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Lust an Scharade und Maskerade: Erste Allgemeine Verunsicherung im Dresdner Kulturpalast

Lust an Scharade und Maskerade: Erste Allgemeine Verunsicherung im Dresdner Kulturpalast

"Willkommen im Neandertal / mit Facebook, Twitter und Sexportal. / Willkommen im Neandertal, / mit Baseballschläger und Rübe kahl". Die gereimte Begrüßung ist natürlich ironisch gemeint, so richtig glücklich ist Klaus Eberhartinger, Leadsänger der Gruppe Erste Allgemeine Verunsicherung, die im ausverkauften Kulturpalast aufspielte, nämlich nicht über das, was sich so tut im Land und dem Rest der Welt.

Talk-Shows, schnäppchengeile Mitmenschen ("Rabatt, Rabatt, wer hat, der hat"), überforderte Politiker - alle bekommen ihr Fett weg. Apropos Fett: Dass die Leute sich dort Fett absaugen und dort wieder einspritzen ("Das nennt man wohl Fett mit Migrationshintergrund") wird natürlich auch moniert.

Ja, die Erste Allgemeine Verunsicherung, wie das Gros der Fans ein bisschen in die Jahre gekommen, aber beileibe nicht aus der Zeit gefallen wie andere Barden, mag es deftig. Und serviert bei allem Charme (die Damen im Saal, auch die im "hochalpinen Zuschauerbereich", im Rang also, werden mit "Küss die Hand" begrüßt) und Schmäh nur vordergründig leichte Kost. Natürlich ist viel Spaß im Spiel, viel Lust an der Scharade und Maskerade, letztlich sind viele Texte aber hinter-, wenn nicht abgründiger, als viele Kritiker wahrhaben wollen, die die EAV als "Klamaukband abtun. Natürlich bescherten Hits wie "Märchenprinz", "Ba-Ba-Banküberfall", "Küss' die Hand, schöne Frau" oder "Heiße Nächte" (in Palermo), die an diesem Abend nicht fehlen, den Österreichern ein Spaßmacher-Image, dieses aber war zum Großteil eine Folge der Praxis im Pop-Markt, die jeweiligen Singles aus dem Gesamtkontext der dazugehörigen Alben zu reißen.

Dabei versucht die Band seit jeher, Musikkabarett mit Anspruch und durchaus nettem Unterhaltungswert zu verbinden - was auch bei diesem vielumjubelten Konzert wieder durchaus überzeugend gelingt. Die Lieder stehen schon im Zentrum, aber fast ebenso großen Raum nehmen die Moderationen Eberhartingers ein, der den Bühnenkasper macht, ein ums andere Mal in die unterschiedlichsten Kostüme schlüpft, den Knastbrüder, den Sandler (=Penner) oder auch den Mafioso macht. Es ist einerseits albernes Kasperletheater, andererseits sind es sind nicht zuletzt Eberhartingers markante Interpretationen, die der Band stilistisch das gewisse Etwas verleihen.

Das ist schon mehr als Comedy, was hier betrieben wird. Da liegt durchaus ein Hauch von Kabarett in der Luft. Nicht moralinsaures à la Schramm und Priol vielleicht, aber nachhaltig ist es durchaus, und vor allem mal nicht die üblichen verdächtigen Schichten erreichend. So fragt man sich unwillkürlich schon, wer von den Herren im Saal sich bei dem Reim "Herr Meier ist eine graue Maus, im Goldenen Dreieck lässt er die Sau heraus" möglicherweise an die eigene Nase fassen muss. Aber vermutlich trifft eine Erkenntnis des im vergangenen Jahr verstorbenen Kabarettisten und Musikers Georg Kreisler zu: "Ich seh' die Leute unten denken, seh' sie schwanken. / Und ihre Tränen fallen meinen vis à vis. / Ich wollt' auch allzu gern mit dem und jenem zanken, / doch sie danken und entschwinden mit der eignen Melodie" (die in jenem Fall ganz Fernost-Klischees bedient).

Der Kalauer über die beiden Wracks Costa Concordia und Costa Cordalis ist mäßig originell, aber der Witz darüber, dass, anders als der von Bord geflüchtete Kapitän, Berlusconi schon immer nach der Devise "Frauen und Minderjährige" zuerst gehandelt habe, hat was. Süßlich-kitschig kann es mitunter schon werden, aber vorzugsweise lässt man es rockig krachen. Das "tiefste Mitgefühl", das der Österreicher Eberhartinger uns Piefkes zum "Verlust" unseres Bundespräsidenten ausdrückt (der wie es der Zufall will, justament wenige Stunden zuvor zurückgetreten war), war natürlich auch Ironie pur.

Unverhofft zu neuen Ehren gekommen ist die 1988 erschienene Single "Burli", die die möglichen Folgen des Gaus eines Atomkraftwerks auf Korn nimmt. Nun könnte man ja eine Zeile "Der Burli hat links und rechts drei Ohrli / an jeder Hand zehn Finger, und Hände hat er vier / keiner spielt so schnell Klavier" als satirisch überhöht abtun, aber der mögliche Realitätsgehalt ist höher, als einem lieb ist, selbst wenn man anmerken muss, dass sich im vergangenen Jahr in Japan in erster Linie eine Flutkatastrophe ereignete.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.02.2012

Christian Ruf

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