erlebt, merkt schnell, dass solche Vergleichen schlimmer hinken als Mephisto, denn Hagen kann klassisch und hoch, Lunch nur richtig röhren – und das tut sie schräg und konventionslos wie gewohnt. Dabei ist das, was sie selbst Avantgarde-Rock nennt, nur abhängig von ihren Musikern zelebrieren.

Und die sind derzeit aufgrund ihrer Bühnenerfahrung eine Klasse für sich: Schlagzeuger Bob Bert trommelte bereits bei Sonic Youth und Pussy Galore, Gitarrist Walter Weasel bei Flying Luttenbachers und Bassist Tim Dahl bei Child Abuse. In Dresden geben sie ihrer Frontfrau, die Songs wie „Final Solution“ oder „Love Split With Blood“ oder „Fields of Fire“ so als ob es keine Morgen gäbe singt und spielt, Feuer wie Rückhalt und wagen teils waghalsige Momente, die ein Großteil hier so noch nie oder lange nicht gehört haben dürfte.

Das gilt für musikalische Extravaganzen ebenso wie für die Bühnenshow, die eine große Spritzigkeit, auch in Form von Schweiß und Bier, verheiß. Besonders um Walter Weasel musste man Angst haben, dass er samt seiner Gitarre nicht am Mauerwerk zerschellte, während die Chefin auch mal vorn an der Rampe mit dem Fächer wedelte und genüsslich rauchte, was erstaunlich viele zum Anlass nahmen, verwackelte Homevideos zu produzieren.

Das Publikum, zu drei Vierteln Männer zwischen 44 und 55, welches man optisch eher in Tante JU oder Blue Note verorten würde, benahm sich dabei überaus szenetypisch: Die Bar war immer gut besucht, vorn wurde gerockt, hinten genickt, aber die Sitzplätze meist stolz negiert. Zum Schluss begab sich die Grand Dame vom Ground Zero nach einer einzigen, aber famosen Zugabe sofort zur Autogrammviertelstunde am Plattenstand.

lydia-lunch.org

Von Andreas Herrmann

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