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Luc Tuymans als Kurator in Dresden: Eine Annäherung an einen der berühmtesten Künstler unserer Zeit

Luc Tuymans als Kurator in Dresden: Eine Annäherung an einen der berühmtesten Künstler unserer Zeit

Bevor er ins Foyer huscht, steckt er sich draußen in der kühlen Spätwinterluft noch eine Zigarette an. Fürs Inhalieren braucht er nicht viel Zeit, dann überquert er das Straßenpflaster und steht im Handumdrehen in der kleinen Vorhalle des Albertinums.

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Luc Tuymans vor seinem Ölbild "Morning Sun", das Teil der kommenden Ausstellung "Die Erschütterung der Sinne" im Albertinum ist.

Quelle: Dietrich Flechtner

Den Mantel hat er da schon ausgezogen, der Fahrstuhl kommt und öffnet seine Türen. Bei der kurzen Fahrt nach oben bleiben nur Momente des ersten gegenseitigen Betrachtens. Der Mann mit dem kurzen, fast schütteren Haar blickt nur einmal herüber. Im zweiten Stock ist er dann rasch in den Räumen verschwunden, die ab Sonnabend für nichts weniger als eine "Erschütterung der Sinne" sorgen wollen. Der Mann aus dem Fahrstuhl hat einen gehörigen Anteil an jener Ausstellung. Sein Name: Luc Tuymans. Seine Berufe: Künstler, Kurator. Seine Nationalität: Belgier. Seine Passion: Rauchen, unter anderem.

Tuymans, Jahrgang 1958, ist jedenfalls mit Blick auf den Kunstmarkt einer der erfolgreichsten Maler unserer Tage. Über Geld müsste man bei ihm nicht mehr reden, eine Größenordnung sei dennoch genannt: Für ein Tuymans-Gemälde werden mittlerweile siebenstellige Dollar-Summen aufgerufen. Über das, was und wie der Belgier malt, gehen die Meinungen dabei durchaus auseinander. Einer, der ihn partout nicht mag und das auch immer wieder wissen lässt, ist Hanno Rauterberg, Kunstkritiker der Wochenzeitung Die Zeit. "Alles verschwimmt im Ungefähren", lautet Rauterbergs Dauervorwurf Richtung Tuymans.

Doch wie ist Tuymans wirklich, als Maler, als Mensch? Utopisch bleibt der Gedanke, nach einem wenige Minuten dauernden Gespräch darauf Antworten geben zu können. Geduld im Umgang mit Medien zeigt Tuymans zweifellos. Eben noch kommt er den Aufforderungen des Fotografen nach, sich vor einem eigenen Bild in Positur zu stellen. Unmittelbar darauf lässt er sich in einen benachbarten Ausstellungsraum bitten, der nicht so stark vom Lärm der Einrichter dominiert ist. Zwei Hocker sind schnell gefunden, dann nimmt Tuymans seine Brille ab und schaut auffordernd herüber. Der kurze Dialog kann beginnen.

Die Fragen stellen sich fast von selbst, die Antworten gibt er routiniert. Trotz seiner ab und zu fast etwas grimmigen Miene ist Luc Tuymans dabei immer ein freundlicher Gesprächspartner. Und wenn er kurz husten muss (das Rauchen?), hallt der Raum von dem Geräusch wider.

Die vier Künstler, um die herum die kommende Ausstellung in neun Räumen des Albertinums aufgebaut ist - Constable, Delacroix, Friedrich, Goya - "haben alle einst ziemlich nicht-akademische Positionen eingenommen", betont Tuymans. "Die Akademien waren damals der Tod", schiebt er trocken nach. Das Quartett der Romantiker soll korrespondieren mit Kunstwerken, die bis ins Zeitgenössische reichen.

Auch von dem Belgier selbst sind Werke zu sehen. "Morning Sun" (2011) ist eins davon. Gerade aus der Transportkiste geholt, muss die Leinwand des Ölbildes eben wieder aufgespannt werden. Es zeigt ein gebrochenes Fensterglas, Tuymans malte nach realer Vorgabe aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Für den Künstler ein Bild, das sich "zwischen Figuration und Abstraktion" ansiedelt und abspielt. Da liegt die Nachfrage nahe: Welcher Kategorie fühlt er sich denn näher? Aber da winkt er ab, kühl, mit einem kurzen Lächeln. "Das zu sagen, überlasse ich anderen." Diese gelassene Attitüde passt zu ihm.

Nach Dresden führt ihn vor allem eins: die mehr als 20 Jahre andauernde Verbundenheit und Freundschaft zu Ulrich Bischoff, dem Direktor der Gemäldegalerie Neue Meister. Wenn Tuymans aufzählt, was für Dresden wichtig sei, fallen jedoch die Namen anderer Museen zuerst: Alte Meister, Kupferstich-Kabinett, Grünes Gewölbe. Dann fügt er an, mit der Ausstellung auch ein wenig zeigen zu wollen, welch wichtige Arbeit Bischoff aus seiner Sicht auf dem Gebiet moderner und zeitgenössischer Kunst in Dresden geleistet habe.

Die Stadt sei zudem "Teil einer anderen deutschen Geschichte", wie es Tuymans formuliert. Ob ihn dieses speziell Geschichtliche auch gereizt habe, hier zu kuratieren? "Wahrscheinlich ja", lautet die Antwort, die ohne Zögern kommt.

Später dann kann man dem Duo Tuymans und Bischoff in aller Ruhe über die Schulter schauen, wie sie sich in professioneller Verbundenheit über Details der Hängung verständigen. Noch stehen große Kisten mit Werken von Jeff Wall oder David Claerbout unausgepackt in halbfertigen Ausstellungsräumen. Noch wird letzte Hand angelegt. Noch herrscht Arbeitsatmosphäre. Noch.

In welchen räumlichen und inhaltlichen Kontexten die knapp 80 Werke von 16 Künstlern präsentiert werden, ist schließlich ab Sonnabend im Albertinum zu sehen. Das Interesse an der Ausstellung dürfte weit über Dresden hinausgehen, dafür sorgt der Name des Mannes aus Antwerpen zweifellos. Der Maler nimmt es hin, er kennt die medialen Mechanismen. Aufmerksamkeit ist die Währung unserer Zeit. Luc Tuymans zieht diese Aufmerksamkeit auf sich. Immer wieder.

Ausstellung "Die Erschütterung der Sinne" ab Sonnabend im Albertinum

www.skd.museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.03.2013

Torsten Klaus

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