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Kurt Masur überrascht am Pult der Philharmonie mit seinem neuen Wiedergabestil von Beethovens Sinfonien

Kurt Masur überrascht am Pult der Philharmonie mit seinem neuen Wiedergabestil von Beethovens Sinfonien

Selbst diejenigen unter den Musikenthusiasten, für die die Klassik nicht Ende und Höhepunkt der Musikgeschichte bedeutet, werden einräumen, dass das Œuvre Ludwig van Beethovens mehr als nur einen musikalischen Kosmos eröffnet.

Rudolf Buchbinder hat uns in der Spielzeit 2010/2011 in der Oper mit allen 32 Klaviersonaten Beethovens den Zugang zu einer dieser Welten auf beeindruckende Weise dargeboten, was sich in der neuen Gesamtausgabe auf neun CDs unschwer und genussvoll nachprüfen lässt. Pianistische Klangfarben, Freilegung thematischen Materials und eine ungezählte Fülle an Emotionen zeichnen diese Interpretationen und natürlich auch die Werkkategorie selbst aus.

Von Beethovens Sinfonien darf man zu Recht Ähnliches erwarten, wobei die Vielzahl und die Unterschiedlichkeit der Instrumente noch eine Steigerung mit sich bringen. Trotz allen Schwierigkeiten, die sich zwangsläufig aus den baubedingten Wanderjahren ergeben, hat sich die Philharmonie entschlossen, die Saison 2012/2013 mit Beethoven als Schwerpunkt zu gestalten und in diesem Kontext die Sinfonien 1 bis 7 Kurt Masur, also dem Ehrendirigenten des Orchesters anzuvertrauen. Wir kennen Masur, der von 1967 bis 1972 selbst Chefdirigent der Philharmonie war, als beispielhaft guten Interpreten des Beethoven'schen Werks. Der greise und von Krankheit deutlich gezeichnete 85-jährige Altmeister hat in der Vergangenheit oft genug gezeigt, wie er Leidenschaftlichkeit und Kraft der Sinfonien Beethovens umsetzen kann. Diese Art der Präsentation beschränkt sich nicht auf Beethoven. Masurs Konzert mit Bruckners 3. Sinfonie in der Kreuzkirche liegt zwar schon zwei Jahre zurück, strahlt aber bei vielen Hörern noch immer als besonders heller Stern in ihrer musikalischen Erinnerung. Ein Konzert der Philharmonie mit Beethovens Sinfonien 8 und 9 im Mai dieses Jahrs musste Masur nach einer Sturzverletzung leider absagen, so dass wir nicht in den Genuss kommen, alle neun unter seiner Leitung zu erleben.

Inzwischen hat er aber die ersten fünf Sinfonien Beethovens an zwei Abenden im Schauspielhaus absolviert und für manche Überraschung gesorgt. Nicht neu war, dass er das Orchester mit ungewöhnlich kleinräumigen Bewegungen geleitet und manchmal völlig auf Zeichengebung verzichtet hat. Er weiß, was er von der Philharmonie und den Konzertmeistern erwarten darf. Zudem hatten wir diesen Bewegungskanon bereits bei der Bruckner-Sinfonie ähnlich erlebt. Absolut neu dagegen war etwas, womit wohl kaum jemand gerechnet hatte: Masur bot fast alles als Ausdruck klassischer Leichtigkeit. Es schien so, als wollte er Winckelmanns Deutung der antiken Kunstwerke als Beispiele "edler Einfalt und stiller Größe" für die Musik des klassischen Zeitalters neu entdecken und auf eigene Art hörbar machen. Plötzlich war da nichts mehr vom oft beschworenen Titanengeist und der heroischen Grundstimmung in Beethovens Musik, kein Furor teutonicus, kein Ausschöpfen extremer Emotionen. Wenn hier von Leichtigkeit die Rede ist, darf das nicht mit Leichtfertigkeit oder gar Oberflächlichkeit verwechselt werden, auch wenn der hoffnungsarme Trauermarsch der dritten Sinfonie und das tragische Moment der fünften nicht das bisher gewohnte Maß hatten. Aus der Probenarbeit war zudem zu erfahren, dass der wegen seiner Unnachgiebigkeit oft fast gefürchtete Dirigent diesmal deutlich weniger streng war.

So wie uns Nikolaus Harnoncourt Bach und Mozart neu zu hören gelehrt hat, könnte uns Masur auch Beethoven in neuem Licht darbieten. Dieses Licht ist nicht gleißend und blendend, dafür aber freundlicher und milder, ohne an Strahlkraft einzubüßen. Auch Masurs jüngster Sohn Ken-David, der die zweite Sinfonie leitete, war um diese Helle bemüht, kann es aber mit seinem Vater nicht aufnehmen, der wohl Weisheit und Heiterkeit des Alters in die Musik einbringt. Das grimmige Gesicht Beethovens, das viele in seiner Musik wiederzufinden meinen, ist also keineswegs zwingend.

Nicht unerwähnt bleiben darf die Äußerung Kurt Masurs, dass für ihn Dresden und die Philharmonie "eine Art Heimat" darstellen. Uns bleibt die Hoffnung, dass er noch oft in diese Heimat zurückkehrt. Peter Zacher

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.12.2012

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