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Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zu Gast in Dresden

Festival „Literatur Jetzt!“ Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zu Gast in Dresden

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller eröffnete mit einer Lesung im Hygiene-Museum das Festival „Literatur Jetzt!“


Quelle: Anja Schneider

Dresden. Zwischen zwei Sprachen, keine davon annehmbar - so müssen wir uns die Schriftstellerin Herta Müller als junge Frau vorstellen. Den deutschen Dialekt der Banater Schwaben, den sprachen sie in Nitzkydorf, wo sie 1953 geboren wurde und aufwuchs. Doch den lehnte sie ab, wie die Literaturnobelpreisträgerin von 2009 bei ihrer Lesung vor fast 500 Zuhörern im Großen Saal des Dresdner Hygiene-Museums im Gespräch mit dem ein Jahr älteren Schriftsteller Ernest Wichner erzählte. „Weil es das reaktionäre, belastete Deutsch der Landsmannschaften war - sehr unangenehm.“ Auf der anderen Seite: „Die ideologische Sprache war bei uns Rumänisch, das war auch nicht unsere.“ Ein Dilemma: „Keine Sprache gehörte mir.“

Eine, die ihre werden konnte, entdeckte sie erst in den Büchern, damals in den Siebzigern, als sie in Temeswar (Timisoara) Germanistik und Rumänistik studierte, dann in einer Maschinenfabrik technische Beschreibungen übersetzte. Da schickten sie immer einen mit Rucksack und Koffer ins Goethe-Institut nach Bukarest. „Das hatte der Diktator in einer schwachen Stunde errichten lassen.“ Den „Spiegel“ und die „Zeit“ konnte man dort lesen und Bücher ausleihen.

So bekam sie auch Victor Klemperers „LTI“ in die Hand, das 1947 erschienene Buch des jüdischen Dresdner Romanisten über die Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches. „Da habe ich ein Auge und ein Ohr dafür gekriegt, wie Instrumentalisierung der Sprache funktioniert.“ In den Büchern der Achtundsechziger fanden sie ähnliche Probleme verhandelt: „Auch unsere Eltern waren alle in der Nazizeit tief verstrickt.“

Ein anderes Deutsch entdeckte sie in den Werken der Schriftsteller und Dichter. Es wurde das ihre, die literarische Gegensprache. In dem Interviewband „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ (Fischer Taschenbuch) hat sie ihrer Gesprächspartnerin Angelika Klammer berichtet: „Ich war bis unter die Zunge vollgestopft mit schlechter Sprache.“ Das von vorgestanzten ideologischen Floskeln geprägte Rumänisch war ihr der Ausdruck jener „allgegenwärtigen Hässlichkeit“, die Programm schien, weil sie aufs Gemüt drückte und so die Menschen still machte. Diese Sprache der Ideologie habe sie als feindselig und zerstörerisch empfunden. „Formulieren und Drangsalieren gingen ineinander über.“

Die andere Sprache der Literatur wurde ihr zum Lebensbedürfnis. Ästhetik, um die Nerven zu beruhigen. „Um sich selbst nicht zu verlieren, braucht man Schönheit.“ So, wie sie sich, wenn sie zum Verhör bei der Geheimpolizei Securitate befohlen wurde, schön kleidete und schminkte; Handtuch und Zahnbürste für den Fall der Verhaftung immer in der Handtasche.

Kam sie ungeschoren raus, erschien ihr der Heimweg wie ein kostbares Geschenk. Nie leuchteten die Dahlien so wie in diesen Momenten. Seither ist Schönheit für Herta Müller stets mit dem Schrecken verknüpft. „Ich kenne keine Ästhetik, die aus dem Vorhandenen kommt, nur eine aus innerer Not.“

Schönheit und Schrecken, eins die Kehrseite des andern, diese Grundkonstellation durchzieht auch „Atemschaukel“ (2009), ihren Roman über einen Mann, der nach 1945 in ein sowjetisches Lager deportiert wurde. Eine Sprache dafür zu finden, begriff sie als ihre Arbeit. Ihre Mutter, selbst deportiert, hatte keine. Nur einzelne Redewendungen stieß sie hervor, ansonsten: Schweigen.

Erst der Dichter Oskar Pastior konnte ihr Details seiner Lagerhaft erzählen. Drei Jahre lang traf sie sich mit ihm. Als er 2006 nicht ganz 79-jährig starb, musste sie den geplanten Roman allein schreiben. Für die Erfahrungen des gedemütigten Menschen, für den Mangelernährung und Schwerstarbeit Alltag waren, hat sie nie dagewesene Wörter gefunden. Den Buchtitel zum Beispiel und Sätze wie: „Das allerletzte Glückhaben ist das Eintropfenzuvielglück.“ Von „Kopfglück“, „Mundglück“ spricht sie, von „Hungerengel“ und „Herzschaufel“.

Auch von ihren poetischen Collagen zeigte sie einige auf einer Videoleinwand. Sie verschaffen ihr Atempausen zwischen dem Schreiben, das sie ganz fordert. Aus Zeitungen und Zeitschriften schneidet sie Wörter aus. Tausende warten geordnet in Kästen in ihrer Wohnung in Berlin-Friedenau. Absurd klingende „Kürzest-Texte“ fügt sie daraus, manchmal mit einem kleinen Bild komplettiert. Die klebt sie auf eine Postkarte, den beschränkten Platz ganz füllend. Vier davon sind in der Sonderausstellung „Sprache“ im Hygiene-Museum zu sehen. Eine lautet: „Vielleicht haben auch Wörter ein schimmerndes Gemüt und betreiben Amtsmissbrauch - ohne dass man sich Mühe gibt.“

Hübsche Spielerei, könnte man meinen. Doch hat auch dies mit ihren Diktatur-Erfahrungen zu tun: „Viele Wörter zu haben, ist das Gegenteil von Zensur.“ Was andern Leuten Haustiere, sind ihr diese Wörter. „Ich fühle mich mit ihnen so behütet.“

Ein beeindruckender, tief lotender Auftakt für das Festival „Literatur Jetzt!“ zum Thema Sprache, das bis 13. November noch ein dicht gefülltes Programm bereithält.

Von Tomas Gärtner

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