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Kupferstich-Kabinett: Zeichnungen und Gemälde der Frührenaissance

Kupferstich-Kabinett: Zeichnungen und Gemälde der Frührenaissance

Dem Besucher der Räume des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden soll der Eindruck vermittelt werden, er befinde sich "An der Wiege der Kunst".

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Sandro Botticelli, Maria mit dem Kind und dem Johannesknaben, Pappelholz.

Quelle: Kupferstich-Kabinett, SKD

So jedenfalls der Titel der seit heute geöffneten Ausstellung, die eine Auswahl Zeichnungen und Gemälde der italienischen Renaissance des 14. und 15. Jahrhunderts mit einschlägig neuesten Forschungsergebnissen verbindet. Zugleich ist unter dem selben Titel ein Katalog erschienen, der die Bestandsverzeichnisse beider Sammlungsgebiete enthält.

Unter Wiege der Kunst könnte man auch die Werkstatt des Künstlers sehen, dessen Geheimnisse bei einem nachträglichen Blick über die Schulter eröffnet werden - vermittelt durch neueste Untersuchungsmethoden, die insbesondere Auskunft über den Werdegang von Zeichnungen geben können. Wie Bernhard Maaz, Direktor des Kupferstich-Kabinetts und der Gemäldegalerie Alte Meister erläuterte, sei jedoch in erster Linie die historische Phase gemeint, "in der sich die Kunst aus dem Handwerk löste". Dies geschah durch Hinwendung zur Realität und zum Individuum, die Entdeckung der Perspektive und des Raums - und freilich auch durch die Auseinandersetzung mit der Antike und ihrem Menschenbild.

Die Zeichnung war dabei das wichtigste Mittel der Erkundung und des Gestaltens im Entwurf. Dass die, für die Entstehung von (auf Pappelholz) gemalten Bildern unerlässlichen, akribischen Vorzeichnungen unter der Farbe verschwanden, gab Anlass, Entwürfe dazu oder Repliken aufzubewahren, doch Papier war in dieser Zeit rar, man benutzte es im Betrieb der Künstlerwerkstätten wohl vor allem, um Sammlungen von Gestaltungsmustern anzulegen, die dann wie Versatzstücke für Gemäldekompositionen benutzt wurden.

Darunter finden sich Arbeiten höchster Eigenständigkeit wie etwa das Porträt eines "Sitzenden jungen Mannes mit Kappe" von Filippino Lippi. Dennoch war die Zeichnung noch weit entfernt von der Emanzipation als eigenständige Gattung der bildenden Kunst, signiert wurden die Blätter nie, ja auch Gemälde höchst selten, so dass meist nur bekannt war oder ist, aus welcher Werkstatt sie stammen. Auch die Überlieferungen hinsichtlich verwendeter Materialien und Techniken sind spärlich, und erst in jüngster Zeit ist dank neuer, die Substanz der Werke nicht mehr gefährdender Untersuchungsmethoden gelungen, einige bisher unzugängliche Geheimnisse zu lüften. So kann man erst jetzt mit Sicherheit sagen, dass für die Andrea del Verrocchio zugeschriebene "Madonna mit der Brosche" zwei unterschiedliche Metallstifte, einer aus Blei, einer aus Silber, zum Einsatz kamen, was sicherlich den Eindruck von Delikatesse stützt.

Bei aller wissenschaftlichen Akribie und dem berechtigten Ehrgeiz, neueste Forschungsergebnisse zu präsentieren, sollte natürlich die Aura der Kunstwerke nicht beschädigt werden, und die Ausstellungsmacher haben sich tatsächlich viel Mühe gegeben, für diese schwierige Balance eine gute Lösung zu finden. Bei dem erwähnten Verocchio ist sie so stark, dass es nicht schwerfällt, sich dem Zauber einer liebreizenden, halb selbstbewussten, halb schamhaften Selbstbetrachtung hinzugeben, auch wenn das Modell sich gleich nebenan als Madonna in x Varianten wiederfindet. Als besonders wirkungsvoll erweisen sich ungewohnte Perspektiven, etwa wenn doppelseitige Zeichnungen wie Objekte in Vitrinen ausgestellt sind und damit beide Ansichten darbieten. Insbesondere die Historienmalerei von Ercole de' Roberti oder Sandro Botticelli ("aus dem Leben des heiligen Zenobius) lädt ein, sich darin zu versenken, und selbst Werke, die normalerweise ihr Dasein im Depot fristen, wie zwei Pilaster eines Altars, bieten mehr als nur zusätzliche Informationen zum Zeitgeist.

60 Gemälde und 50 Zeichnungen umfassen die einschlägigen Bestände der Kunstsammlungen, das ist in Anbetracht der Vorgeschichte viel und wenig zugleich. Für den den Laien ist schon aufgrund der Vielfalt von Themen, Quellen und Bezügen eine Kontinuität der Entwicklung schwer nachvollziehbar, doch dürfte auch er außer dem populären Knabenbildnis von Pintoricchio etwa Coneglianos Jesus-Bildnis oder Starninas "Maria" - übrigens von einer HfBK-Studentin in ihrer Entstehung nachvollzogen und kopiert - als frühe Höhepunkte der Porträtkunst erkennen.

Die Wissenschaft muss sich bei der Darstellung einer 200 Jahre währenden Epoche - von Giotto bis Botticelli - weitgehend auf Indizien stützen, und im Detail wird sie zu einer Mischung aus Memory- und Puzzlespiel. Dem Restaurator Olaf Simon ist es zu danken, dass ein Blatt von Gianni Maria Falconetto, das Kaiser Hadrian beim Opfern an Diana zeigt und auf ein Relief in Rom zurückgeht, nun erstmals im Ganzen zu sehen ist. Simon fand die zweite, irgendwann abgeschnittene Hälfte zufällig unter den zweitrangigen deutschen Zeichnungen. Und dank einer UV-Aufnahme ist sogar die anlässlich der Trennung wegretuschierte Göttin wieder aufgetaucht. Neben solchen aufschlussreichen Aufnahmen bietet der Katalog die meisten papiernen Kostbarkeiten in Originalgröße und in einer auf den ersten Blick sehr hochwertigen Wiedergabe. Allerdings scheint es, dass, wohl auf Grund der Schärfe moderner Aufnahme- und Bildverarbeitung, etwas von der oftmals hauchfeinen Zartheit der Originale abhanden gekommen ist.

Ausstellung im Kupferstich-Kabinett, Resi- denzschloss Dresden. Bis 18. Januar. Täglich 10-18 Uhr, Di geschlossen; www.skd.museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.10.2014

Tomas Petzold

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