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Landeskonservatorin Rosemarie Pohlack sorgt sich um Herrenhäuser, Bahnhöfe und den Weggang der Menschen

Landeskonservatorin Rosemarie Pohlack sorgt sich um Herrenhäuser, Bahnhöfe und den Weggang der Menschen

Im Flutjahr 2002 trat Prof. Dr.-Ing. Rosemarie Pohlack ihr Amt als Leiterin des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen an. Sie folgte als oberste Hüterin und Erforscherin von Denkmalen im heutigen Freistaat Hans Nadler, Heinrich Magirius und Gerhard Glaser.

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Rosemarie Pohlack.

Quelle: Landesamt für Denkmalpflege

Die sächsische Landeskonservatorin sucht eher selten das Licht der Öffentlichkeit und arbeitet mehr in der Stille. Heute begeht sie ihren 60. Geburtstag. Anlass für ein Gespräch, das Genia Bleier mit ihr führte

Frage: Was hat Sie schon gleich nach dem Studium der Architektur zur Denkmalpflege geführt?

Rosemarie Pohlack: Als Studenten an der TU Dresden konnten wir auch an Exkursionen mit Professor Nadler teilnehmen und seine Vorlesungen hören. Das war für mich ebenso entscheidend wie ein vierteljähriges Praktikum in der Technischen Direktion der Staatlichen Kunstsammlungen. Hier erlebte ich unmittelbar das Engagement des Technischen Direktors und späteren Zwingerbaumeisters Ulrich Aust für den Wiederaufbau des Torhauses zum kleinen Schlosshof des Residenzschlosses - und die selbstverständliche enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Denkmalpflege. Ich durfte die Ausführungszeichnungen für den großen Sandsteingiebel zeichnen und war fasziniert von den Aufgaben. Damals habe ich gelernt, dass Erfolge oft von wenigen Menschen abhängen, die miteinander etwas wollen. Meine Diplomarbeit behandelte dann folgerichtig auch ein Denkmalthema, den Wiederaufbau des Bad Muskauer Schlosses.

Sie leben auch selbst in einem Denkmal, haben es saniert und somit auf praktische Weise gerettet?

Ja, wir sind 1979 quasi in eine Ruine gezogen, ein typisches kleines Haus in der Lößnitz, um 1860 erbaut. Der Eigentümer suchte seinerzeit Nachnutzer. Als Mieter haben wir das Haus Stück für Stück ausgebaut, wie damals üblich meist mit den eigenen Händen - und bald mit drei Kindern. Kaufen konnten wir es erst 1997, und ganz fertig sind wir heute noch nicht.

Ihre Dissertation beschäftigte sich mit dem Residenzschloss in Dresden. Ist es ihr liebstes Objekt geworden und was liegt Ihnen bei der Restaurierung besonders am Herzen?

Sagen wir, es ist mir sehr vertraut, weil ich schon sehr lange damit befasst bin. Was inzwischen daraus geworden ist, ist großartig, aber ich weiß auch, was möglich wäre. Landesweit habe ich es mit vielen Schlössern zu tun. Doch hier in Dresden handelt es sich nicht um "irgendein" Stadtschloss, sondern um die sächsische Residenz. Der Ansatz für den Wiederaufbau war ein doppelter: Die Hülle ist das Hauptexponat, das Monument sächsischer Geschichte. Im Inneren präsentieren die Kunstsammlungen den einzigartigen Staatsschatz. Um wirklich dieses Monument zu sein, fehlen derzeit noch die repräsentativen Paraderäume. Oder wie auch schon geäußert wurde: Ein bisschen mehr Residenz-Schloss könnte es ruhig sein. Und natürlich wünschte man sich zur Abrundung des Stallhofes das Johanneum.

In über zehn Jahren als Landeskonservatorin haben Sie sich mit einer Vielzahl von Denkmalen befasst. Können Sie Zahlen nennen?

Mit der Flut 2002 bin ich sozusagen im Ständehaus "angelandet" und begann mit überschwemmten Kellerdepots und -werkstätten und dem Verlust aller Dienstwagen. 2003 konnte die vorläufige Denkmalliste, die erste sächsische nach bundesdeutschem Standard, abgeschlossen werden. Sie umfasste 113 000 Einzeleinträge. Dabei ist zu beachten, dass zum Beispiel für eine große Siedlung jeder einzelne Hauseingang zählt, anders als in anderen Bundesländern, deshalb unsere Zahlen besonders hoch erscheinen. Seitdem sind wir mit der fachlichen Überprüfung der Schnellerfassung beschäftigt und diese Arbeit soll 2015 abgeschlossen sein. Derzeit haben wir es noch mit 103 000 Objekten zu tun, weil vieles inzwischen verloren gegangen oder auch der Denkmalstatus nicht mehr gegeben ist. Die Erfassungsdimension ist schon unglaublich. Sachsen hat einen hervorragenden Denkmalbestand.

Was ist ein Denkmal?

Das sind Objekte, die auf Grund ihrer besonderen Eigenschaften einen Mehrwert über den normalen Baubestand hinaus haben und deren Erhaltung deshalb für die Gesellschaft wichtig ist. In Sachsen ist das deklaratorische System gesetzlich verankert. Das heißt, wenn ein Objekt die Denkmaleigenschaften besitzt, ist es ein Denkmal, auch unabhängig davon, ob es in die Denkmallisten eingetragen ist. Wird ein Bauantrag gestellt, ist die Denkmaleigenschaft grundsätzlich noch einmal zu überprüfen und somit eine ganz aktuelle Beurteilung möglich.

Haben Sie unter Sachsens Kulturdenkmalen Favoriten oder anders gefragt, was bedarf besonderer Fürsorge?

Lieblingskinder darf es für mich wohl nicht geben. Da zitiere ich gern Hans Nadler: "Was dem Dresdner sein Zwinger, ist dem Dippoldiswalder seine Postmeilensäule." Seit der Wende sind etwa zwei Drittel aller Denkmale saniert worden und in gutem Zustand. Aber ein Drittel eben nicht. Und dieses Drittel konzentriert sich nicht in den prosperierenden Großstädten oder in deren Speckgürteln, sondern in den Randbereichen im ländlichen Raum, wo die Arbeitsplätze weggebrochen sind, wie im Torgauer Raum, im Leipziger Land oder in Richtung Zittau/Görlitz.

Besonderer Fürsorge bedürfen "große Brocken" wie Herrenhäuser, Landschlösser oder Bahnhöfe - kaum zu glauben, dass diese einmal Aushängeschilder der Städte waren. Eine große Problematik steckt auch in den ländlichen Hauslandschaften, insbesondere dort, wo Schulen weggefallen sind. Im Umgebindeland der Oberlausitz konnte zwar die Stiftung Umgebindehaus sehr positiv wirken, aber den Leerstand trotz Förderung junger Familien noch nicht stoppen. Derzeit stehen immer noch rund 350 Objekte leer.

Woran spürt der Bürger die Arbeit des Landesamtes für Denkmalpflege vor allem?

An vier Dingen: 1. An der unmittelbaren Präsenz vor Ort, wenn unsere Gebietsreferenten Bauherren begleiten - oder wenn sie keine Zeit haben und fehlen. 2. Wir führen die Denkmalliste und stellen wissenschaftlich begründet fest, was ein Denkmal ist und nicht zuletzt findet 3. Öffentlichkeitsarbeit durch Publikationen, Vorträge, Ausstellungen, durch Konfliktgespräche, Beratungen oder die Unterstützung von Vereinen statt. 4. muss unsere Zustimmung immer eingeholt werden, wenn es um Denkmalabbrüche geht.

2010 wollte der Innenminister das Landesamt entmachten und die Schutzwürdigkeit vieler Denkmale in Frage stellen. Nach erheblichen Protesten ist diese Novellierung des Denkmalschutzgesetzes vom Tisch. Läuft heute alles zufriedenstellend?

Ich habe den Eindruck, unser Innenminister ist in der Denkmalschutzproblematik gut angekommen. Er spricht öffentlich und gern vom Denkmalland Sachsen, kennt die Nöte der Denkmaleigentümer und hat sich deshalb auch für erhebliche Landes- und Bundesmittel eingesetzt, die nicht nur in das Residenzschloss fließen.

Häufig werden die energetischen Sanierungen bei Denkmalen kritisiert...

Auch Denkmale sollten energetisch verbessert werden, es ist aber nicht sinnvoll, sie auf Maximalstandard zu bringen. Die Gebäude müssen atmen können, durchlüftet sein. Das Landesamt berät auch in diesen Fragen.

Blutet Ihnen nicht manchmal das Herz, wenn wertvolles Kulturgut verfällt, wie beispielsweise Schloss Übigau?

Ja, ich empfinde schon oft Trauer. Aber Schloss Übigau ist nicht das Gefährdetste. Näher geht mir, dass der Hausbestand im ländlichen Raum bis 1989 so gut es ging privat erhalten wurde. Und jetzt, wo das Baumaterial vorhanden ist und wir eigentlich ein reiches Land sind, geht so vieles kaputt, auch, weil ganz einfach die Menschen fehlen.

Was sagen Sie, wenn man jetzt beim Namen Cornelius Gurlitt an Naziraubkunst und mysteriöses Verhalten denkt und nicht an Sachsens Denkmalpflege-Papst?

Das Aktuelle und die Sensation liegen natürlich näher.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.11.2013

Genia Bleier

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