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Lüstern bis zum Tod: Die Kunsthalle Bremen zeigt nach ihrem Umbau "Edvard Munch - Rätsel hinter der Leinwand"

Lüstern bis zum Tod: Die Kunsthalle Bremen zeigt nach ihrem Umbau "Edvard Munch - Rätsel hinter der Leinwand"

Aus eins mach zwei mach eine Ausstellung. Das könnte die Formel hinter der Retrospektive "Edvard Munch - Rätsel hinter der Leinwand" sein, die in der Kunsthalle Bremen zu sehen ist.

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Edvard Munch: "Das Kind und der Tod", 1899.Repro: Karen Blidow

Eine sensationelle Entdeckung ist Ausgangspunkt der Ausstellung in der norddeutschen Hansestadt. Als erstes deutsches Museum überhaupt erwarb das renommierte Haus 1918 ein Gemälde von Munch: 20 000 Mark zahlte Kunsthalle-Direktor Emil Waldmann für "Das Kind und der Tod" (1899) - ohne zu ahnen, dass das großformatige Werk ein Geheimnis birgt. Dieses sollte sich erst knapp 100 Jahre später zeigen, als das Munch-Werk 2005 zwecks genauerer Untersuchung zurück in seine norwegische Heimat reiste: Experten des Munch Museums in Oslo, die ein Werkverzeichnis des Künstlers (1863-1944) erstellen wollten, fanden hinter dem bekannten Gemälde eine weitere Leinwand. Sie zeigt ein bis dahin unbekanntes Bild Munchs, "Mädchen und drei Männerköpfe", entstanden vermutlich 1895-98.

Das "neue" Gemälde stellt einen weichen Mädchenakt drei stilisierten, bunten Männergesichtern gegenüber. Damit steht es einerseits mitten im Œuvre des gern "Vater der deutschen Expressionisten" genannten Norwegers, dessen Werke zeitlebens um Themen wie Unschuld und Begierde, Liebe und Tod, Trauer und Eifersucht kreisten. Gleichzeitig bewahrt "Mädchen und drei Männerköpfe" ein Rätsel, weil es als Komposition in Munchs Gesamtwerk einzigartig bleibt. Grund genug für die Bremer Ausstellungsmacher, ihrem spektakulären Fund jetzt diese umfassende Ausstellung zu widmen.

Sie belegt, was an Munch heute noch fesselt, ja fasziniert. Denn auch wenn man die scheinbar einfachen, oft aber verstörenden Bilder Munchs - die seine Zeitgenossen im radikalen Versuch, das "lebendige Leben" zu zeigen, Mal um Mal erschreckte - schon oft gesehen zu haben meint, fesseln die Arbeiten des lange in Deutschland beheimateten Munch noch heute. Sie wecken Gefühle im Betrachter - ganz im Sinne ihres Schöpfers. Munch selbst hat sich vermutlich im verstörenden Bild "Mädchen mit drei Männerköpfen" verewigt: Als einer von drei verzerrten Männerköpfen, der links offen aus dem Werk hinausblickt. Die Fratzen bilden ein dramatisches Gegenüber zur bleichen, klaren Mädchenfigur. Die Männer sind der Alptraum des Begehrens, dem die Unschuldige standzuhalten sucht. Die drei Alten sind Rivalen. Verzerrte, bedrohliche Hände greifen vom Rand ins Bild. Eine Verbindung von Symbolismus und Experiment, die, so Ausstellungsmacherin Dorothee Hansen von der Kunsthalle Bremen, in Munchs Schaffen einmalig sei und dennoch zahlreiche Parallelen und Anklänge in anderen Arbeiten hat.

Mit insgesamt 76 Munch-Werken - darunter 36 Gemälde sowie 40 Zeichnungen und Druckgrafiken, von denen allein 33 aus dem Osloer Munch Museum, viele aber auch aus Privatbesitz stammen - versucht "Rätsel hinter der Leinwand" auch, eine zeitliche Einordnung der Neuentdeckung zu geben. Vor allem die Nähe zu Munchs zentraler Werkgruppe, dem 1902 erstmals in Berlin, 1903 dann in Leipzig ausgestellten "Lebensfries" wird deutlich. Ihr spürt die Bremer Ausstellung in einzelnen Motivkreisen wie der Pubertät, der Begierde, Masken, Liebe und Tod, Trauer und Angst sowie das Kind im Dialog mit dem Betrachter nach. Werke wie der weltberühmte "Der Schrei" (um 1895; in Bremen zu sehen als Leihgabe einer Kreide- und Pinsellithografie der Hamburger Kunsthalle), aber auch "Eifersucht im Bad" (1893-98) und die erstmals öffentlich zu sehende "Tragödie" (ca. 1898-1900) belegen Munchs existenziellen Ängste und Fragen. Und sie zeigen die bleibende eindrucksvolle Intensität seiner Arbeiten, dessen zwar künstliche, aber unmittelbar begreifbare Symbolik und Ausdruckskraft Betrachter auch nach 100 Jahren noch berühren. So wie das stille Entsetzen des kleinen Kinds im Angesicht der toten Mutter in "Das Kind und der Tod" - so gesehen fast eine Variation des "Schreies".

Mit seiner Entstehungszeit um 1895-98 gehört "Mädchen und drei Männerköpfe" exakt in die Geburtsstunde der sogenannten Kristiania Boheme, benannte nach dem gleichnamigen Roman von Munchs Landsmann Hans Jæger, der 1885 erschien und die erotische Anziehungskraft junger Mädchen und Frauen schildert. Im damals noch Kristiania genannten Oslo bildete sich daraufhin ein Kreis freisinniger junger Künstler und Künstlerinnen, zu denen auch Edvard Munch gehörte.

Den Schlussakkord der sehenswerten Bremer Munch-Ausstellung setzt ein Raum mit Gemälden von Kinderdarstellungen. Und auch sie zeigen die ganze Bandbreite von Munchs Blick: Hier die spielenden Kinder in Munchs langjähriger Sommerresidenz Åsgårdstrand. Dort das programmatische "Vier Lebensalter" (1902): ein Mädchen und drei alte bis greise Frauen auf der Straße als Metapher für den Kreislauf des Lebens.

"Edvard Munch - Rätsel hinter der Leinwand" ist gleichzeitig die erste Sonderausstellung im neuen Anbau der Kunsthalle Bremen, der Ende August nach über zweijähriger Bauzeit eröffnet wurde. Mit der von den Berliner Architekten Hufnagel Pütz Rafaelian entworfenen Erweiterung gewinnt das 1849 eröffnete Museum rund ein Viertel an zusätzlicher Fläche für Sammlung und Sonderschauen. Raum, der im Fall der aktuellen Munch-Ausstellung bestens genutzt wird.

Christoph Schumann

"Edvard Munch - Rätsel hinter der Leinwand", bis 26. Februar, Kunsthalle Bremen, Am Wall 207

Katalog beim Dumont Buchverlag für 34,95 Euro (im Museum 29 Euro)

www.munch-bremen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.12.2011

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