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Lange Schatten trotz Kürze - Mirel Wagner überzeugte im Thalia

Lange Schatten trotz Kürze - Mirel Wagner überzeugte im Thalia

Die Städte Helsinki, Dresden und Groningen sind bestimmt eine Reise wert. Nur, muss es gleich an drei aufeinander folgenden Tagen sein? Es muss. Mittwoch bis Freitag dieser Woche.

Mirel Wagner ist auf Tour, sie steht noch ganz am Beginn einer wo auch immer hinlaufenden Laufbahn. Was wäre ihr dabei zu wünschen? Auf alle Fälle das, was sie im Thalia Kino erlebt hat: ausverkauftes Haus, aufmerksames Zuhören, befreiender Applaus. Und mit Sicherheit einige Rätsel, die der Zuhörer mit ins Foyer und später nach Hause nahm. Mirel Wagner, Finnin mit äthiopischen Wurzeln, traf ins Schwarze. Doppelt. Dreifach.

Ihr Video zu "No Death" im Netz ist ein Meisterwerk. Es hätte eigentlich auf Großleinwand gezeigt werden müssen, denn das Spiel mit minimalistischen Körperbewegungen, Licht und Schatten, Schwarz und Weiß ist kraftvoll und gibt dem zurückhaltenden Spiel auf der Akustischen, der klaren, fein gewobenen, nachhaltigen Stimme und der sehr speziellen Weich- und Zartheit eine eigene Dimension. Live werden die Songs, die man rein harmonisch sogar als Schlaflieder durchgehen lassen könnte, allein im Zuhörer groß und größer. Umso mehr, als dass sie im Thalia sehr leise aus den Boxen kamen.

Mirel Wagner setzt sich nahezu bewegungslos auf einen Stuhl, stöpselt eine (!) Gitarre ein und nach knapp 40 Minuten wieder aus, singt mit halboffenen Augen über Tod und "Kein Tod", was nicht unbedingt hoffnungsfroher stimmt, denn es geht um geschwollene Gesichter und verrottete Zungen. Sie bringt nur zwei Stücke mehr, als ihre Debütplatte bereithält.

Sie schreitet zur Quelle schwarzen Wassers, zu des Todes unverheirateter Braut, zur Liebe, die keine Flügel hat, sondern runterzieht wie wenn man mit Sachen schwimmt. Heimatlose Herzen, die Einsamkeit des Mondes, die inständige Bitte eines Selbstmörders (freilich nach Wasserung), man möge seiner Mutter sagen, er sei ein guter Junge gewesen. Joe heißt er, falls jemand danach fragt.

Diese großartigen Lieder haben fühlbar ein enormes Vorleben. Sie sind einem rätselhaften Geist und einer spannenden Seele entsprungen. Muss man sich um Mirel Wagner sorgen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Schließlich ist Leonard Cohen ein gesunder, glücklicher, alter Mann geworden mit Poesie dieser Gattung, und allein wie die Wagner das Wort "dance" ausspricht, verweist darauf, dass auch sie ihren Cohen studiert hat.

Sie kam, sang und hinterließ lange Schatten. Sie hat sich getraut, was man sich erst mal trauen muss. Kein Netz, keine Fangleinen, nicht mal Leitplanken hat diese Kunst. Keine Band kaschiert eigene Unsicherheit, kein akustisches Korsett stützt. Fehl-Griff beim Saitenpick ist Fehl-Griff. Allein die Präsenz ihres starken Materials hat diese junge Singer/Songwriterin getragen; an diesem Abend in Dresden, am Abend zuvor in Helsinki, an dem danach in Groningen.

Die bis dato völlig unbekannte Tracy Chapman war im selben Alter und wohl auch in derselben Verfassung, als sie 1988 im Wembley Stadion, allein zur akustischen Gitarre singend, Nelson Mandela zum 70. gratulierte. Keine Ahnung, ob auch Mirel Wagner zugesagt hätte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.01.2012

Andreas Körner

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