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Lustspiel als Leibesreigen: "Die Hose" im Societätstheater Dresden

Lustspiel als Leibesreigen: "Die Hose" im Societätstheater Dresden

"Zimmer frei" hängt als Werbung am Fenster der Familie Maske. Doch zwei Tage vorm ersten Hochzeitstag rutscht Luise Maske (Lisan Lantin) aus Versehen ihr Höschen auf die Straße - beobachtet von etlichen Augenzeugen und Grund genug für den Gatten Theobald (Wolfgang Boos), sie tüchtig zu züchtigen - mit dem aktuellen "Kurier" immer auf den Po.

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Theobald (Wolfgang Boos) mit seiner Gattin Luise Maske (Lisan Lantin).

Quelle: Detlef Ulbrich

Das liegt daran, dass Carl Sternheims Lustspiel "Die Hose", eingebettet in dessen Zyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" reichlich einhundert Jahre alt ist. Somit ist es frei von Zensur und Tantiemen spielbar und erlebt nun eine Renaissance als Sommertheaterstück der "Dramaten" im Hofgarten des Societaetstheaters.

Luises loser Doppelknoten, bei zarten 61 Zentimeter Hüftumfang, sorgt aber nicht nur für Empörung, sondern auch für sofortige Vermietung der beiden Zimmer - an lüsterne Unfallzeugen. Der eine, ein stringenter Mann von Weltbildung (Saro Emirze als Scarron), hätte leichtes Spiel bei ihr, der andere, ein weinerlicher Barbier (Boris Schwiebert als Mandelstam), ist eher der frauenverstehende Platoniker und hat mit Wagner-Rezitation schlechte Karten. Vermieter Theobald freut sich vor allem über beider Miete und testet sie auf Gesundheit oder Trinkfestigkeit, während seine Luise sich schleunigst über Scarron hermachen will. Nachbarin Gertrud (Kathleen Gaube) rät ihr zu - und lockt derweil den spießigen Theobald zum Schäferstündchen, während dessen Frau doch arg enttäuscht wird -

Doch als Maske ein Zimmer für ein Jahr im Voraus bezahlt bekommt und es - dank der Flucht des nur vermeintlich wilden Scarrons - noch einmal neu vermieten kann, ist die Zeit endlich reif, mit Luise ein Kind zu zeugen: Per Beamtensex, stehend über der Stuhllehne, fast einschlafend. "Widerlich" finden das alle Beteiligten und führen als Zugabe noch einmal ihr Eingangsballett auf.

Letztlich bleiben nach pausenlosen 85 Minuten einige Fragen offen, vor allem die nach den Gründen der jeweiligen Begehrlichkeiten jenseits von Abgründen. Denn keines der kurzen Liebes- respektive Leibesspiele erschließt sich so recht, sieht man von der Lust der einsamen Nachbarin auf den wohlsituierten Beamten Maske ab. Auch warum der eine Nebenbuhler plötzlich scheitert und verschwindet und der andere dafür per Hitlerpersiflage doppelt auftaucht, erschließt sich nicht.

Boris Schwiebert, ausgestattet mit enormer Bühnenpräsenz in ernsten oder ambivalenten Rollen, ist hier mit rein albernem Spiel schlicht unterfordert. Auch Lisa Lantin, mit frischem Rostocker Schauspieldiplom gesegnet, wünscht man sich, statt in steter Flittchenpose, mal in Szenen mit echten Konflikten. Getragen wird das Stück, wie fast jede Dramaten-Produktion, letztlich vom körperlichen und beweglichen Spiel von Wolfgang Boos, der den kauzigen, gefühlsfernen Beamten spielt, dem selbst Avancen an die eigene, eigentlich viel zu junge und schöne Frau nicht sonderlich tangieren, solange sie nützen.

Sternheims Wirkung liegt in der damaligen Brisanz als humorvolle Spitze gegen nationales Spießertum, hier überwiegt hingegen der komödiantische Zugriff, von dem sicher einige furios ausgespielte Einzelszenen hängen bleiben. Die Bühnenidee mit den beiden Sitzplätzchen als stilisierte Zimmer hoch oben an den hinteren Streben der Bühnenkonstruktion ist witzig, auch die zahlreichen und schnellen Auf- und Abtritte über die Wiese und direkt aus dem Haus, bei dem der große Saal als blitzschnelle Regenvariante herhalten kann, funktionieren gut.

Doch nach furiosen Beginn und in enttäuschter Erwartung einer lustigen oder obskuren Wendung bleibt eine seltsame Ratlosigkeit - einerseits über die damaligen Verbote, andererseits um die heutige Belanglosigkeit der Geschichte (zumindest seit Erfindung des Gummizuges), die hier mit sexueller Aufladung, die so nicht im Text steckt, kaschiert wird.

iBis 4. August jeweils mittwochs bis sonntags 20 Uhr im Hofgarten des Societaetstheaters.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.07.2013

Andreas Herrmann

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