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Lucinda Williams und ihr spätes Dresden-Debüt

Verwitterung aufgenommen Lucinda Williams und ihr spätes Dresden-Debüt

Natürlich hatte sie schon viel bessere Tage! Abende auch! Freilich ist Lucinda Williams alles schon viel leichter übers Stimmband gerutscht, brauchte sie nicht gar so lange, um im eigenen Material und am Auftrittsort anzukommen. Aber genau das war es wohl, das dem späten Dresden-Debüt am Montag im Alten Schlachthof der ohne viel Grummeln Legende zu nennenden Liedpoetin diese spezielle Tönung gab.

Lucinda Williams

Quelle: PR

Dresden. Natürlich hatte sie schon viel bessere Tage! Abende auch! Freilich ist Lucinda Williams alles schon viel leichter übers Stimmband gerutscht, brauchte sie nicht gar so lange, um im eigenen Material und am Auftrittsort anzukommen. Aber genau das war es wohl, das dem späten Dresden-Debüt der ohne viel Grummeln Legende zu nennenden Liedpoetin diese spezielle Tönung gab. Auch durch die personelle Reduzierung der aktuellen Tour – 2016 gab es schon eine mit Vollband – auf sie selbst und Stuart Mathis an Gitarren, war man im ordentlich besuchten und bestuhlten Kleinen Saal des Alten Schlachthofs Zeuge einer unprätentiösen Annäherung.
Lucinda Williams – mit Verlaub, 63 ist sie nun – hat sich in keiner Phase ihrer langen Karriere sonderlich darum bemüht, Erwartungen und Vorgaben zu erfüllen. Ihr kompositorischer Ehrgeiz war dabei nie nur annähernd so ausgeprägt wie ihr Fokus auf Geschichten, die sie von dort mitbrachte, wo sie lebte, liebte, aufwuchs, von wo sie wegrannte, wohin sie wiederkehrte und lebte, liebte, aufwuchs. Es waren innerhalb der USA die United States of Lucinda Williams: Louisiana, Nashville/Tennessee, Los Angeles, New York, San Francisco, zuletzt einige Monate auf dem Highway 20 hoch und runter.
Ebenso war sie schon in jungen Jahren nie eine wirklich begnadete Präsentatorin ihres zumeist relevanten Materials, sang zwar mit wiedererkennbarer, ausdrucksstarker Stimme, aber immer schon ein wenig schräg über das Publikum hinweg, kooperierte kaum verbal mit den Kollegen auf der Bühne, tauchte nüchtern ein in ihre Lieder, als würden sie ihr mit weniger Konzentration wegrutschen und auf ewig verdampfen.
In diesem Sinne ist sie die Straßenmusikerin von einst geblieben oder verortet in Cafés, auch wenn dort schon mal 20 000 Leute hineinpassten. Warum also sollte es jetzt in der späten Phase eines kreativen Lebens anders sein? Als Unfreundlichkeit sollte man es nicht deuten, eher als wiederkehrende kleine Unpässlichkeit, die jeden von uns ereilt und erwischt. Passen passt die eher selten.
Am Tag nach dem Konzert lässt sich das alles sehr entspannt aufschreiben, weil sich der Abend dann doch noch hin zur Sonne streckte oder – um im Sinnbild des Auftritts zu bleiben – eher hin in den Sumpf. Lucinda Williams fand schon vor der Mitte in der elektrischen Gitarre viel besseren Halt als mit der akustischen zuvor. Sie, die sich nie nur an Country, Folk, Rock’n’Roll oder Blues festtackern ließ, wollte an diesem Montag keinen Country. „I Just Wanted To See You So Bad“, mit dem sie eröffnete, war blass, „West Memphis”, das dunkler folgte, noch lange nicht richtig gut, Erst „Are You Alright?“, eine dieser bitteren Liebesballaden, ließ erste Zuckungen von echtem Puls erahnen.
Dann aber! Als sei das Wort „Vater“ Auslöser für mehr Standfestigkeit gewesen! Von eben diesem, 2015 verstorbenen Miller Williams brachte sie mit „Compassion“ ein starkes und stark vertontes Gedicht, glitt dann zum Titelsong des bislang letzten Doppelalbums „The Ghost Of Highway 20“ über, richtete sich mit der Erinnerung an ihren Geburtsort „Lake Charles“ neu aus. Bei „Drunken Angel“ gab es sogar vereinzelte Wiedererkennerufe im Saal. „Bitter Memory“ klang so, als sei es schon ewig im Repertoire, dabei ist auch das von der vorzüglichen aktuellen Edition.
Längst stimmten hier die Zwischentexte von Lucinda Williams, längst war sie klarer zu verstehen, fühlte sie sich wohl und wohler, wollte in diesen 100 Minuten wirklich sein, wo sie war. Von Stuart Mathis ging absolut nichts aus, das sie hätte verunsichern müssen. Fünf E-Gitarren standen in seinen Halterungen – er hat sie alle gebraucht. Doch nicht, um zu prahlen, wie flink ihm die Finger geworden sind, sondern um ein mächtiges Arsenal feiner Klangfärbungen zu offerieren, von laut und leise hin zu zart und vehement. Sein Spiel und sein Backgroundgesang waren Stütze und Statement in einem. Vorzüglich!
Vorzüglich auch die Liedauswahl! Lucinda Williams hat offensichtlich kein festes Tourpaket geschnürt, und wenn, dann besteht es aus mindestens 30 bis 40 Stücken ihres üppigen Songbooks. Alle diese Lieder sind im Spektrum von solo über Duo bis Achterband zu spielen. Für Dresden packte die Williams sogar das frühe „Changed The Locks“ von 1988 aus, diese köstliche Ohrfeige für einen Liebhaber, dem sie nicht nur die Haustür vor der Nase zuschlägt, sondern anschließend gleich das Schloss und den Namen der Stadt wechselt, in der sie lebt. Mit damals 35 war es schon sehr imposant, bis heute hatte der Schlüsseldienst wohl noch einige Male seinen Job zu tun …

Dann „Essence” von 2001 und drei Lieder der 1998er Eine-Art-Durchbruchs-Platte „Car Wheels On A Gravel Road”, aber eben nicht das Titelstück, sondern vor allem „Joy“, mit dem Williams & Mathis dampfend und mit herrlich Dreck am Schlappen auf den Zugabenteil zustapfen. Der besteht an diesem Montag nicht aus liebevoll adaptierten Liedern von The Clash, J.J. Cale oder Velvet Underground, Neil Young, Gregg Allman oder Gram Parsons wie oft, sondern aus hornaltem, satten Blues: Mississippi Fred McDowells „You Gotta Move” und Skip James’ „Hard Time Killing Floor Blues”.

Wie heißt es in „Joy”? „Du hast mir alle Freude genommen“ … Anfangs sah der Abend genauso aus und klang nicht anders, am Ende gab es keinen Grund zum Jammern. Der Text geht schließlich weiter: „Ich will sie zurück!“ Lucinda Williams hat sich dafür entschieden, die Verwitterung von Jahrzehnten zuzulassen, Verbitterung aber nicht. Mit dieser Art käme sie noch ein paar Jährchen mühelos durch.

Von Andreas Körner

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