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Ludovico Einaudi zu Gast in Dresden

Wärme in der kalten „Garde“ Ludovico Einaudi zu Gast in Dresden

Für Oktober wäre es eigentlich ein lauschiger Abend gewesen. „Wir haben auch was Heißes!“, riefen die Getränkeverkäufer den eher defensiv vor ihren Buden flanierenden Menschen zu. Glühwein in der „Garde“! Der August sollte sich was schämen! Wenn sich selbst der Künstler, ein Pianist zudem, die Hände reibt vor Kälte…

Die Töne sitzen, der Klang ist exzellent: Ludovico Einaudi begeisterte mit einfach schöner Musik in der „Garde“.

Quelle: Anja Schneider

Dresden, . Für Oktober wäre es eigentlich ein lauschiger Abend gewesen. „Wir haben auch was Heißes!“, riefen die Getränkeverkäufer den eher defensiv vor ihren Buden flanierenden Menschen zu. Glühwein in der „Garde“! Der August sollte sich was schämen! Wenn sich selbst der Künstler, ein Pianist zudem, die Hände reibt vor Kälte…

Es gibt sicher Originelleres, als den Nachbericht eines Open-Air-Konzertes mit dem Wetter zu beginnen. Im Falle Ludovico Einaudis aber drängt es sich förmlich auf. Denn spätestens beim Kauf der Eintrittskarten – die Hälfte davon mutmaßlich als Geschenk weitergereicht – spielten Ort, Zeit und die naheliegende Ahnung einer wunderbar atmosphärischen Vor-Nacht eine große, wenn nicht gar entscheidende Rolle.

Einaudi, der Italiener, in der „Volksbühne“ von Dresden, nicht in einem strengen Saal! Einaudi, dem es in den letzten Jahren durch beständige Resonanz in gelesenen und gehörten Medien, durch viel gekaufte Platten in Charts und gebrannte unter der Hand, ausverkaufte Touren und diesem wie stets unbestimmbaren Faktor X gelungen ist, sich in die Ohren und Herzen der Menschen zu spielen. Bei ihm braucht keiner das Abonnement für eine Klassik-Reihe, muss nicht einmal wissen, wo die Oper in der Stadt steht, denn Einaudi ist Pop geworden, zumindest, was die leuchtfeuernde Weitergabe seiner Musik anbetrifft. Weltweit, übrigens!

Genauso zeigte sich auch die mit 3500 Besuchern vollends gefüllte „Garde“ am Mittwochabend. Ganze Familien waren erschienen, vier Generationen – von Babys, Schuleingeführten und Pubertierenden hin zu Liebespaaren am Anfang ihrer 20, Liebespaaren am Ende ihrer 50, Alleinsitzende, Großmütter und -väter auch. Leger im Freizeitlook gekleidet, akkurat in langem Kleid und Anzug, selbst ausgetretene Wanderschuhe und markenreine Outdoorklamotten wurden im Amphi-Halbrund gesehen. Kurzum: das Erwartete. Den zum Teil frenetischen Reaktionen am Ende des knapp zweistündigen Auftritts nach zu urteilen, begleitete das wohlige Gefühl des nunmehr Erfüllten dann den Heimgang. Ludovico Einaudi und sein fünfköpfiges Ensemble hatten nichts unternommen, um gesetzte Erwartungen zu enttäuschen.

Keine Dissonanzen, wie man sie – selten zwar, aber doch vorkommend wie zuletzt bei seinem irritierenden „Taranta“-Project“ – von früheren Auftritten hörte, kein Abgleiten in atonale Gefilde, kein aggressives Experiment am offenen Minimal. Harmonisch sollte es sein. Schön sollte es sein. Schön ist’s gewesen! Liebreizend gar, wohlig machend – Gebrauchsmusik. Wer hierin gleich wieder Vorwurf liest und Attacke vermutet, ist des Argwohns treuer Gesell‘!

„Schöne Augenblicke verlängern“, so beschrieb Einaudis englischer Kollege Michael Nyman seine Art, mit Minimal Music zu agieren. Nyman kam die Arbeit für den Film zu passe, um sich vage aus dem elitären Kunst-Klassik-Kreis zu lösen. Es gelang nur temporär. Philip Glass, einem dritten Musiker/Komponisten der Gattung mit Dresden-Präsenz, haben die Soundtracks auch nicht wesentlich geholfen, um populärer zu werden. Er hatte es eh nicht vor. Und ein Mann wie der Ukrainer Lubomyr Melnyk spielte mit 65 Jahren gerade sein Dresden-Debüt im Beatpol…

Ludovico Einaudi aber, 61 Jahre alt, der ebenso vor allem im Kino zu hören war zunächst (und bis heute ist, siehe „Ziemlich beste Freunde“ und Nachfolger „Samba“), wird auf Händen getragen. Menschen hätten nur wegen ihm begonnen, Musik zu machen, ein Konzerterlebnis komme direkt nach der Geburt eigener Kinder, man weine, strahle, träume, finde Frieden mit Einaudis weichen Klängen. Alles nachzulesen im Netz. Wenn sich Einaudi das Klavier auf die Eisscholle vor einen tauenden Gletscher fliegen lässt, um für Greenpeace und die globale Rettung ein Klagelied zu spielen, so geschehen in diesem Sommer, dann erfahren alle davon. Wenn er, ebenfalls geschehen in diesem Sommer, in Amsterdam zur kostenlosen Grachtenfahrt mit Musik lädt, dann nur die zufällig vor Ort Gewesenen.

Mit seinem Ensemble ist Ludovico Einaudi jetzt in ausgewählten „Zusatzkonzerten“ noch einmal auf „Elements“-Tour, benannt nach seiner bislang letzten CD von 2015. „Zusatz“ meint natürlich die Reaktion auf ausverkaufte Auftritte im Winter. „Elements“ ist mit ihrem ausgespielten Ansatz, als Suite Piano- mit Weltmusik zu verbinden, tragende Säule im Live-Programm, von „Petricor“ über „Night“ bis zum tröpfelnden „Logos“ und „Four Dimensions“, das munter an Sigur Rós gemahnt, also „Garde“-Erinnerungen weckt. Eingebettet war zur Hälfte des Konzerts zudem eine viertelstündige Solo-Passage. Inspiriert sei das neue Werk, nach eigenen Worten, von Kandinskys „innerem Strom“. Einaudi sitzt mit dem Rücken zum Publikum, mittig zur Band, weil er sich als integralen Bestandteil dieser versteht. Er verzichtet komplett auf Ansagen und Verbeugungen zwischen den Stücken.

Es bedarf zudem keines Dirigats mehr, kaum gibt es Blickkontakt, es sei denn für ein bestätigendes Lächeln. Die sechs sind diszipliniert, eingespielt, aufeinander abgestimmt, ineinander verschränkt. Unaufgeregt. Unangestrengt. Die Töne sitzen, der Klang ist exzellent, die Form der Vollendung nahe, harmonisch balancierend, unspektakulär, in keiner Sekunde auch nur ansatzweise sperrig. Dass es in diesen wohlfeilen Ellipsen auch mal lauter wird, dass der Druck zunimmt, im Titelstück gar in Rock-Nähe, dass das Crescendo gefeiert wird, damit es den eingebundenen Zuhörer – ebenfalls mit frappierender Disziplin an diesem Abend erschienen – mit ganz nach oben nimmt, mutet als gesetzt an.

Besetzt ist das Ensemble unter anderem mit Cello/E-Cello, Violine, E-Gitarre, Perkussion, Säge, Bassgitarre, Daumenklavier, Xylo- und Vibraphon, Orgel, Gong im Wasserbecken. Electronics kommen im Vergleich zu anderen Einaudi-Phasen und -Projekten nur als Ahnung. Wem es nach diesem Erlebnis nun wirklich nach noch mehr Klavier ist, und keinesfalls schlechterem, der ist zum Palais-Sommer geladen: Lambert spielt dort am kommenden Donnerstag, Anette Asvik am 25. August, jeweils 20.30 Uhr. Vielleicht ist’s dann sogar wärmer.

 

Von Andreas Körner

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