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Lediglich mit dem Gastprogramm "Private Nationalism" lässt die Ostrale`O14 den Anspruch auf eine Mission erkennen

Lediglich mit dem Gastprogramm "Private Nationalism" lässt die Ostrale`O14 den Anspruch auf eine Mission erkennen

Dass die nunmehr achte Ausgabe der Ostrale in Dresden weniger vielfältig und bunt in Erscheinung tritt als ihre Vorgängerinnen, möchte ich keineswegs behaupten.

Allerdings ist das Terrain gegenüber der einst erreichten Ausdehnung beträchtlich geschrumpft, und während die Gebäude ringsum (durch frühere Ausstellungen aufgewertet) eines nach dem anderen schick saniert werden, erscheint das einzig verbliebene der Ostrale mehr und mehr als das hässliche alte Entlein. Auch die in aufwändiger Holzkonstruktion errichtete Wiesenrampe als barrierefreier Zugang zu den Heuböden der Futterställe ändert daran nichts, zumal schwerlich zu erkennen ist, wie sie sich in ein stimmiges Architekturkonzept einfügen soll, das im Übrigen auch empfindlich gestört wird durch nunmehr drei stählerne Nottreppen. Trotzdem, und obwohl die so ausgelegt sind, als würde man die Gesamtbesucherzahl des Vorjahres - 2013 kamen 18 000 Interessierte - an einem Wochenende erwarten, ist ein erheblicher Teil des Obergeschosses aus Brandschutzgründen gesperrt. Da kann man wiederum nur von Glück reden, dass die "drittgrößte jährlich stattfindende Ausstellung von Gegenwartskunst in Deutschland" bis heute überlebt hat.

Bei aller Sympathie und allem Interesse, das da etliche Besucher (auch mit kleinen Kindern) ausstrahlen, so richtig hat sich das offenbar noch nicht herumgesprochen, oder der für Vollzahler wieder auf 14 Euro erhöhte Eintrittspreis (Familienkarte 30 Euro) wirkt am Ende doch abschreckend. Dabei ist das in fünf Teile gegliederte, mehr oder weniger schlüssig korrespondierende Programm - vom politischen Bildungsangebot bis zum Licht-Raum-Spektakel - unmöglich an einem Tag auch nur annähernd gründlich zu betrachten. Dafür böte sich eine Fünf-Tage-Karte (30 Euro) an, doch ehrlich gesagt, nach einmalig ausgiebigem Absolvieren dieses Parcours verspüre ich kaum noch einen Antrieb zu einem neuerlichen Besuch. Die Gründe dafür sind zum Teil objektiv, zum Teil hausgemacht, münden in einer unbefriedigenden Aufenthaltsqualität zumal in den nötigen Pausen.

Nicht jeder wird den Katalog vermissen, der nur im Vorjahr einmal pünktlich erschien und nun für Ende August angekündigt ist. Selbst wenn jedermann mit Kamera oder Smartphone durch die Ausstellung spazieren kann - es bleibt ungeheuer mühselig, sich über die magere Beschriftung hinaus Zusatzinformationen einzuholen, von Bildern, die doch eigentlich nun vorhanden sein müssten, zu schweigen. Statt des früheren, recht praktikablen Begleitheftes gibt es diesmal mehrere in Posterform, die aber weder als Orientierungshilfe noch Gedächtnisstütze taugen, so dass eine seriöse Betrachtung und Analyse der Arbeiten von insgesamt (laut offizieller Information) mehr als 200 Künstlern geradezu unmöglich erscheint, auch oder zumal wenn sich die Betrachtung auf das freie und lebendige Angebot an vorwiegend junger und unabhängiger Kunst konzentrieren soll, das die Ostrale eigentlich ausmachen sollte.

"Private Nationalism"

Es erscheint, aufgrund der räumlichen Begrenztheit, als ein bunter Jahrmarkt, in dem sich auch im Wortsinn viele Stimmen gegenseitig übertönen, wobei das ständige Stöhnen einiger (zum Aufblasen fröhlich bunter Stoffballons benötigter Ventilatoren) den Vogel abschießt.

Relativ unbeeindruckt davon bleiben die in fast wie Gletschereis weiß strahlenden, aber doch nur, wenn auch raffiniert, aus profanem Styropor geschnittenen "Captivs" von Davide Quayola, deren einer mich merkwürdig an den Chemnitzer Marx-Kopf erinnert. Dabei handelt es sich lediglich um "Physical Sculptures", deren Sinnleere sich bei näherer Betrachtung schnell herausstellt.

Vielleicht ist das ja ein Aspekt im Sinne der Absicht, mit Hilfe der hier ausgestellten Werke neue Sichten auf die Welt und die Gesellschaft zu provozieren. Das "Around You" als Motto der Schau scheint mir allerdings eher einseitig verstanden bzw. inszeniert als vorzugsweise unterhaltsame, im besten Fall ein wenig inspirierende Umgebung, statt als Analyse von Welt-Lage oder persönlicher Befindlichkeit. Einigermaßen stringent auf diesem Feld bewegt sich immerhin der Ausstellungsteil "Private Nationalism" der zum Teil sehr konkret und dokumentarisch einige Erscheinungen des neuen Nationalismus speziell im ehemaligen Ostblock aufzeigt. Auch hier findet eine (West-)Europäisierung statt - statt immer gleich von Globalisierung zu reden, zum Beispiel was den eskalierenden Hass auf die Roma betrifft.

Daneben geht es um die legitimen Bestrebungen zur Definition bzw. Behauptung regionaler Identität. Noch glaubhafter zeigen die sich allerdings, wenn man sich mehr auf die Kunst als auf politisch ehrbare Statements konzentriert. So zeigt die von Rea Michalová, Kuratorin der National Galerie Prag, präsentierte Auswahl von Kunst aus Tschechien neben dem mitteleuropäischen Kontinuum auch starke "Nationalfarben wie" in den von Lichtern und symbolträchtig lodernden Feuern mystifizierten Nachtlandschaften Jaroslav Valeckas. Mit einer Einordnung die allgemeine Präsentation wäre das in diesem Kontext nur zu berechtigte Selbstbewusstsein der Kunstszene des kleinen Nachbarlands noch deutlicher geworden, freilich mit der drohenden Konsequenz, dass sich die einzelnen Beiträge dann auch aneinander aufrieben.

Was die auch hier für notwendig erachtete Erinnerung an die Friedliche Revolution angeht, liegt es mehr an einer gewissen Konzeptlosigkeit in Bezug auf das Heute, die von der einer in einstiger Düsternis schwelgenden Rauminstallation (Andrea Hilger/Detlef Schweiger) nicht aufgewogen wird. Die Mnemosyne-Aktionen der Dresdner Sezession 89 erfahren hier ein Reloading, das durch die Klarheit und Transparenz seiner Visionen eine nachträgliche Berechtigung erhält.

Gar keine rechte Legitimation hat dagegen die "Mission 014" zum Thema Kunst und Raumfahrt, die sich nun wirklich als rein populäres Schau-Event präsentiert, als ein tatsächlich vorwiegend dunkler Kosmos, in den erst durch die Besucher (per Bewegungsmelder) etwas Licht kommt, das jeweils einzelne Objekte effektvoll beleuchtet, wobei besonders effektvolle Konstellationen wohl seltener wiederkehren als eine Sonnenfinsternis. Eher ein bisschen naiv Bekanntes nachvollziehend als zukunftsweisend fantasievoll, vermitteln Gemälde und Skulpturen die Illusion von Satelliten und Raumstationen mit ihren Versuchsanordnungen, von Planeten und Galaxien. Auch an einem Pseudo-Shop mit verkleinerten Repliken der Ausstellungsstücke fehlt es nicht. Als inhaltliches Rückgrat dieser bunt-unverbindlichen Fantasy-Schau dienen Dokumentarfilme zu echten Raumfahrtgegenständen wie Sojus, Mir und Space Shuttle, mit einer Art Doppelbett für besonders ausdauernde Zuschauer.

Internationale Ausstellung

Dieser Umstand oder Eindruck, nämlich dass mit Geduld und tieferem Interesse des Besuchers nur gespielt wird, wiederholt sich in der Internationalen Ausstellung. Zum Betrachten der vier parallel laufenden etwa 15 Minuten langen Videos von Filip Berte. Dazu sind zwei Stühle aufgestellt, je einer zwischen zwei großen Bildschirmen, die man so abwechselnd schräg von unten aus Nahdistanz betrachten könnte. "Graveyards" nennt der Belgier übrigens die Kehrseiten der Zivilisation, wo menschliche Hoffnungen scheitern müssen (wie in Melilla, wohingegen der Blick auf eine Hochhausfassade in Tbilissi doch auch das westliche Vorurteil zeigt).

Was sich neben oder zwischen einem insgesamt unübersichtlichen Gewirr teils recht hübscher Installationen ins Auge drängt, sind vor allem großformatige sur- bzw. fotorealistische Bilder, bei denen das Zusammenspiel bzw. die Rollenverteilung von Digicam, Computer und feinstem Pinsel nicht gleich erkennbar ist. So bei René Schoemakers bluttriefendem Doppelporträt (Carne levale II), das einen Halbakt mit zwischen die Brüste geschnittenem und chirurgisch vernähtem Kreuz sowie dahinter ein Kind mit Violine zeigt. Eher unverbindlich dagegen die übertrieben großen Porträts von Martin Müller, der Digitaldruck kombiniert mit Malerei/Zeichnung in Acryl. Wach und einfühlsam dagegen jene von indischen "Humble-Mothers", die Caroline Panker mit ihrer Kamera festgehalten hat. Eine ebenso beeindruckende wie ersichtlich asiatische Antwort auf Thomas Gursky bietet der Chinese Wang Qingsong mit dem Blick in einen riesigen Lesesaal, dessen Nutzer offenbar sämtlich über dem Studieren eingeschlafen sind.

Wer auf eigenständige bis unkonventionelle Malerei sucht, wird selten fündig, am ehesten bei Felix Lippmanns von expressiven Wolkenformen und ihren Spiegelungen bestimmter Landschaft (Oelsa I) oder bei David Lehmanns eigenwillig in Mischtechnik verfertigten Charakteren (Untertan, Drussila). Weltprobleme werden so freilich auch nicht bewegt. Immerhin liefert die Polin Julia Curylo recht sarkastisch und wiederum mit fantasievoll spitzem Pinsel eine vermutlich recht treffende Beschreibung mit ihrem Bild "Jeff Koons & Damian Hurst shared the Art Market", wobei der eine auf einer Luftmatratze über einen zwischen New York und London dramatisch verkleinerten Atlantik reitet, der andere auf einem Haifisch. Damit verbietet sich schlicht und einfach, die verdiente oder unverdiente Position der allermeisten Ostrale-Teilnehmer weiter auszumalen.

Kunst ohne Wertung versprach die nun wieder klar dominante Ostrale-Leiterin Andrea Hilger. Wie ein naheliegendes Wortspiel zeigt, können scheinbar kleine Veränderungen höchst gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.09.2014

Tomas Petzold

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