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Lesung als Rollenspiel: Ilija Trojanow in der Villa Augustin

Lesung als Rollenspiel: Ilija Trojanow in der Villa Augustin

"Mein Name ist Zeno Hintermeier. Ich bin Anfang 60, Oberbayer." So stellt sich Ilija Trojanow seinen Zuhörern vor, die die Villa Augustin bis auf den letzten Platz füllen.

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Als Hauptfigur seines jüngsten Romans "EisTau" (Carl Hanser, 176 S., 18,90 Euro): ein Glaziologe, Gletscherforscher also, der aus Verzweiflung über das Schwinden des Eises seinen Beruf aufgibt, auf einem Kreuzfahrtschiff Richtung Antarktis Touristen sensibilisieren möchte - vergebens.

Der Autor spricht, die Linke am Wasserglas, mit der Rechten wohldosiert gestikulierend. Richtet den Blick in imaginäre Fernen oder schaut vor sich hin. Ein Zuhörer linst am Vordermann vorbei, ob nicht doch auf dem runden Tisch... Aber nein, da liegt wirklich nichts. Kein Buch, nicht der kleinste Stichwortzettel. Dieser Schriftsteller holt all das hier und jetzt aus seinem Kopf. Mit der Bezeichnung "Erzähler" wird man künftig sparsamer umgehen müssen: Hier haben wir einen im ursprünglichsten Wortsinn.

Und diesen Abend "Lesung" zu nennen, passt auf einmal auch nicht mehr so recht. Ein Rollenspiel, mindestens das ist es. Fast eine Inszenierung. Trojanow versteht es ausgezeichnet, seine Zuhörer in Bann zu schlagen. Der Abend darf als Höhepunkt des literarischen Lese-Jahres 2012 in Dresden gedanklich schon mal ein Ausrufezeichen bekommen.

Zumal wir einem sprachästhetisch anspruchsvollen Schriftsteller lauschten. Einem, der ungewöhnliche Formulierungen bevorzugt: Der sagt, dass Leute "zum Worthalter des eigenen Gewissens" werden, bei dem sich das Meer nicht färbt, es "grünt sich ein". Gelinde schwarzhumorig heißt es von einem Friedhof, dieser führe "ein kleines, aber feines Sortiment an Dahingeschiedenen". Und im Anblick einer verlassenen Walstation äußert er: "In der Fabrik zerlegte der Mensch Wale, die Zeit zerlegt die Fabriken."

Derlei ungewöhnlich Formuliertes wagt das Risiko. Man kann das auch zitierend herausklauben aus dem Text und hämisch ätzen: Schaut mal, wie albern gestelzt. Es kommt aber auf die Situation der Szene an. Und da stimmen diese Wortfügungen.

Anerkennung gebührt ihm jedenfalls schon dafür. Zumal Deutsch dem gebürtigen Bulgaren, der heute in Wien lebt, nicht vertraute Muttersprache war. In Afrika wuchs er in einem Mix aus Deutsch, Englisch, Kisuaheli auf. Deutsch ist das Idiom seiner Wahl. Mehr noch: "eine Liebesbeziehung", so nennt er es. Verglichen mit anderen scheint diese Sprache ihm wesentlich flexibler. Es hat auch mit seiner Existenz als Migrant zu tun: "Leute wie ich haben ein gesteigertes Bedürfnis, im Land ihrer Ankunft sichtbar zu werden." Ein Migrant sei bei seiner Ankunft unsichtbar. "Aber durch die Ermächtigung der Sprache kann er sichtbar werden." Schon 2006 hat Trojanow dem deutschen Wortschatz mit einem Romantitel die Vokabel "Weltensammler" geschenkt.

Hier nun beschreibt er ein Dilemma: Einer, der als Wissenschaftler genau weiß, was nötig wäre, um die Zerstörung der Natur aufzuhalten. Und sich vielen, vielen Anderen gegenübersieht, die das nicht schert. "Die Frustration angesichts dieses Mangels an vernünftigem Handeln habe ich in dieser Figur auf die Spitze getrieben", erläutert er im Gespräch mit Moderator Michael G. Fritz. Ein Mensch, der sich in die Vereinzelung abgedrängt sieht. Exemplarisch bringt Trojanow das Verhängnis aller Engagierten und Öko-Aktivisten auf den Punkt: die Gefahr der Radikalisierung im Angesicht von Egoismus und Gleichgültigkeit. Die Stimme des Warners wird schrill, überschlägt sich. Schneller als gedacht wird er zum Terroristen. Ein literarischer Nachfahre von Kleists Michael Kohlhaas, ein tragischer Held.

Etliche Kritiker haben dem Autor die traktathaften Passagen in diesem Buch angekreidet. Ein berechtigter Einwand. Doch darf das rein Ästhetische nicht auch einmal etwas an argumentativem Gewicht abtreten, wo es wie hier ums Ganze geht: die Existenz der Natur? Vermag dieses Buch bei all seinen Schwächen auch nur eine Handvoll Leser, bislang arglos den drohenden Umweltkatastrophen gegenüber, nachdenklich zu machen, hätte es genug geleistet. Tomas Gärtner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.12.2012

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