Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Kunstexperten aus China zu Gast in Dresden

Kunstexperten aus China zu Gast in Dresden

"Mööööp." Diesen Ton bekommt der normale, zur Vorsicht neigende Museumsbesucher nicht zu hören. Der Sound ist nicht schrill, dafür aber durchdringend.

Es ist der Alarm, der ertönt, wenn jemand den Exponaten im Dresdner Zwinger zu nahe kommt. Wie gerade eben. Ein Mann hat beim Anblick einer Porzellanfigur die imaginäre Grenze überschritten; ein Umstand, den das Sicherheitssystem nicht verzeihen kann. Also folgt das akustische Verdikt: "Mööööp." Doch kein Wachmann springt herbei. Denn Gefahr droht in diesem Fall nicht. Der Mann, der wohl nur einen kurzen Augenblick lang etwas unvorsichtig war, ist schließlich Experte. Vorhaltungen braucht es da nicht.

Mit ihm ziehen an diesem Vormittag, vor den offiziellen Öffnungszeiten, weitere elf Kenner der Materie durch die Porzellansammlung des Zwingers. Es sind allesamt Fachleute aus China: Restauratoren, Depotexperten, Naturwissenschaftler. Sie arbeiten in großen Museen des Reiches der Mitte. Begleitet wird das Dutzend Gäste von seinen Dresdner Pendants, unter anderen von der Restauratorin Heike Ulbricht oder der Kuratorin für ostasiatisches Porzellan Cora Würmell. Sie führen die Gruppe durch die Porzellansammlung, danach geht es eine Etage tiefer in die Depots und Werkstätten. Dorthin, wo jene Arbeit geleistet wird, von der die Besucher schließlich profitieren. Das ist in Dresden nicht anders als in Peking oder Shanghai. Zumindest auf den ersten groben Blick nicht. In den Details gibt es dagegen schon Unterschiede, aber die existieren, wie sich zeigt, eigentlich bereits innerhalb Chinas.

Das wird spätestens dann deutlich, als sich in der Werkstatt die gesamte Gruppe dicht um einen Tisch sammelt. Ulbricht erklärt anhand eines Porzellanexponats, wie in Dresden gearbeitet wird. Die Essenz: Brüche werden repariert, bleiben aber durchaus als solche erkennbar. Als Julia Fabritius, Leiterin Internationale Beziehungen an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), dann fragt, wie das in China gehandhabt wird, bekommt die Dolmetscherin noch einiges mehr zu tun. Der Disput fördert ziemliche Unterschiede zu Tage. In Shanghai würde wohl so restauriert, dass von einem eventuellen Bruch nichts mehr zu sehen wäre. Im Pekinger Palastmuseum würde man dagegen ähnlich vorgehen wie in Dresden.

Diese kleine Episode könnte als Fußnote durchgehen und steht andererseits doch exemplarisch - und zwar dafür, wie sich dieser Austausch von Experten binnen weniger Jahre entwickelt hat, und in welche Richtungen. Offiziell heißt das Projekt Museum Experts Exchange Program, kurz MEEP. Fabritius ist sozusagen der Kopf auf deutscher Seite, zu der neben den SKD noch die Staatlichen Museen zu Berlin sowie die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München zählen. Die Trias initiierte eine entsprechende Kooperation mit dem National Museum of China, die von 2010 bis 2012 über die Bühne ging. Dann nahmen sich die Beteiligten ein Jahr Pause, um inhaltlich nachzubessern. Was als gelungen gelten kann, weil gestrafft wurde. In diesem Jahr, als das Programm (übrigens in beide Himmelsrichtungen) wieder begann, stehen Fragen der Restaurierung im Vordergrund. 2015, lässt Fabritius wissen, werde es vor allem um das Kuratieren und Präsentieren gehen.

Und der Austausch ist auch rein quantitativ gewachsen. Auf chinesischer Seite sind nun drei weitere Museen beteiligt: das National Art Museum of China (NAMOC), das Shanghai Museum und das Guangdong Museum of Art in Guangzhou. Einer, der dadurch nach Dresden kam, ist Huang He. Er studierte bis 2008 in London und arbeitet seither im Shanghai Museum. Was ihn hier besonders fasziniert, sind die genauen Untersuchungen und wissenschaftlichen Analysen seiner deutschen Kollegen. Wenn es sehr spezifische Probleme gebe, würde hier einfach mit anderen Institutionen zusammengearbeitet, erzählt er. In China sei das anders. Dort gebe es zwar teilweise eine noch bessere Ausstattung, die "aber nicht regelmäßig genutzt" werde. Das müsse sich auf jeden Fall ändern, findet Huang He.

Bei allem Expertenwissen, das versammelt ist, sind es dann überraschenderweise doch keine Porzellane, die für die größten Oohs und Aahs sorgen - sondern der Anblick eines Tisches mit Tee und Eierschecke für eine kurze Pause. Eine Geste ähnlich der eines kleinen Essens für den Senior der Gruppe, Pei Jianguo vom NAMOC, der in Dresden 59 wurde. Er spricht kein Englisch, steckt aber voller Erfahrungen, die er teilt. Globalisierung bekommt an solchen Tagen plötzlich einen guten Klang.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.10.2014

Torsten Klaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr