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Kuratorin Dr. Angelina Whalley über die Ausstellung "Körperwelten - eine Herzenssache" in Dresden

Kuratorin Dr. Angelina Whalley über die Ausstellung "Körperwelten - eine Herzenssache" in Dresden

Zum ersten Mal kommt in diesem Jahr die Körperwelten-Ausstellung von Gunther von Hagens nach Dresden. Die DNN haben vorab mit Kuratorin Dr. Angelina Whalley darüber gesprochen, was die Besucher erwartet.

Frage: Wie kommt es, dass Sie erst jetzt mit Körperwelten Ihre Dresden-Premiere feiern?

Dr. Angelina Whalley: Unsere Ausstellung in Leipzig ist ja schon eine Weile her und ich weiß aus Erfahrung, dass viele Leute den weiten Weg gescheut haben. Da es immer unser Anliegen war, Körperwelten zu den Menschen zu bringen, haben wir uns jetzt sehr gerne entschieden, nach Dresden zu kommen.

Den thematischen Schwerpunkt bildet diesmal das Herz. Wie kam es dazu?

Ich habe mich vor etwa dreieinhalb Jahren entschieden, die Ausstellungen jeweils einem speziellen Thema zu widmen. Den Anfang haben wir 2009 mit dem Gehirn gemacht. Jetzt ist das Herz dran. Es ist vor allem deshalb interessant, weil es in allen Kulturen immer ein ganz besonderes Organ ist. Es steht für tiefe Gefühle, Mut und Entschlossenheit. Allerdings machen viele Menschen häufig den Fehler, dass sie ihr eigenes Herz kaum beachten, sondern ihm erst Aufmerksamkeit schenken, wenn es nicht mehr richtig funktioniert. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in unserer modernen Gesellschaft die Todesursache Nummer 1. Dabei kann man eigentlich gut Vorsorge betreiben.

Kann die Ausstellung die Menschen dazu bringen, mehr auf ihren Körper zu hören?

Wir stellen tatsächlich fest, dass die Besucher, indem sie Dinge sehen, die ihnen vorher unbekannt waren, ein größeres Gesundheitsbewusstsein entwickeln. Aus Befragungen wissen wir, dass neun Prozent mit dem Rauchen aufgehört haben oder weniger rauchen. 25 Prozent sagen, dass sie versuchen, sich gesünder zu ernähren und bewusster zu leben.

Auf welche Weise stellen Sie Herzerkrankungen und Herzfunktionen anschaulich dar?

Unter anderem zeigen wir eine Vielzahl an Präparaten, die das Herz in gesunder und kranker Form abbilden. Krankheitsbilder wie Arteriosklerose, die im Volksmund Arterienverkalkung genannt wird, bleiben so keine abstrakten Begriffe mehr, sondern werden für die Besucher nachvollziehbar. Sie können sehen, wie sich die Krankheit im ganzen Körper ausbreitet und die Herzfunktion beeinträchtigt. Auch die Dimension der Gefäße wird auf diese Weise verständlich. Viele erfahren zum ersten Mal, wie dicht dieses Blutgefäßsystem eigentlich ist. Außerdem haben wir 32 220-Liter-Fässer aufgestellt, die symbolisch für die 7000 Liter stehen, die das Herz pro Tag im Ruhezustand durch den Körper pumpt.

Wie viele Präparate sind in der Dresdner Ausstellung insgesamt zu sehen?

Die Ausstellung enthält knapp 200 Präparate, darunter eine große Zahl an kleineren Vitrinenpräparaten, die notwendig sind, um die Organfunktionen zu zeigen. Von den beliebten Ganzkörperpräparaten werden etwas 20 zu sehen sein.

Wie lange dauert es in der Regel, einen Menschen zu plastinieren?

Die Plastination ist aufwendig. Um einen Körper zu plastinieren, brauchen wir etwa ein Jahr. In 1500 Arbeitsstunden werden die Körper in unseren Labors in Guben von 28 Mitarbeitern bearbeitet. Der Kostenpunkt liegt bei 50 000 bis 60 000 Euro pro Ganzkörperplastinat.

Welche Arbeitsschritte sind nötig?

Zunächst einmal die anatomische Präparation, bei der die Nerven, Arterien und Muskeln herausgearbeitet werden. Nachdem der Körper anschließend mit Silikon durchtränkt ist, muss er noch positioniert werden. Das ist nicht so leicht, denn einerseits muss er in eine Pose gebracht werden, die ansprechend aussieht, andererseits muss diese Pose aber auch anatomisch korrekt sein. Sobald das Plastinat ausgehärtet ist, ist es zu spät. Dann kann man nichts mehr ändern.

Wie viele Leute haben Sie schon plastiniert?

Die Gesamtzahl der bereits verstorbenen Spender beläuft sich auf 1254. Mehr als 13 900 Personen, darunter über 11 000 Deutsche, sind derzeit am Heidelberger Institut für Plastination als Körperspender registriert.

Halten die Plastinate ewig oder werden sie irgendwann beerdigt?

Plastinate sind extrem haltbar. Man muss wissen, dass die Plastination das Körperwasser austauscht. Alle Zellen, die vorher Wasser enthielten, sind danach mit Silikonkunststoff ausgefüllt. Ohne Wasser gibt es keine Verwesung. Auch die Pharaonenmumien aus dem alten Ägypten konnten die Zeit überdauern, weil sie getrocknet worden sind. Allerdings sind sie geschrumpft, was bei den Plastinaten nicht passiert. Die Exponate werden sicherlich Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Jahren halten.

Wie kommen Sie auf die Ideen zu Posen wie dem Titanic-Motiv oder dem Hürdenläufer in der aktuellen Dresdner Ausstellung?

Das ist die Aufgabe von meinem Mann Gunther von Hagens gewesen, der ja die Plastination erfunden hat und praktisch seine gesamte berufliche Karriere dieser Technologie gewidmet hat. Die Notwendigkeit von ansprechenden Posen haben wir schon bei unserer ersten Ausstellung 1995 in Japan erkannt. Obwohl das Publikumsinteresse groß war, wurde dennoch kritisch angemerkt, dass die plastinierten Menschen alle so tot aussahen. Das war kein Wunder, denn sie standen dort wie ein anatomisches Modell im Medizinstudium vor dem Publikum und waren nicht besonders gestaltet. In dieser Situation haben wir uns an die alten Renaissance-Anatomen erinnert. Wenn man sich die historischen Darstellungen anschaut, dann sieht man, dass sie die anatomisch präparierten Körper in lebendiger Pose gezeigt haben, was sehr ästhetisch aussah.

Warum ist das so wichtig?

Wenn wir Leute ansprechen wollen, die vielleicht noch nie einen toten Körper gesehen haben, die auch mit einer gewissen Voreingenommenheit, mit Ängsten kommen, und schon beim Arzt keinen Tropfen Blut sehen können, ist es wichtig, dass die Präparate ästhetisch aussehen. Das nimmt ihnen die Furcht. Zudem haben wir die Erfahrung gemacht: Je dramatischer die Pose ist, umso mehr bleiben die Eindrücke im Gedächtnis haften. 

Hat sich seit der ersten Ausstellung im Jahr 1995 die Technik der Plastination verändert?

Mein Mann hat beständig an den Kunststoffformulierungen gearbeitet. Und er hat auch sehr viel Zeit darauf verwendet, neue anatomische Präparationsformen zu erarbeiten. Erst dadurch, dass das Gewebe sich durch das Silikon verfestigt, sind heute Darstellungsformen möglich, die an einem Formalinkörper in der Anatomie vorher nicht gezeigt werden konnten. Auch die lebensnahe Positionierung ganzer Körper hat er über viele Jahre hinweg perfektioniert. Manche Posen wie zum Beispiel die des Basketballspielers, der wie in einer Bewegung eingefroren scheint und gerade noch so auf den Zehenspitzen steht und dribbelt, sind eine große Herausforderung, die sowohl gutes anatomisches Wissen als auch gute dreidimensionale Vorstellungskraft und gestalterisches Geschick voraussetzen.

Wie konnte sich Ihr schwer kranker Mann noch in die Ausstellung einbringen?

Die Exponate sind ja über viele Jahre hinweg entstanden. Glücklicherweise hat er Mitarbeiter angelernt, die ihm früher, als er noch nicht so krank war, zugearbeitet haben. Jetzt können sie unter seiner Anleitung sehr gute Plastinate anfertigen.

Sie beleuchten auch andere Facetten des Herzens, z.B. die symbolische Dimension in Religion, Kunst und Literatur. Wie kamen Sie auf die Idee, von der rein körperlichen Betrachtung abzuweichen?

Eigentlich ist das naheliegend, weil es immer schon mein Anliegen gewesen ist, die Ausstellung weiterzuentwickeln. Der Mensch ist ja nicht nur eine körperliche Maschine. Das Menschsein ergibt sich aus einer Vielzahl an unterschiedlichen Facetten. Mit leicht verständlichen Texten gehen wir auf diese Dimension ein.

In der Vergangenheit gab es wegen der öffentlichen Zurschaustellung von Leichen jede Menge Kritik an Körperwelten. Hat das mittlerweile nachgelassen?

Man muss sagen, dass es deutlich weniger geworden ist. Ich glaube, das liegt auch in der Natur der Sache. Alles was neu ist, wird erst einmal kritisch beäugt. Insbesondere wenn es um die Verwendung von Leichen geht, hat man in Deutschland aufgrund der jüngeren Geschichte immer noch ein sensitives Bewusstsein. In der Anfangszeit, als die Kritik sehr heftig war, muss man wissen, dass die meiste Kritik von Menschen kam, die die Ausstellung nie gesehen hatten und sie nicht sehen wollten. Mittlerweile haben sie in Deutschland über acht Millionen Menschen besucht. Ihnen Voyeurismus zu unterstellen, wäre wohl verfehlt.

Können Sie verstehen, dass manche Leute dennoch Probleme mit der Ausstellung haben?

Jeder ist von den Dingen geprägt, die er erlebt und erfährt. Die Medien und die Filmindustrie tragen dazu bei. Sie haben die Anatomie stets in einem düsteren Licht gezeigt. Zudem spielt die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit eine maßgebliche Rolle. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass die allermeisten Menschen, die in die Ausstellung gegangen sind, auch die- jenigen, die trotz Bedenken vorbeikamen, gesagt haben: Die Ausstellung ist doch ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Ich bin dankbar für diese Erfahrung.

Die Ausstellung in der Zeitenströmung, Königsbrücker Straße 96, ist bis zum 4. Mai Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr und Sonnabend und Sonntag von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Gruppentickets gibt es ab 9, Einzeltickets ab 11 Euro unter www.koerperwelten.de oder an der Tageskasse zu kaufen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.01.2014

Interview: Stephan Hönigschmid

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