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Kunstgewerbemuseum zeigt „Creative Collisions. Studio Rygalik und junge Kreative“

Pillnitz Kunstgewerbemuseum zeigt „Creative Collisions. Studio Rygalik und junge Kreative“

Zeitgenössisches Design ist viel mehr als das ästhetisch und mehr oder weniger funktionell bestimmte Entwerfen von Gebrauchsgegenständen: Seine Bedeutung liegt im Prozess des kreativen Gestaltens selbst und berührt damit menschliches Tun in einem viel umfassenderen Sinn, sowohl für den Einzelnen wie auch in der zwischenmenschlichen Begegnung.

Blick in die Ausstellung „Creative Collisions. Studio Rygalik und junge Kreative.“ im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

Quelle: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Dresden. Zeitgenössisches Design ist viel mehr als das ästhetisch und mehr oder weniger funktionell bestimmte Entwerfen von Gebrauchsgegenständen: Seine Bedeutung liegt im Prozess des kreativen Gestaltens selbst und berührt damit menschliches Tun in einem viel umfassenderen Sinn, sowohl für den Einzelnen wie auch in der zwischenmenschlichen Begegnung.

„Kollision“ und „Kreativität“ sind denn auch die Schlüsselbegriffe der neuen, so ungewöhnlichen wie anregenden Ausstellung des Kunstgewerbemuseums in Pillnitz. Wie jedes Jahr zum Ende des Sommers präsentiert das Museum eine Design-Position aus Polen oder Tschechien. Dieses Jahr ist es das international erfolgreiche, 2006 gegründete polnische Designer-Duo „Studio Rygalik“. Gosia und Tomek Rygalik sind spezialisiert auf das Entwerfen von Möbeln, auf Produktdesign und Raumgestaltung. Doch ihr Handlungsspektrum reicht viel weiter, von Produktentwicklung, über ortsspezifische Installationen bis hin zur Veranstaltung von Workshops wie den beiden, die der Pillnitzer Ausstellung zugrunde liegen.

Den Ausgangspunkt bilden die weltweit unterschiedlichen und gemeinsamen Kulturen des Essens, vor allem der beinahe rituelle Akt des sich bei Tisch Versammelns, um gemeinsam zu essen und sich auszutauschen. Gosia und Tomek Rygalik haben dafür mit zehn in Dresden ansässigen jungen Designern, Architekten und Kreativen zusammengearbeitet, fünf von ihnen kamen als Flüchtlinge in die Stadt. Gemeinsam stellten sie im Bergpalais eine von den Rygaliks entworfene lange Tafel auf. Im Sinne der titelgebenden „kreativen Kollision“ wurde die schmucklose Oberfläche der Tafel aus vielen kleineren Tischplatten unterschiedlicher Form und Größe zusammengesetzt. Viel ungewöhnlicher aber ist die Bestuhlung des Raumes. Um den langen Tisch herum sind Stühle aufgestellt, deren Erscheinungsbild höchst heterogen und originell ist. Manche erinnern in ihrer Kargheit an westliche Designobjekte, andere eher an den Thron eines Stammesfürsten, an einen Hausaltar oder eine zeitgenössische Skulptur aus Abfall. Kreative Kollisionen auch das.

Jeder einzelne Stuhl wurde individuell gestaltet und spiegelt die persönlichen Hintergründe oder Motivationen ihres Entwerfers. Das kann im Wortsinne geschehen, wie bei Victoria Palms „Me, Myself and You“-Stuhl mit Flügelspiegel-Aufsatz oder ganz augenfällig, wie im „Syropean Chair“ von Thomas Jentzsch, der deutsche und arabische Sitzkultur in einem Hybrid aus vierbeinigem Stuhl und Ledersitzkissen vereint. Spielerisch sind Andreas Schliebenows Stuhlkreationen mit dem Titel „There is No Waste“. Sie bestehen aus Teilen gebrauchter Plastikgartenstühle, die mit anderen gefundenen Gegenständen wie Draht, Glas, Federn, Papier und einer Shisha versehen werden, so dass anspielungsreiche Objekte entstehen. Der „The Dictatorship Chair“ bezeichnete Sitzthron von Hazem Arabi ist ein berührendes Beispiel: Bei näherer Betrachtung entpuppt sich das scheinbar bequeme Sitzpolster als Flickenteppich aus gebrauchter Kleidung, die rote Ornamentik auf der großen Lehne als mit Marker aufgekritzeltes Konglomerat von Kontakten, Telefonnummern und Zielen syrischer Flüchtlinge.

Damit widersprechen die Exponate herkömmlichen Vorstellungen von Gebrauchsästhetik, Materialgerechtigkeit und von Design als Vorlage für später industriell Herzustellendes. Die Schau kommt als Design-Ausstellung daher, doch es geht hier weniger um die Präsentation der im Rahmen der Ausstellung entworfenen Objekte. Im Zentrum steht das Entwerfen als schöpferische Arbeit, vor allem aber als gemeinschaftlicher, interkultureller, kreativer und daher per se unabgeschlossener Prozess, in den die Gestalter ihren individuellen Hintergrund an Erfahrungen und Werten einbringen.

Diesen Prozess sichtbar zu machen, obliegt dem alten Format der Ausstellung, die im Falle der „Creative Collisions“ freilich selbst zum Experimentierfeld wird. Sie soll ein „Work in Progress“ sein. Entsprechend zeigt sie zunächst die vor Ausstellungsbeginn beim ersten Workshop geschaffenen Sitzgelegenheiten und Videosequenzen der Teilnehmenden beim Prozess des Entwerfens. Der zweite Workshop thematisiert die bewusste Gestaltung von Nahrungsmitteln als kreativer Akt und Teil einer kulturellen Praxis, die wiederum in der Ausstellung anschaulich werden sollen.

Das heterogene Ensemble aus Tisch und Stühlen der Jetzt-Zeit ist aufgestellt im zentralen Saal des Bergpalais mit seiner chinoisierenden Ausmalung vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die Gestaltung des die neuzeitlichen Designs umgebenden Interieurs selbst ist also wiederum Resultat eines Zusammenpralls verschiedener Kulturen. Doch anders als bei der von den großen Weltausstellungen beförderten europäischen Aneignung vermeintlich exotischer Kulturen geht es bei den „Creative Collisions“ eben nicht um den westlichen Blick auf außereuropäische Kulturen. Ihr Ziel ist die gleichberechtigte und ergebnisoffene Begegnung von Individuen mit unterschiedlicher Herkunft, Geschichte und Lebenswirklichkeit, die sich in ihrer Art der Gestaltung symbolisch mitteilt – um weitere „Kollisionen“ anzustoßen.

„Creative Collisions. Studio Rygalik und junge Kreative“. Bis 1. November im Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz, Bergpalais.

Von Teresa Ende

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