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Kurt Drawerts neuer Essay-Band "Was gewesen sein wird" - Lesung in Dresden

Kritik der politischen Rhetorik Kurt Drawerts neuer Essay-Band "Was gewesen sein wird" - Lesung in Dresden

Eine von Kurt Drawerts Grundüberzeugungen ist: "Systeme, die zur Selbstreflexion unfähig sind, sterben aus". Er leitet davon die Verpflichtung ab, sich mit der ihn umgebenden gesellschaftlichen Situation intensiv auseinanderzusetzen.

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Drawert bezieht sich in seiner Sprachkritik auch auf Victor Klemperers "Lingua Tertii Imperii".

Quelle: Ute Döring

Dresden. Eine von Kurt Drawerts Grundüberzeugungen ist: "Systeme, die zur Selbstreflexion unfähig sind, sterben aus". Er leitet davon die Verpflichtung ab, sich mit der ihn umgebenden gesellschaftlichen Situation intensiv auseinanderzusetzen und Sprache als Zivilisationsbefund kritisch in den Blick zu nehmen. In vielen seiner kritischen Essays und in einem Großteil seiner Prosa werden auf höchstem intellektuellem Niveau radikale An- und Einsichten mit sprachlicher Originalität verbunden.

Mit seiner Kritik der politischen Rhetorik - vor allem in seinem soeben erschienenen Essay-Band "Was gewesen sein wird" nachzulesen - hat Drawert den Grundstein für eine notwendige gesellschaftliche Debatte gelegt. - Was macht die Sprache mit uns, und was machen wir mit der Sprache? Wo repräsentiert sie uns und unser Begehren, und wo redet sie uns ein Begehren nur ein? Wo haben wir sie und wo hat sie uns? Wer ist überhaupt Subjekt in diesem fließenden Zusammenspiel von Rede und Antwort, Begriff und Bedeutung, Zeichen und Sinn? - Drawert bezieht sich in seiner Sprachkritik u. a. auf Victor Klemperers "Lingua Tertii Imperii". Klemperer stoße in seiner Sprachanalyse des Dritten Reiches immer wieder auf etwas, "das nicht von Menschen gemacht, erfunden und gesteuert ist, sondern selbst Menschen macht, erfindet und steuert. Es wird zu einem Monster, einer Art Frankenstein der Sprache, den wir uns ganz und gar physisch zu denken und vorzustellen haben, in brauner Uniform und gewaltbereit zu jeder Stunde."

Drawerts Misstrauen richtet sich vor allem gegen mündliche Rede, "die stets mit Funktionen behaftet ist, die keine der Sprache und der Schrift mehr sind und größere Wirkung haben als Verständnis und Einsicht." Wie gefährlich Pathos werden kann und wie verführerisch eine Rhetorik, die es erzeugt, habe man gerade in Deutschland auf das Schlimmste erlebt. Die falsche Sprache in Diktaturen sei systemimmanent und in sich selbst begründet falsch; die falsche Sprache in Demokratien aber sei "ein Defekt im System der Demokratie." Der Phonozentrismus, wie er heute wieder dominiere, betone die Rhetorik und setze den Logos herab. "Nicht der beweisbare Satz ist gefährlich, der seine Logik offenlegen und seine Elemente zueinander in Beziehung setzen muss, sondern der leere, nichts repräsentierende, nichts denkende Satz, der nur phonetischer Lärm ist."

Kein Politiker könne sich heute einer Rhetorik der Verführbarkeit entziehen, oder er verliert früher oder später sein Amt. In dieser Klemme zwischen Wahrheitsverpflichtung und Illusionserzeugung gebe es oft nur einen Ausweg: "den grammatisch inkorrekten und syntaktisch bis zur Unlesbarkeit verschachtelten Satz. Er offenbart, dass es keine authentische Beziehung des Sprechers zum Gesprochenen und der Sprache zu ihrem Gegenstand gibt." Aber dieser Defekt sei nicht allein den Politikern anzulasten. Die Öffentlichkeit warte nur darauf, Politiker beim Lügen zu ertappen, um dann deren sofortige Suspendierung zu fordern. Wer die Wahrheit ungeschönt äußere, stürze im Ranking der Beliebtheiten ab. Also bleibe nur die unscharfe Rede, der Sprachbrei, die Nichtfestlegung und substantielle Flüchtigkeit.

Obwohl Drawerts Buch bereits vor der großen Flüchtlingswelle und vor den Montagsmärschen von PEGIDA abgeschlossen im Verlag gelegen hat, nimmt es auch auf diese Problematik Bezug. Man müsse das Andere auch dort anerkennen, sagt Drawert, wo es wirklich das Andere ist und nicht nur eine Maske des Selbst. Fremdenhass sei "immer Ausdruck einer narzisstischen Störung, denn der Fremde nimmt ja nicht wirklich etwas weg; aber er erinnert daran, dass die Welt größer und weiter ist als unser Bild von ihr, und dass sie genau dort anfängt, wo unser Selbst endet." Nur aus der Anerkennung des Anderen könne Harmonie erwachsen. Diese könne aber nur eine "Harmonie des Disharmonischen" sein. Die politische Rhetorik vermittle jedoch allzu oft eine Harmonie der Illusionen.

Kurt Drawert ist am 22. Januar um 20 Uhr in in der Haupt- und Musikbibliothek, Freiberger Straße 35, zu Gast.

von Axel Helbig

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