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"Last Work" der Batsheva Dance Company an drei ausverkauften Abenden in Hellerau

"Last Work" der Batsheva Dance Company an drei ausverkauften Abenden in Hellerau

Wie Dieter Jaenicke unlängst mit der ihm eigenen Überzeugungskraft das Publikum im Festspielhaus Hellerau auf das neuerliche Gastspiel der großartigen Batsheva Dance Company aus Israel einstimmte, dabei anschaulich sein Staunen über die aktuelle Produktion beschrieb, das hat deutlich Spuren hinterlassen.

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Manchmal steht alles still und es reicht eine fast unmerkliche Bewegung, die Aufmerksamkeit des Publikums zu bekommen: Szene aus "Last Work".

Quelle: Gadi Dagon

Und all die Neugierigen, Begeisterungsfähigen, die er da in schönster Vorfreude rief, sind tatsächlich auch gekommen. Drei ausverkaufte, umjubelte Vorstellungen haben ihn als Hauschef wie auch alle anderen glücklich gemacht. Wo er doch in seinen ersten Jahren vor Ort noch schmerzhaft erleben musste, wie Auftritte erstrangiger Gäste enttäuschend schwach besucht waren. Das Publikum aber hat längst dazu gelernt; auch schon die Batsheva-Gastspielabende 2013 mit "Sadeh21" waren bestens besucht.

Nun ist die Batsheva Dance Company mit "Last Work" als Koproduktion und Europäischer Erstaufführung angereist, mit einer Arbeit von Ohad Naharin, dessen Wirken seit Jahrzehnten untrennbar mit der Company verbunden ist. Werke von ihm gehören weltweit zum modernen Tanz-Repertoire, auch in Dresden, und es braucht schon viel Geduld und möglicherweise eine Festivalfinanzierung, um diese gefragten Gäste ein weiteres Mal nach Hellerau einladen zu können.

Ohad Naharin arbeitet mit einer erkennbar eigenen, als solche auch vermittelbaren und zuweilen höchst energiegeladenen Bewegungssprache, die deutlich Raum lässt auch für die Individualität der Tänzer, diese weder in feste Formen noch in Zwänge bringt. Sie haben alle Freiheiten, mit dem Vokabular dieser Körpersprache umzugehen. Und das sieht man auch schon in der wunderbaren Anfangsszene des Stückes, wenn aus den assoziierten "Seitengassen" immer wieder Tänzer auftauchen, die sich in ihrer Körperlichkeit, in ihren Eigenheiten zeigen. Und schließlich zusammenfinden, in wechselnden Formationen aufeinander treffen. Da gibt es Zögerliche und Zielstrebige, Strikte, Zurückhaltende, Geduckte, Gestreckte- Und vielfach auch Reihungen. Die sich auflösen, zusammenballen, unterbrochen werden. Oder auch Gruppierungen, die ausgrenzen, urteilen, richten.

Ohad Naharin ist auf seine Weise auch ein Seelenfänger, weiß, wie die Schraube zu drehen ist, um Wirkungen zu erzielen, lässt zum Beispiel drangvolle Klänge auf eine verharrende Szenerie treffen. In dieser Arbeit hat er als Irritation quasi einen ständigen "Motor" eingebaut. Von Beginn an bis zum Ende läuft eine Tänzerin mit steter Gleichmäßigkeit, als wäre da ein Flusslauf oder die konstant verrinnende Zeit assoziiert, auf einem Laufband im Hintergrund der Bühne.

Sie ist immer präsent, hat ihren eigenen Laufsound, bleibt sichtbar auch bei besagten Reihungen oder Ballungen. Und wenn sich schließlich auf dem "Damm" noch weitere Tänzer als Konstanten einfinden, sich eine Art Totentanz in der Sichtweise des Choreografen manifestiert, dann bekommt man viel Stoff zum Nachdenken, behält die Bilder im Kopf.

Es lässt sich nach der Aufführung von "Last Work" überlegen, ob das nun eine ganz und gar einzigartige Choreografie ist oder eher die Variation bisheriger und schon bekannter Themen. Was aber letztlich nicht wichtig ist. Ohad Naharin variiert stets Bekanntes und kommt dennoch zu überraschend Neuem, überlässt das inhaltliche Zuordnen dem Zuschauer selbst. Diesem wird dazu etwas einfallen oder eben auch nicht, er kann sich angezogen oder abgestoßen fühlen, darf vorausahnen, bleibt wach oder ermüdet.

Was bei "Last Work" auffällt, sind deutlich lange Phasen der scheinbaren Stagnation. Wo wenig passiert, man vergeblich auf Impulse hofft, wartet und wartet. Und zunehmend auch genervt ist von der lärmenden, Alltägliches assoziierenden Geräuschkulisse, die sich ganz gewiss nicht als Musik bezeichnen lässt Aber da ist diese Frau im blauen Kleid. Permanent sind die Laufgeräusche zu hören, spürt man geradezu das stete, nicht aufzuhaltende Verrinnen von Zeit. Und beginnt irgendwann über diese Metapher nachzudenken. Was könnte passieren bei einem Eingreifen in die Konstante. Würde diese Frau wohl mit jeglicher Fahne weiter laufen, könnte keine Detonation, keine Qual, keine Folter sie aufhalten? Wohin läuft sie nur? Läuft sie weg, läuft sie irgendwo hin, mit wem läuft sie und mit welchem Ziel?

Spannend ist auch an diesem Abend, welche Faszination von den Tänzern ausgeht. Sie sind allgegenwärtig, wecken Aufmerksamkeit schon mit einer fast unmerklichen Bewegung, müssen nichts beweisen, sich nicht gegenseitig die Show stehlen. Sie sind beredt auf ihre Weise, können explosiv sein oder verhalten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.06.2015

Gabriele Gorgas

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