Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Kurt Krömer hat das Dresdner Publikum im Griff

Alter Schlachthof Kurt Krömer hat das Dresdner Publikum im Griff

Kurt Krömer war da. Und war so wie immer. Ein Launen-Chamäleon. Niemand konnte sicher sein, niemand sollte es. Auch dann nicht, als Krömer begann, einzelne Zuschauer zu umarmen. Vor allem dann nicht.

Unberechenbar: Kurt Krömer.

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  Unerfüllbare Gebote fördern den Fanatismus, weil jeder jeden mit Recht der Inkonsequenz und Häresie beschuldigen kann. Wer am lautesten den Inquisitor gibt, der hat gewonnen. Das funktioniert in Religionen so – und erst recht im Veganismus, der verspricht, Gemüt, Gewissen und Gewicht gleichermaßen zu entlasten. Entsprechend liegt diese Lebensweise, die sehr wenig mit Savoir-Vivre zu tun hat, sehr viel hingegen mit moralinsaurem Missionieren, und die auch ihre Gralsheiligen kennt, etwa Autoren wie Karen Duve, schwer im Trend.

Kurt Krömer war da. Und war so wie immer. Ein Launen-Chamäleon. Niemand konnte sicher sein, niemand sollte es. Auch dann nicht, als Krömer begann, einzelne Zuschauer zu umarmen. Vor allem dann nicht.

Zur Bildergalerie

Kurt Krömer, der nun zwei Abende hintereinander im Alten Schlachthof mit seinem Programm „Heute stimmt alles“ gastierte, ist noch kein Veganer, dafür bekennt er sich zu sehr zur Currywurst, lästert er zu sehr über die Geschäftsidee „Veganes Sexspielzeug“. Aber er geht, wie er bekennt, im Reformhaus einkaufen, also dort, wo die Besserverdiener und Weltverbesserer für viel Geld vielleicht wenig zum Essen und Trinken kriegen, dafür aber eben – eine Art Ablasshandel – das bessere Bewusstsein. Warum Krömer allerdings im Bio-Öko-Reform-Laden kauft, bleibt ein Rätsel. Er persifliert den Veganismus, verspottet die „Öko-Trullas“ und ärgert sich grün und blau übers Preis-Leistungsverhältnis und die verkniffenen Mienen. Aber der Mann will sich offensichtlich aufregen. Sich echauffieren über und delektieren an den großen wie den kleinen Missständen der Welt. So wie er herumgiftet, erinnert Kurt Krömer an den großen Ahnherrn des Wutbürgertums: an Klaus Kinski.

Aber gelegentlich macht Kurt „Motzki“ Krömer, der im richtigen Leben Alexander Bojcan heißt und sich womöglich mit Gernot Hassknecht einen unerklärten Wettkampf um den Titel „Rotzigster Krakeeler der deutschen Komik“ liefert, auf nett. Dann plaudert er charmant, umarmt er Leute aus dem Publikum – um dann urplötzlich und einen in den Hirnsynapsen liegenden Schalter umlegend einen Zuschauer im Kasernenhof-Ton dazu zu verdonnern, „diese verfickte Scheißliebe jetzt endlich gefälligst weiterzugeben“, im kompletten Saal natürlich.

Da ist sie dann sofort wieder, die Kunstfigur mit ihrem schiefen, halb schüchternen, halb tückischen Lächeln und ihrer multiplen Persönlichkeit – mal lammfromm bis depressiv, im nächsten Moment doch vor Zorn brüllend und in „stressbedingter“ Rage über bräsige Handwerker, „Terror-Omas“ mit ihrer Entenfütter-Manie oder das Paralleluniversum aus Plastik, in dem man sich als Verbraucher Tag für Tag wiederfindet. Manchmal wirkt es, als würde der cholerische Quartals-Irre eine Themenliste Punkt für Punkt durchgehen. Krömer sagt „Flüchtlinge“, woraufhin es erstaunlich ruhig im Saal wird. Lästert dann über die „zwischen Lego- und Lummerland“ dümpelnden selbsternannten Verteidiger des Abendlandes, macht aus seiner Ablehnung dieser Konsorten keinen Hehl, vermag aber dem Phänomen Pegida letztlich nichts grundlegend Neues an Komik abzugewinnen.

Trotzdem, Kurt Krömer bleibt ein Phänomen. Es ist doch immer wieder erstaunlich wie rührend, wie einer im 50er-Jahre-Kleinbürger-Gedächtnis-Look mit meist eher simplen Gags, derber Publikumsbeschimpfung und sich selbst verunzierenden wie bloßstellenden Fratzen so viel Heiterkeit auszulösen vermag. Manchmal wurde sogar der Ekel aktiviert, wenn det berlinernde Klamauk-Anarcho-Unikum ins Taschentuch rotzt, sich das Ergebnis eingehend betrachtet, wenn er seine Hände unter die Achseln schiebt und daran riecht, wenn er das durchgeschwitzte Hemd aufknöpft und die bleiche Bier-Plauze ohne Rücksicht auf womöglich im Saal befindliche Ästheten tätschelt.

Aber dann wieder zeigt der GrimmePreisträger, dass er durchaus die richtigen Fragen zu stellen vermag. Wie kann es sein, dass viele Berliner Schulen völlig verdreckt sind, wohingegen Fixerstuben einem als ein Ort der inneren Einkehr und Hygiene erscheinen? Dass er von Witz und Wendungen etwas versteht, gängige Denkmuster auch mal zu durchbrechen vermag, beweist auch eine kleine Szene, in der Krömer sogar dem leidigen wie abgedroschenen Thema BER noch eine neue Facette abzugewinnen vermag. Auch wenn es einen nicht wirklich tröstet, wie es zum Planungsdesaster und zum Milliardengrab Berliner Flughafen kam, Krömers Erklärungsversuch hat was. Und man empfindet sogar Mitleid mit dem Pressesprecher, der Tacheles redete und deshalb seinen Job verlor. Dem geschassten Bauernopfer ist gelungen, was keinem mehr am BER gelingen wird, schon gar nicht dem langjährig als Bürgermeister und Aufsichtsrat dilettierenden Klaus Wowereit: Er flog.

Von Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr