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Lutz Rathenow erinnert sich, wie sich Heimat für ihn anfühlte

Lutz Rathenow erinnert sich, wie sich Heimat für ihn anfühlte

Denk ich an Deutschland, denke ich an meine Heimat in Thüringen. Sie besteht aus Momenten, die man sich nicht freiwillig aussuchen kann. Sie wächst einem zu, Stück für Stück.

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Lutz Rathenow Schriftsteller & Sachsens Landesbeauftragter für Stasiunterlagen

Bilder, Gerüche selbst der Geschmack kann Heimat sein. Oder sehr viel später zu einer werden, wenn etwas an etwas erinnert: zum Beispiel an das Ur-Essen aus der Kindheit. Das, wovon man nie genug bekommen konnte: zum Beispiel Mehlklümpchensuppe, von Oma herbeigezaubert.

Diese glücklichen Momente. In bläulicher Zwetschgensoße schwimmen unregelmäßig geformte weiße Brocken. Mehlklümpchenwolken. Mehl plus Milch plus Wasser ergaben diese Soße, die zuckerfrei ins kochende Wasser gekippt, diese Klümpchenwelt zeugte. Nicht ganz kochend, vielleicht lag es an der geheim gehaltenen Temperatur, dass diese Speise bei anderen Familienmitgliedern später nie so recht zustande kam. Gekochte Zwetschgen mit reichlich Soße nahmen sich nur bei Oma des Klumpenuniversums an und ließen es in seiner Süße langsam auf dem Teller entlang gleiten. Wenn der Löffel für entsprechende Bewegungen sorgte.

Der Staat mischt sich erst spät in die Heimat ein. Oder früh, ganz früh, wenn es einer noch nicht bemerkt. Er kann Landschaften beschädigen und Gerüche verändern, durch Industrie oder einen Verzicht darauf. Zu meiner Heimat gehört der Zement im Haus meines Opas, die Fabrik war ganz in der Nähe. Die Dächer wurden per Wind verputzt, die Wäsche musste vom Zement befreit werden. Der Staat kann die durchschnittliche Lebenserwartung beeinflussen und Biografien dirigieren, aber nicht die Gefühle. Heimat, eine Summe von Erlebnissen, Reflexen, Sinneseindrücken - die Gefühle schnüren sie zu einer einzigen zusammen. Alle tragen ihre Heimat zwischen Herz und Hirn. Eine Merkwürdigkeit: zu meiner Heimat damals in Jena gehörte der Westen. An sich und in konkreter Gestalt des Westfernsehens oder der vor Feiertagen eingehenden Westpakete. Wenn meine Oma umschaltete auf das DDR-Fernsehen (Montagabend zum Beispiel, ja, der alte Film), sagte sie: Schaun wir mal, was drüben kommt.

Dann als Jugendlicher wollte ich Heimat und Deutschland immer loswerden. Sie war mir peinlich. Der Ort Jena zu klein, spießig, muffig, deutsch. Fast könnte ich meinen späteren Heimatbegriff mit einer Summe von Aversionen zusammenbringen. Der Staat DDR erstickte uns mit seiner Liebe. "Der Jugend gehört die Zukunft" war immer wieder auf Plakaten zu lesen. "Und wem die Gegenwart?", schrieb ein Freund unter eines darunter. Natürlich heimlich.

Ich flüchtete in die Großstadt Ostberlin und versuchte, Spaß an einer eingebildeten Heimatlosigkeit (größeren Deutschlandlosigkeit?) zu haben. In Wirklichkeit wurde ich zu einem Gesamtdeutschen im Zölibat einer DDR-Existenz. Heimat war damals ritualisiert DDR-patriotisch oder hoffnungsvoll konspirativ gesamtdeutsch - oder es musste etwas sein, das sehr individuell war und irgendwo dazwischen steckte. So persönlich war Heimat noch nie und vielleicht nie wieder - wie damals für mich in der DDR. Die ich bis zu ihrem Ende nie verließ und von der ich mich doch beständig entfernte.

Und es begann die Zeit als Jugendlicher, in dem ich das DDR-geprägten Deutschsein und jenes der Westdeutschen ständig zu vergleichen genötigt war. Zum Beispiel während der Ferien in Ungarn 1968 am Plattensee. Einnehmend selbstbewusst bis selbstverständlich arrogant die Westdeutschen, neugierig kumpelhaft bis anbiedernd tückisch die Ostdeutschen. Die einen bestärkt von, die anderen genervt durch ihre landeseigene Währung. Das Deutsche bot sich immer als ein Wettbewerb seiner Möglichkeitsformen dar - als ein Kampf um Identität. Genau wie mit den Heimatgefühlen. Sie entstehen, wenn die auslösenden Dinge verschwunden sind. Und jeder sucht verzweifelt gierig nach ihren Echos. Der Verlust der DDR als glückliche Heimaterschütterung und langsamer neue Identitätsfindung.

Heimat? Deutschland? Wie sehr kratzt so ein Wort an der Hülle zu den Gefühlen?

Mit fortschreitendem Alter führt der Begriff wie eine Wünschelrute in die frühe Kindheit zurück. Heimat, die Sehnsucht nach der Zeit, die dich traurig macht. Du sitzt auf dem Balkon und riechst, hörst, schmeckst die Vergangenheit. Da möchtest du bleiben, verweilen und bekommst im selben Moment Angst vor diesem Ort, jede Berührung eine Erinnerung, die dich lähmt. Und anregt.

Prosaischer Nachsatz: Die Überwindung der DDR ist und bleibt eine historische Leistung, deshalb wäre ein Feiertag (der so eng am ehemaligen Feiertag der DDR liegt) besser am 9. Oktober positioniert. Um - neben vielen anderen entscheidenden Ereignissen in jenen Tagen vor allem in Dresden und Plauen - an jene Demonstration am 9. Oktober in Leipzig zu erinnern, die die Macht kippen ließ. Ein Jahrhunderttag, gerade weil in Jahrzehnten zuvor ganz andere Dinge an ihm passierten.

Lutz Rathenow beschäftigt sich als Autor unter anderem in dem Bilderbuch "Ein Eisbär aus Apolda" auf mehrdeutige Weise mit dem Fortbewegen und Heimat, illustriert von Egbert Herfurth (Leiv Verlag Leipzig)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.10.2012

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