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Langjähriger Beatpol-Chef Hans-Jürgen Lachotta feiert seinen 70. Geburtstag

Langjähriger Beatpol-Chef Hans-Jürgen Lachotta feiert seinen 70. Geburtstag

Wann das letzte Mal jemand "Hans-Jürgen" zu ihm gesagt hat? Es gibt wichtigere Antworten. "Lotte" Lachotta schlug als Ort für das Gespräch entweder seinen kleinen Garten bei Pirna oder "den Club" vor.

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"Lotte" Lachotta in "seinem Club", dem Beatpol, bis 2008 Star Club.

Quelle: Dietrich Flechtner

Seine zwei Schollen - für die Muße, für die Arbeit. Vielleicht zum ersten Mal in dieser Ausführlichkeit erzählte er - einer Zeitung jedenfalls - zwei Stunden lang von seinen beiden Leben. Ein seltener Moment der Vertraulichkeit. Andreas Körner mochte ihn mit Zwischenfragen kaum stören.

Hans-Jürgen Lachotta wird 1942 in jenem Teil Deutschlands geboren, der heute zu Polen gehört. Mit Mutter und Großmutter kommt er nach Thüringen.

"Meine Kindheit nach dem Krieg bestand eigentlich nur aus Prügel. Gleich, ob es die Eltern waren, die Kinder in der Schule, es wurde überall gedroschen. Ich wollte nirgendwo mehr sein, zuhause nicht, in der Schule nicht. Ich hab' mich nur noch gefürchtet. So bin ich im Heim für Schwererziehbare gelandet. Ohne zu wissen, was das ist, habe ich auf den Sozialismus gewartet. Denn 1954 beginnt meine schöne, glückliche Kindheit, zunächst in der von Fröbel gegründeten Freien Schule in Keilhau bei Rudolstadt, dann in Wickersdorf. Dort habe ich zum ersten Mal Gemeinschaft, Gerechtigkeit und Zuneigung erfahren. Die traumatischen Ereignisse haben bei mir wohl etwas geschaffen, das man ,sozialen Boden' nennt. Ich selbst bin in keinster Weise gewalttätig geworden. Es wuchsen vielmehr große Sehnsüchte - nach Liebe, nach Wahrheit."

Und es hat eine Lücke hinterlassen. Lottes Erwartungen, die er an eine Familie hatte, haben sich nie erfüllt. Familie im bürgerlichen Sinne kannte er nicht. Familie war immer auch die Arbeit. Er ist 18.

"Nach dem Abitur waren Berufe auf zwei Gebieten interessant: Petrolchemie oder Atomphysik. Dort wollten alle hin, also habe ich aus einer Laune heraus gesagt: Tanzlehrer. Ich war damals schon beim Volkstanz und in der Sportwerbegruppe, hab' mich aufs Rhönrad gestellt und solche Sachen. Den Berufswunsch hat meine wunderbare Klassenlehrerin sehr ernst genommen und mich zur Prüfung an der Dresdner Palucca Schule angemeldet. Im Herbst 1960 sollte dort der erste Studiengang Tanzpädagogik beginnen. Die Aufnahmeprüfung habe ich nicht bestanden, hatte jedoch viel Glück, denn ich war einfach der einzige Junge in einer Mädchenklasse und kam noch rein. Nach der Ausbildung bekam ich eine Assistentenstelle für modernen Tanz, war allerdings unruhig, Tanzlehrer zu sein, ohne längere Zeit auf der Bühne gestanden zu haben. Deshalb bin ich Mitte der 1960er für vier Jahre ans Landestheater Halle als Tänzer, Choreograf und Probenleiter. Inzwischen hatte die Palucca Schule vollständig auf die Ausbildung von Kindern umgestellt, ich wurde als Lehrer zurückgeholt. Doch wie soll ich modernen Tanz unterrichten, wenn ich keine klassische Basis habe? Also ging ich 1974 bis '78 an die GITIS Akademie nach Moskau. Eine wunderbare Zeit. Danach wurde ich Künstlerischer Direktor in Dresden."

Lottes Augen haben längst ihren so eigenen Glanz. Er steht vom Stuhl auf und lässt seine Arme elegant nach vorn schwingen. Die Kollegen im Beatpol sagen, er hätte früher schon mal Pirouetten gedreht. Mindestens. Man muss blind sein, um nicht zu spüren, was ihm der Tanz bedeutet hat.

"Frag' besser, was Tanz für mich IST. Ein Wunder. Er ist eine Hälfte meines Lebens. Die ganze Zeit ist in meiner Seele drin. Tanz ist vor der oft bewunderten Leichtigkeit eigentlich ohne Geheimnis, pure Logik, blanke Mathematik. Das entspricht auch sehr meiner Seele."

Lotte Lachotta springt beim Erzählen zwischen den Jahren. So, als käme "der Club" zu kurz, das Haus in Briesnitz, das einst Kino war, ab 1993 Star Club, seit 2008 Beatpol - ein Platz, wo international relevanter Rock und Pop eine Heimstatt hat. Lotte hat ihn mit gegründet und vor Ämtern, Stadträten und Ausschüssen um ihn gerungen.

"Ich habe erst lernen müssen, dass Rock'n'Roll kein Tingeltangel ist. So, wie der Mensch für Schauspiel und Oper ein Theater braucht, braucht es auch für Rock'n'Roll und Pop ein Haus. Kein Ort, an dem Live-Musik nebenbei abgefackelt wird. Ich behandle den Club wie ein Lebewesen. Also gönne ich ihm auch die Zeit der Ruhe vor uns. Ich bin nur hier, wenn ich zu arbeiten habe. Es ist vielleicht eine etwas verschrobene Lebensphilosophie, aber sie hilft manchmal."

Der Augenglanz wird noch einmal stärker. Lass uns trotzdem zurückgehen, zurück zu Palucca.

"Ich denke viel an sie und habe gerade erst eine interessante Parallele festgestellt: Ich bin jetzt etwa genauso lange in einem völlig neuen gesellschaftlichen System wie die Palucca, als ich sie kennenlernte. Mir wäre damals nie in den Sinn gekommen, daran zu denken, wie sie bis 1945 gearbeitet und gekämpft hat. Im Nachgang bedauere ich das, denn ich konnte so viele ihrer Forderungen einfach nicht nachvollziehen. Sie ist wahnsinnig geworden, wenn jemand in der Stunde über einen anderen gelacht hat. Palucca hat uns dazu gezwungen, sich mit dem Außergewöhnlichen auseinanderzusetzen, zu fragen und etwas auf den Punkt zu bringen, statt auf halber Strecke aufzuhören. Sie ist wild geworden, wenn wir Wissen nur vorgaukeln wollten."

Auch bei Lotte kommt man mit Halbheiten nicht weiter und gleich gar nicht durch. Der Sache wegen. Paluccas Besessenheit jedenfalls, die hat er auch.

"Und ihre Einstellung gegenüber künstlerischer und menschlicher Genügsamkeit. Sie ist mit dem allgegenwärtigen Überfluss nie fertig geworden. Tanz ist eine besondere Kunst. Sich in Bewegungen zu äußern, ist eine Form von Nacktsein. Deshalb ist es im Ausbildungsprozess wichtig, diese Äußerung von Kindern zu schützen. Und dann baut man gläserne Ballettsäle!"

1981 ist für Lotte L. an der Palucca Schule Schluss. Eine Wunde, die er nicht überspielen mag, denn sie beschließt zugleich sein "erstes Leben".

"Das Ende kam unerwartet und äußerst schmerzhaft. Mehr will ich dazu auch heute nicht mehr sagen. Eigenartigerweise habe ich richtig bedrohliche persönliche Phasen nur in meiner Tanzzeit erlebt. Danach haben mich ausweglose Situationen erst recht angefeuert. In meinem zweiten Leben hat es schwere Enttäuschungen dieser Art nicht mehr gegeben. Das hat auch damit zu tun, dass ich mich privat und dienstlich von allem Überflüssigen getrennt habe. Konsequent. Ich habe so gut wie keine Freunde, aus Furcht vor Freunden, die sich nur so nennen. Zu viele schmerzliche Erfahrungen haben in mir manches zerbrechen lassen. Ich war immer auf die schlechte Variante vorbereitet, wenn mir Menschen näher gekommen sind. Das Misstrauen blieb. Da ist ein Stück in mir, das ich nicht hergebe."

Es gab immer wieder Menschen, die ihm besonders nahe kamen. Dazu gehörte Uwe "Hebbe" Heberer, der viel mehr war als der erste Star-Club-Programmchef. Hebbe starb im März 1996. Jeder, der Lotte kennt, weiß, welche Dimension dieser Verlust für ihn hatte. Vor allem persönlich.

"Menschen wie Hebbe oder die Palucca verabschieden sich nicht. Sie haben weiter Anteil an dem, was ich tue. Hebbe war ganz wichtig. Denn für das, was ich selbst nicht kann, muss ich die Besten finden, bei aller Zwiespältigkeit, die sie als Menschen vielleicht besitzen. Die hab ich ja auch. Oder meine gute Freundin Lieschen in Mecklenburg, die ich damals kennenlernte, als wir mit der Palucca Schule beim Ernteeinsatz waren: Eine wunderbare Frau, eine Mutter von 15 Kindern, eine Waldarbeiterin von erstaunlicher menschlicher Klugheit und Erfahrenheit. Sie war für mich, solange sie lebte, Mutter, Vater und richtige Familie in einem. Heute sind es ihre Kinder."

Diese Wärme war in der Zeit vor Lottes "zweitem" Leben besonders wichtig. Nach 1981 folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit, die gescheiterte Bewerbung an der Schauspielschule Rostock, vom Amt das Angebot einer Stelle als Gehilfe in einer Sargtischlerei in Lockwitz. Er hätte das nie gemacht. 1983 traf Lachotta die Dresdner Band Zwei Wege, beriet sie künstlerisch darin, Rock mit Elementen des Theaters anzureichern, war bis zur Auflösung 1991 ihr Manager. Bald danach schon sollte sich in Altbriesnitz 2a der Star Club zu etablieren beginnen. Lachotta wurde die gute Seele des Hauses, Geschäftsführer und damit über all die Jahre einer der hartnäckigsten und wichtigsten freien Kultur-Beförderer Dresdens. Träume wurden wahr -

"Ich sehe mich durchaus als Chef, ja, aber als einen, der am Abend da ist und auch mal ein Konzert von vorn bis hinten hört. Wenn es klappt. Ich bin immer ein guter Mann in der zweiten Linie gewesen. Im Club ist der Frontmann derjenige, der das Programm macht. Wir haben immer gemeinsam gekämpft. Es gibt auch beruhigende Phasen, und die genießen wir. Aber erst der permanente Kampf um die Existenz macht uns wesentlich und schöpferisch und lässt uns agil bleiben. Sicherheit würde mich verunsichern. Ich hab' mal in der Kulturbehörde gesagt: Es ist ganz einfach, uns zu killen. Ihr müsst uns nur viel Geld geben, dann machen wir es nicht mehr lange. Privat habe ich keine Träume. Die hängen alle mit dem Beatpol zusammen. Vielleicht schaffen wir es gemeinsam, diesen Club als Ort für ein gewisses Immer und Ewig zu etablieren. Das wäre schön. Richtig schön. Denn die, die herkommen, kommen wegen der Musik."

Lotte Lachotta muss man sich erkämpfen. Da war immer etwas Schroffes im Spiel, etwas Unnahbares, das durchaus verstören konnte und verstört hat - Besucher wie Kollegen. Und für einen letzten wunderbaren Moment an diesem Vormittag im Backstage-Bereich "seines" Clubs öffnet sich ein - für viele überraschend - 70-Jähriger.

"Früher war Freundlichkeit für mich etwas völlig Überflüssiges. Es ging immer um die Sache. In den letzten Jahren aber habe ich an der Gesellschaft zu mögen gelernt, dass sie uns zur Freundlichkeit zwingt, dass uns manchmal in der größten Ausweglosigkeit Freundlichkeit begegnet, die uns rettet. Das hat mich doch noch einmal verändert. Ich versuche jetzt, etwas davon weiterzureichen und auch darin wahrhaftig zu sein. Ich gebe mir in den letzten Jahren viel mehr Zeit, um Beziehungen wachsen zu lassen. Das, was vielleicht mit einem langen Knall begonnen hat, kann durchaus noch gut werden. Und was einige Menschen an mir als schroff oder verschlossen wahrnehmen, liegt eigentlich nur an meiner Schüchternheit."

Er selbst habe manchmal schon seinen Geburtstag vergessen. Lotte hasst Aufstände um seine Person. Trotzdem: Einen besonders herzlichen Glückwunsch. Ausnahmsweise -

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.05.2012

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