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Lera Auerbach spricht im Interview über ihr Requiem "Dresden - Ode to Peace"

Lera Auerbach spricht im Interview über ihr Requiem "Dresden - Ode to Peace"

Februar wird das Requiem "Dresden - Ode to Peace" in der Frauenkirche uraufgeführt. Das Auftragswerk der Stiftung Frauenkirche und der Sächsischen Staatskapelle Dresden zum Dresdner Gedenktag hat die 38-jährige russisch-amerikanische Komponistin Lera Auerbach komponiert, die in diesem Jahr "Capell-Compositrice" bei der Staatskapelle ist.

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Lera Auerbach

Quelle: Matthias Creutziger

Am 11. Alexander Keuk sprach mit der Komponistin.

Frage: Sie haben ein abendfüllendes Werk zum Dresdner Gedenktag geschrieben - was waren Ihre ersten Gedanken zu diesem Auftrag, wie haben Sie begonnen?

Lera Auerbach: Ich war sehr berührt und geehrt, dass das Orchester mich gefragt hat, ein Werk von einer solchen Tragweite zu schreiben. Zunächst habe ich mich tief in die Materie eingearbeitet und Bilder und Imaginationen gesammelt, um mich stark mit dem Thema zu verbinden. Als nächsten Schritt muss man dem Werk erlauben, sich selbst zu entfalten, aufzutauchen aus den Gedanken. Es ist schwierig, die Spuren des Werkes dann vorherzusagen. Ich fühle mich am besten, wenn ich sagen kann, das Stück schreibt sich selbst, und ich bin einfach ein Instrument für seine Schöpfung. Natürlich habe ich klare Ideen von der Struktur und der Form, aber sehr bald nach dem Start übernimmt das Stück selbst die Regie. Das Loslassen eines Stückes ist ein gutes Gefühl.

Haben Sie die Frauenkirche selbst schon besucht, die Geschichte von Dresden studiert?

Ich war erst im September in Dresden zur Premiere meines 5. Streichquartettes, das auch im Rahmen meiner Residenz bei der Staatskapelle entstanden ist. Ich war aber auch schon früher öfters in der Stadt und bin fast immer in der Frauenkirche, so dass ich mir ein gutes Bild machen konnte. Ich habe den Raum natürlich beim Schreiben im Kopf gehabt, aber das Werk wird ja auch in der Semperoper aufgeführt und hoffentlich später auch in anderen Konzertsälen. Es ist gewiss nicht einfach, für den Raum der Frauenkirche zu schreiben, da muss man vieles beachten. Aber man hat für ein solches Werk auch einen idealen, dem Stück immanenten Klang im Kopf, der auch unabhängig vom Raum existieren kann.

Innerhalb der Anlehnung an die Mess-Liturgie entdeckt man ja viele Besonderheiten in diesem Requiem, so etwa ein "Kyrie", das in 40 verschiedenen Sprachen gesungen wird. Wie frei sind Sie hier vorgegangen?

Es ist ein sehr ungewöhnliches Requiem. Nicht nur wegen der 40 Sprachen im Kyrie. Ich benutze auch die jeweils bedeutenden Gebete von fünf Weltreligionen - Christentum, Judentum, Hinduismus, Buddhismus und Islam. Ich musste erst verstehen lernen, wie man etwa die Gebete von Hinduismus oder Islam in eine westliche Musik einbeziehen kann, außerdem war ein zweiter wichtiger Gedanke, in welchem musikalischen Rahmen diese Gebete harmonisch nebeneinander bestehen können - das ist auch ein Anliegen für unsere Zukunft. Das Requiem ehrt und bedauert die Toten und die Vergangenheit, aber es ist adressiert an uns, unsere Zeit und an die Zukunft. Und es hat die Hoffnungsbotschaft, deswegen habe ich es "Ode an den Frieden" im Untertitel genannt.

Gibt es bei der Vielzahl an verwendeten Texten, Sprachen und Religionen auch verschiedene musikalische Sprachen in diesem Werk?

Natürlich ist es meine eigene musikalische Sprache, aber es wird für die Zuhörer sicherlich Momente des Erkennens und der Identifizierung geben. Ich benutze beispielsweise das "Dresdner Amen", es ist den Dresdnern aus den Gottesdiensten bekannt - diese Sequenz erscheint im ganzen Requiem. Es war für mich bei der Komposition wichtig, dass ein Werk entsteht, bei dem die Zuhörer empfinden, dass es zu ihnen gehört und sie miteinander verbindet.

Im 16. Satz, in dem Sie einen auf der Friedensglocke der Frauenkirche eingravierten Text des Dresdner Autors Christian Lehnert vertonen, gibt es eine besondere Stimmung für das ganze Ensemble, was hat es damit auf sich?

Die Frequenz mit dem C auf 528 Hertz ist aus den Gesängen der Alten Kirche als "heilende" Frequenz bekannt. Man glaubt, dass diese Stimmung eine Schwingung des Heilens, Wiederherstellens und der Erschaffung der Welt darstellt. Insofern erschien mir dieser Symbolcharakter für mein Werk sehr passend.

Heute argumentieren gerade Menschen der jüngeren Generation, dass sie doch nichts mehr mit dem 2. Weltkrieg und seinem Grauen zu tun haben - was würden Sie Menschen antworten, die sich damit nicht beschäftigen?

Es ist exorbitant wichtig. Wenn wir uns nicht mit den Ereignissen konfrontieren, uns damit beschäftigen, uns erinnern und daraus lernen, können wir uns nicht vorwärts bewegen. Wenn wir nicht unsere Vergangenheit ehren, können wir uns nicht in der Zukunft engagieren, dann haben wir auch keine Ahnung von Hoffnung - Hoffnung auch in der Hinsicht, die Fehler und Tragödien nicht zu wiederholen. Unsere Vergangenheit ist ja auch Teil unserer Gegenwart - unsere Gegenwart ist aus vergangenen Momenten zusammengesetzt. In Dresden ist dieses Bewusstsein sehr präsent. Sich selbst angesichts der Vergangenheit zu fragen, wie unsere Zukunft auszugestalten ist, halte ich für unglaublich wichtig. Ansonsten würden wir komplett blind in diese Zukunft rennen, wenn wir uns dem nicht stellen würden.

Ist Ihr Requiem also auch im traditionellen Sinn nicht nur von der Klage und Anklage geprägt, sondern auch von einer Art Erlösung?

Tatsächlich ist das ganze Werk von Hoffnung geprägt, ich habe es ja auch "Ode an den Frieden" genannt. Es ist sicher nicht üblich, dass es ein Werk gibt, in dem all diese verschiedenen Sprachen und Religionen friedlich nebeneinander existieren. Es war mir möglich, dies in einem Werk zusammenzufassen, und es sollte doch auch möglich sein, dass man dies im Leben realisiert. Unsere Zukunft hängt ja davon ab, ob wir alle miteinander friedlich leben können, mit Respekt vor den Unterschieden. Dieses Requiem hat eine deutliche Botschaft von Hoffnung.

"Dresden-Requiem": 11.2., 20 Uhr Frauenkirche (19 Uhr Konzerteinführung in Anwesenheit der Komponistin im Hauptraum der Frauenkirche. Für Konzertbesucher kostenlos)

13./14.2., 20 Uhr, Semperoper (14.2. Live-Übertragung auf MDR Figaro)

Mit: Vladimir Jurowski, Dirigent, Maarten Engeltjes, Countertenor, Mark Stone, Bariton; Saint Thomas Choir of Boys (New York), St. Paul's Cathedral Choir (London), Herren des Sächsischen Staatsopernchors Dresden, Sächsische Staatskapelle

10.2., 16 Uhr, Gespräch mit Lera Auerbach im Foyer der Semperoper, Moderation: Tobias Niederschlag, Kartenpreis: 6,50 Euro

www.staatskapelle-dresden.de

Lera Auerbach wurde in Tscheljabinsk am Rande Sibiriens geboren. Im Alter von zwölf Jahren schrieb sie ihre erste Oper. 1991 zog sie in die USA und studierte (Klavier und Komposition) an der New Yorker Juilliard School sowie Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University. 2002 gab sie ihr Debüt in der Carnegie Hall, wo sie ihre Suite für Violine, Klavier und Streichorchester op. 60 mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica aufführte.

Die junge Komponistin ist bereits als Pianistin in Konzertsälen wie der New Yorker Carnegie Hall, dem Lincoln Center, dem Münchner Herkulessaal, im Konzerthaus von Oslo und im Kennedy Center Washington aufgetreten. Sie komponierte für Gidon Kremer, Vadim Gluzman, für das Ballett der Hamburgischen Staatsoper, für die Kremerata Baltica u.a. Ihre Werke wurden u.a. bei Festivals in Aspen, Ravinia, Schwetzingen, beim Moskauer Herbst und beim Kammermusikfest Lockenhaus aufgeführt.

Für Lera Auerbach ist es kein Widerspruch, Tonalität und klassische Formsprache zu nutzen, um neue Wege zu finden. Bei näherem Hinhören eröffnet sich ein ganzer Kosmos ungewohnter Klänge, Farben und Verfahrensweisen, der in vielerlei Hinsicht einen weit entwickelten Personalstil prägt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.02.2012

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