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Linz hat ein neues Musiktheater: Eröffnung mit einer Philip-Glass-Uraufführung und einem Musical

Linz hat ein neues Musiktheater: Eröffnung mit einer Philip-Glass-Uraufführung und einem Musical

Ein neues Opernhaus! Wo gibt's das heutzutage in Europa noch? Dass die österreichischen Opernfreunde beim geistigen (und tatsächlichen) Pendeln zwischen Wien und Salzburg in Linz bislang immer durchgefahren sind, soll sich jetzt ändern.

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Außenansicht des Linzer Musentempels. Kleiner Seitenhieb auf ähnliche Projekte hierzulande: Die Kosten von 180 Millionen Euro wurden eingehalten.

Quelle: Rubra/dpa

Diese Vision beschworen jedenfalls die in der Eröffnungseuphorie schwelgenden Politiker fast aller Couleur. Da waren dann so schöne Sätze zu hören wie: "Kultur kostet, aber Unkultur kostet noch viel mehr." Nur die rechten Populisten von der FPÖ fehlten. Hatten die doch 2000 versucht, die kulturelle Großinvestition per Volksentscheid zu kippen. 60 Prozent waren damals tatsächlich dagegen. Verhindert hat das den Bau nicht. Das Haus am Volksgarten wurde jetzt, im vorgegebenen Kostenlimit von rund 180 Millionen Euro, fertig. Äußerlich kommt sein Charme nicht über eine Melange aus Park- und Kulturhaus hinaus. Innen hat aber man auf ein großzügiges Wohlfühlambiente mit viel Holz gesetzt. Und die technische Ausstattung dieses Niedrigenergiebaus (!) ist imponierend: mit einer 32 Meter Durchmesser-Drehbühne, großzügigen Backstage-Bereichen, einem Graben für fast 100 Musiker und einem Großen Saal mit erstklassiger Akustik sowie guter Sicht von den meisten der fast 1200 Plätze.

Da liegt aber auch das Problem, denn die muss Intendant Rainer Mennicken in einer Stadt mit knapp 200 000 Einwohnern erst mal füllen. Wenn aber die erste Neugier befriedigt ist, dann zählt bald nicht mehr das neue Haus, sondern das, was dort geboten wird.

Zur Eröffnung gab nach einem erstaunlich unterhaltsamen Festakt auch gleich noch eine Referenz ans Wagnerjahr. Beim Festakt machte man in den vielen Reden und bei der Musik einen auffälligen Bogen um die Pläne des Wagnerfans Hitler, der Linz ja zur Kulturhauptstadt seines Dritten Reiches machen wollte. Auch das, was dann die katalanischen Spektakelfreunde "La Fura dels Baus" unter dem Titel "Ein Parzival" in der kühlen, aber trockenen Aprilnacht vor und auf der Fassade vorturnten und mit Lautsprechern beschallten, war meilenweit von einer pikanten historischen Reminiszenz entfernt. Allerdings auch von Richard Wagner und von einer ernsthaften Kunstanstrengung.

Auf die Fassadenshow mit Feuerwerk zu Wagnerklängen folgte tags drauf die Uraufführung von Philip Glass' neuer Oper "Spuren der Verirrten". Der Hausherr selbst hat ihm dafür das Libretto aus dem gleichnamigen Stück Peter Handkes (2006) destilliert. Die österreichische Edelfeder und der amerikanische Fließbandkomponist von Minimal Music - echtes Risiko sieht anders aus.

Glass lieferte eine handwerklich gut gemachte, nach dem raunenden Einstieg allerdings ziemlich vorhersehbar, eingängig repetierende Musik, bei der die gelegentlichen Crescendi noch das Aufregendste sind. Die vom an- und abschwellenden, immer einschmeichelnden Orchester produzierten Klangwolken belegen immerhin die exzellente Saalakustik. Bis zur Pause freilich verärgerte die auch von Regisseur David Pountney nur ausgestellte Dürftigkeit der Collage von Minidramen und die Kulissenschieberei mit Second-Hand-Witzchen (mit Dirndl und Alphörnern, Schaf, Kuh und Hase). Mit dem zweiten Teil nehmen zumindest Text und Inszenierung Fahrt auf und an Doppelbödigkeit zu. In einer postkatastrophischen Trümmerlandschaft aus den Kulissenzutaten des ersten Teils. Wenn sich schließlich Ödipus in den "Rosenkavalier" und unter dessen Personal verirrt, dann wird dieses freischwebende Irgendwo und Irgendwann sogar interessant. Der effektvolle Platzwechsel von Bühnenpersonal und Orchestermusikern und das pyrotechnisch aufgemotzte Musical-Finale bewahren durch die zelebrierte große Bühnen-Show den Abend dann doch noch vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Der Chef des Brucknerorchester Dennis Russell Davies hat jedenfalls musikalisch rausgeholt, was rauszuholen ist.

Mit einer österreichischen Erstaufführung zeigt schließlich auch noch die neue Sparte Musical Flagge: "Die Hexen von Eastwick" von Dana P. Rowe. Für das Buch und die Song-Texte hat John Dempsey auf eine Vorlage von John Updike zurückgegriffen. 2000 im Londoner West End uraufgeführt, treiben hier Desperate Girls oder Golden Housewives ihr Sex-in-the-village Unwesen. Kein Geniestreich, aber im üblichen Musicalrahmen aus gut gemachtem Handwerk und dem branchenüblichen Wechsel von Solo- und Ensemblenummern. Mit schmissiger Musik, die eingängig, aber auch schnell wieder vergessen ist. Kai Tietje beweist gleichwohl, dass sich das Brucknerorchester auch in diesem Genre hörbar wohl fühlt und auf der Höhe ist.

Im blitzblanken neuenglischen Provinzdorf bringt ein fremder Immobilienkäufer die spießige Ordnung der Dinge ins Wanken und das Liebesleben von drei geschiedenen Single-Frauen so auf Trab, dass am Ende die Tugendwächterin Felicia Gabriel von ihrem eigenen Mann ermordet wird, der sich daraufhin selbst umbringt. Als sich dann der Verführer Darryl auch noch an die junge Jennifer heranmacht, wenden sich die drei, eh vom schlechten Gewissen ob ihrer tödlichen "Zauberei" geplagten Frauen nicht nur von ihm ab, sondern bringen ihn vereint zur Strecke.

Roman Hinzes deutsche Textfassung touchiert mit ihrer frivol aufgemischten Sprache bewusst die Regeln der Political Correctness. Aber bei noch jedem Musical geht es vor allem um Tempo, schnelle Schnitte und um Bilder, über die man auch mal staunen darf. Das eindrucksvollste ist natürlich für die Hexen reserviert: wenn Kristin Hölck, Daniela Dett und Lisa Antoni mit Schwung und langen Gewändern durch die Bühnenluft sausen, als wäre es das Normalste der Welt. Da staunt selbst der Teufel, der sich in diesem Eastwick als Kunsthändler mit Vorliebe für alte Häuser und sexuell unterversorgte Frauen getarnt hatte. Was ihm aber nichts genützt hat.

Nach dem Eröffnungstrubel beginnt jetzt der Alltag für das neue Haus. Dazu wird auch gehören, dass man mit dem Programm, das der künstlerische Leiter des Brucknerhaues Hans-Joachim Frey offensiv vertritt, in einen "fröhlichen Wettbewerb" (so der Intendant) treten wolle. Na dann: gutes Gelingen!

iDie nächsten Vorstellungen sind bis inklusive Juni laut Theater-Homepage ausverkauft. Einzige Ausnahme: 30. Juni, für den noch Karten erhältlich sind.

www.landestheater-linz.at

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.04.2013

Joachim Lange

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