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Lockruf aus Radebeul

Theater Lockruf aus Radebeul

Sebastian Ritschel inszeniert „A Streetcar Named Desire“, die erste Oper von André Previn, an den Landesbühnen Radebeul

Kerrie Sheppard und Paul Gukhoe Song

Quelle: Hagen König

Radebeul. Für die Landesbühnen Radebeul könnte die nächste Premiere die ganz große Chance sein, wenn es nach Regisseur Sebastian Ritschel geht. Ein – zumindest in Europa – selten gespieltes Stück wie der Opernerstling „A Streetcar Named Desire“ von André Previn, 1998 in San Francisco uraufgeführt, sollte den überregionalen Fokus auf dieses Haus richten. Denn es wagt sich jetzt an ein Ausnahmewerk des Musiktheaters, das „mit süffiger Musik, die einen Mix aus Filmmusik, Erich Wolfgang Korngold und Richard Strauss darstellt, eine riesige Brücke aber auch hin zu Igor Strawinski und Alban Berg schlägt, betören wird!“

Sebastian Ritschel ist sich seiner Sache sicher, er wirkt von diesem Projekt absolut überzeugt. Liegt es an Previns starker Musik, liegt es an der dramatischen Vorlage dazu? „A Streetcar“ basiert auf dem 1947 herausgekommenen Erfolgsstück von Tennessee Williams, das seinen deutschsprachigen Siegeszug unter dem Titel „Endstation Sehnsucht“ antreten sollte. Der gebürtige Düsseldorfer ist schon sehr früh damit in Berührung gekommen und war sofort fasziniert: „Es ist ein großartiges Werk, ich bin ihm zum ersten Mal in der Schulzeit begegnet und war theaterinfiziert von Anfang an. Williams hat darin Seelen seziert, hat reale Wände durchsichtig werden lassen. Dieser besondere Effekt entspricht meinen Vorlieben für Licht, Psychologie und Emotionalität.“

Sowohl im Schauspiel als auch in der Oper ist „A Streetcar“ ein Kammerspiel, das unter die Haut geht. Verfilmungen mit Vivien Leigh, Kim Hunter und Marion Brando (1951) sowie mit Jessica Lange, Diane Lane und Alec Baldwin (1995) in den Hauptrollen sind legendär. Gerade weil die Vorlage so exzellent ist, haben sich Komponisten wie Steven Sondheim und Leonard Bernstein gegen eine musikalische Umsetzung verwehrt. Erst André Previn, der als Pianist, Dirigent und Komponist sowohl im zeitgenössisch „ernsten“ als auch im Jazzbereich höchst anerkannt ist, wagte sich an dieses Stück. Der 1929 oder 1930 in Berlin geborene Previn (bei der Flucht der jüdischen Familie gingen u.a. auch die Geburtsurkunden verloren) schrieb in den USA Jazz- und Filmgeschichte, war Chefdirigent der Sinfonieorchester von Houston, London, Pittsburgh und Los Angeles, widmet sich heute vor allem der Orchester- und Kammermusik. Zuletzt war er übrigens 2010 als Gastdirigent der Dresdner Philharmonie hier zu erleben.

Nun also seine Oper nach Tennessee Williams. Sebastian Ritschel, der bereits mit 16 Jahren seine erste professionelle Inszenierung gestaltet hatte, wollte ursprünglich Sänger werden, war von Martha Mödl fasziniert, hat sich dann aber doch auf die Regie festgelegt. „Ich habe eine Art fotografisches Gedächtnis, kann mir szenische Vorgänge gut merken und sie mit emotionalen Vorgängen verknüpfen.“ Diese Qualitäten führten ihn an die Universität Leipzig sowie zur Semperoper, wo er als Assistent von Willy Decker an Wagners „Ring“ beteiligt war. Die „Götterdämmerung“ durfte er später nach Madrid übertragen. Von 2006 bis 2016 war er als Regisseur und Dramaturg am Gerhard-Hauptmann-Theater Görlitz/Zittau engagiert, zwischenzeitlich unterrichtete er auch die Opernklasse der Musikhochschule.

Seine aktuelle Regiearbeit ist nach Verdis „Maskenball“ die zweite in Radebeul, fällt aber in eine Art Vorbereitungsphase auf seine hiesige Position als Operndirektor in der Nachfolge von Jan Michael Horstmann. Der war bislang in einer Doppelfunktion auch als Musikchef des Hauses tätig und hatte sich Previns „Streetcar“ gemeinsam mit Ritschel ausgesucht. Eine Chance für das Haus, siehe oben. Zum Ende der jetzt begonnenen Spielzeit wird Horstmann die Landesbühnen verlassen. Jetzt dirigiert er die Oper, für die Ritschel sowohl Regie als auch die Ausstattung übernommen hat. Die Aktualität dieser Arbeit solle sich aus deren Inhalt ergeben, auch wenn sie ursprünglich in den 1950er Jahren handelt. „Das Stück ist in sich selbst schon so stark, dass es keine künstliche Aktualisierung braucht,“ meint Sebastian Ritschel, „ich will vielmehr versuchen, die Situation der Figuren grundsätzlich darzustellen.“ Damit, so seine begründete Annahme, dürfte dem Publikum deutlich werden, „dass die Figuren im Stück keine abstrakten Wesen sind, sondern Menschen, deren Handeln wir alle irgendwie nachvollziehen können.“

Dem Regisseur ist dafür ein Ensemble an die Hand gegeben worden, von dem der (Noch-)Gast in höchsten Tönen schwärmt: „Musiktheater ist immer ein gemeinsames Projekt. Die Freude, die Spielfreude und die Energie an diesem Haus will ich sehr gern weiter unterstützten. Bei der jetzigen Arbeit habe ich nicht nur Sänger zur Seite, die auch mal irgendwie spielen, sondern Künstlerkollegen, die ihre anspruchsvollen Partien psychologisch durchdacht wiedergeben.“ Auch vom Können der Elbland-Philharmonie ist der Regisseur sehr begeistert: „Es fasziniert mich, wie sie den schwülen Klang dieser New-Orleans-Atmosphäre wiedergeben. Das ist ja ein schwieriges Stück, musikalisch höchst anspruchsvoll, mit sehr vielen Taktwechseln; kein Wunder, dass es hierzulande noch nicht zum Repertoirestück geworden ist.“

„A Streetcar Named Desire“, Premiere am 1. Oktober, 19 Uhr (danach am 3.10., 19 Uhr)

www.landesbuehnen-sachsen.de

Von Michael Ernst

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