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Lessings "Nathan" in einer Inszenierung von Wolfgang Engel im Kleinen Haus

Lessings "Nathan" in einer Inszenierung von Wolfgang Engel im Kleinen Haus

Das rechte Stück zur rechten Unzeit. Man müsste es auf dem Theaterplatz spielen, mindestens jeden Montag. Man könnte es natürlich auch lesen, wieder und wieder. Würden die Menschen dann bessere Menschen? Anders gefragt: Konnte Kunst jemals die Welt verbessern?

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Lieke Hoppe (Recha), Kilian Land (Ein junger Tempelherr), Philipp Lux (Nathan), Matthias Reichwald (Saladin), Nele Rosetz (Sittah) v.l.

Quelle: Foto: David Baltzer

Dresden. Wir wissen, dass sie es - bis jetzt - nur unwesentlich konnte, und hoffen doch darauf, dass sie es einmal gründlich vermag. Das allerdings hängt weniger von der Kunst als von der Welt ab. Nicht nur von den Künstlern, sondern von den Kunstgängern vor allem. Eine Kunstfigur wie Nathan der Weise, deren Schöpfer Gotthold Ephraim Lessing sowie Regisseur Wolfgang Engel haben ihr Möglichstes dazu getan. Wieder und wieder ist es Sache der lesenden und ins Theater gehenden Menschen, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Wenn "Nathan der Weise" nun im Kleinen Haus des Staatsschauspiels inszeniert wird, könnte man fürchten, dass es holzhammrig aufklärerisch das tumbe Treiben des Dresdner Wi-Der-Stands und/oder das Tun der Dresdner Gutmenschen kommentiert. Aber nichts davon. Engel, der dieser Stadt schon in anderen Umbruchzeiten unvergesslich aufklärerische Bühnenkunst bescherte, er scheint gerade auf einer neuen Welle von Einfällen und Erfolgen zu reiten. Wie er das macht? Er nimmt die literarische Vorlage ernst, setzt auf die Kraft der Worte, vertraut dem Aufklärer Lessing - und beweist weise die Aktualität dieses vor mehr als 200 Jahren entstandenen, hier nur leicht gekürzten Textes. Resultat: Heutiges Theater.

"Grad unter Menschen möchtest du ein Mensch Zu sein verlernen." (Nathan)

Lessings Spätwerk ist bekanntlich ein genialer Wurf um den uralten Streit von Toleranz und rechtem Glauben. Ein Konstrukt, das Augen und Ohren öffnen, das Herzen weiten sollte, um alle rechthaberischen Prophetien zum Schweigen zu bringen. In seiner berühmten Ringparabel tritt der Kamenzer des Jahrgangs 1729 den Nachweis an, dass kein religiöser Glaube besser sei als ein anderer. Die Erkennntnis "Jeder liebt sich selber nur am meisten" zeigt, wie irrig all die aus Angst und Unwissen entstandenen Opiate sind. Nathans "tausend tausend Jahre" sind noch nicht um, erst wenn alle Götter zum Teufel sind, gibt es die Chance auf Frieden und Verständigung. Wann wird das sein? Weder Nathan noch Lessing oder gar Engel wagen Antworten darauf.

Statt dessen gibt es Anstoß zum Nachdenken. Alle Akteure sind fast durchweg auf der Bühne präsent, zwischen Spiel und Abwarten sind sie zum Schweigen verdammt, nicht aber zum Nichtstun. Denn selbst in den stummen Momenten blicken sie zumeist sehr beredt und wirken konfrontiert miteinander.

Wie aber erst in den Szenen! Philipp Lux als "moderner" Nathan braucht weder Rauschebart noch Schläfenlocken, sogar den Hut trägt er meist in der Hand. In ironischer Distanz parliert er mit Sultan Saladin, überlässt er die geliebte Tochter Recha deren Retter, der sich später als ihr Bruder erweist. Dieser junge Tempelherr wird von Kilian Land zunächst recht aggressiv gegeben, allmählich wandelt er sich erst liebe-, dann verständnisvoll. Lieke Hoppe als Recha ist eine kluge, liebenswerte junge Frau, hier und da mädchenhaft naiv, in ihren schlabbrigen Hosen, mit schelmischen Blicken und dem gekonnt eingesetzten Grübchen im Kinn aber raffiniert genug, um "Vater" Nathan, Sultan, Tempelherr/Bruder und das Publikum hinlänglich zu betören. Ein Christenkind, das dank der Weisheit des Juden Nathan vorurteilsfrei erzogen worden ist, um auch in der Welt des Muselmanns respektvoll zu bestehen. Dass "Nathan" im aggressiv religiösen Schmelztiegel Jerusalem spielt, ist beinahe nebensächlich, denn Engels Zugang ist zeitlos aktuell und braucht so auch keinen Ortsbezug. Dank heutiger Kostüme von Nina Reichmann spielt es ebenso im Tiegel Dresden wie anderswo.

Auf der nackten Bühne von Ansgar Prüwer-LeMieux trennt ein weißer Strich Warte- und Aktionsraum. Karge Tische und Stühle genügen, um sich mit- und zueinander zu setzen oder Distanz zu betonen. Mit impulsiver Kraft spielt Hannelore Koch als Ziehmutter Daja immer wieder Vorbehalte und Grenzen herunter, schelmt sich lebensklug, wo sie überreden muss, zeigt echte Empörung, wo sie Unrecht spürt, ist wieder einmal ganz sie selbst. Diese Authentizität gelingt auch Matthias Reichwald, dessen Sultan sowohl machtbewusst als auch lernbegierig ist, mit ihr agiert auch Lars Jung, der sich als noblen Patriarchen mimt. Wandlungsfähige Charaktere! Holger Hübner als Klosterbruder spielt Holger Hübner, wie stets mit lauer Energie. Saladins Schwester Sittah wiederum wird in bewusst spitzer Zurückhaltung von Nele Rosetz gegeben, Christian Freund als Derwisch entschwindet halb nackt mit Turban ins Publikum.

Und das ist begeistert von diesem sehenswerten, weil glaubwürdigen Abend, der uns mit Lessings Worten erklärt, ganz ohne Rechthaberei, dass Menschen Liebe mehr als Glauben brauchen - und zeigen, ja, leben sollten.

Termine: 10., 19., 21.11., 8., 30.12., alle Vorstellungen mit englischen und arabischen Übertiteln www.staatsschauspiel-dresden.de

VON MICHAEL ERNST

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