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Lesung mit dem litauischen Schriftsteller Tomas Venclova im Hygiene-Museum Dresden

Lesung mit dem litauischen Schriftsteller Tomas Venclova im Hygiene-Museum Dresden

In dem Text "Im neuenglischen Hafen", einem der berühmtesten Gedichte des litauischen Lyrikers Tomas Venclova, finden sich die Zeilen: "Der Blick des Betrachters ruht im Scheitel zwischen Sandstrand / und Meerenge, bis das rote Leuchten, diesseits / des Chaos der Masten, erlischt, und es Zeit wird zu gehen.

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Tomas Venclova

/ Wo aber ist sein Haus? Hier? Oder jenseits des Ozeans?" Jemand sieht im Hafen einer amerikanischen Küstenstadt einen alten, seeuntüchtigen Wellenbrecher liegen, auf dem sich die Möwen niederlassen. Sein Blick geht zu dem "Chaos der Masten", und in Gedanken fragte er sich, wo er hingehört, wo "sein Haus ist". Diese Frage rührt an den biografischen Kern des Dichters, der, 1937 im litauischen Klaipeda geboren, genau vierzig Jahre später seine Heimat für lange Zeit verlassen musste, weil ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft aberkannt worden war. Tomas Venclova hatte in seinen Gedichten die Sowjetunion kritisiert. Die Machthaber reagierten äußerst empfindlich auf derartige Kritik, auch oder gerade wenn sie in Gedichten vorgetragen wurde.

Venclova, Sohn des ehemaligen Kulturministers der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Antanas Venclova, musste das Land verlassen: 1977 ging er, mit Umweg über Paris, in die Vereinigten Staaten, wo er genau ein Jahr zuvor schon einmal gewesen war. Der polnische Dichter und spätere Literatur-Nobelpreisträger Czeslaw Milosz hatte ihm einen Aufenthalt als Gastprofessor an der Universität Berkeley verschafft. Er habe, sagt Venclova rückblickend in einem Interview, damals große Angst gehabt, dass er seine Heimatsprache verlieren und nur noch auf Englisch schreiben würde. Dann jedoch sei ihm ein nicht ganz unbescheidener Satz von Thomas Mann eingefallen: "Die deutsche Literatur ist dort, wo ich bin." Den habe er auf sich bezogen und gedacht, wo ich bin, da ist die litauische Literatur."

Als Litauen 1991 unabhängig wurde, muss das ein Glück für den Dichter gewesen sein. Wenn man heute die Namen der großen osteuropäischen Emigranten aufzählt, die in den 70er und 80er Jahren den Weg nach Übersee gingen, wird Venclova oft vergessen. Man denkt an die beiden Nobelpreisträger: an den Russen Joseph Brodsky und den Polen Czeslaw Milosz. Venclova war mit beiden befreundet. Brodsky hat dessen Gedichte gelobt, es gibt von ihm ein Gedicht über Litauen, "Litauisches Divertimento", das Brodsky 1971 (da lebte Venclova noch in Vilnius) geschrieben hat.

Im selben Jahr, in dem Brodsky in die Staaten auswanderte, um dort zum Weltpoeten aufzusteigen, brachte Tomas Venclova in Litauen seinen ersten Gedichtband, "Zeichen der Sprache", heraus. Er begann, sich in Bürgerrechtsbewegungen zu engagieren, und fiel seinerseits schnell in Ungnade. Venclovas Vater dürfte davon schon nichts mehr erfahren haben, der Texter der Nationalhymne der Litauischen Sowjetrepublik starb 1971 in Vilnius.

Venclovas Gedichte sind elegische Gesänge in zumeist strengem Versmaß, "Einklang, Maß und Symmetrie" entsprechen seinem Ideal. Und er ist ein Dichter, der aus der Erinnerung schöpft: an sein Land, seine Kindheit, Verlorenes und Zurückgelassenes. 2002 erschien einer erste deutschsprachige Auswahl der Gedichte Tomas Venclovas im Rospo-Verlag, "Vor der Tür das Ende der Welt", und fünf Jahre später, in der Übersetzung von Durs Grünbein und Claudia Sinnig, bei Suhrkamp der Band "Gespräch im Winter", aus dem Venclova in Dresden lesen wird. Die Quintessenz eines Lebenswerks, wie man es selten zu lesen bekommt, geschweige denn zu hören (Venclova ist ein begnadeter Vortragskünstler). Man sollte also die Gelegenheit nutzen, ihm bei seiner zweisprachigen Lesung (Litauisch und Deutsch) im Hygiene-Museum zu lauschen. Der Dresdner Autor Patrick Beck wird vor der Lesung mit Venclova über die litauische Sprache, südliche Anmutungen und das Leben im Exil sprechen.

27. November, 20 Uhr, Hygiene-Museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.11.2012

Volker Sielaff

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