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Kunst- und Wissenschaftspreis 2016 geht an Diana Wehmeier

Kunst als Weltdeutung? Kunst- und Wissenschaftspreis 2016 geht an Diana Wehmeier

Was verbindet Kunst und Wissenschaft? Und was auch verbindet uns mit der Welt, fragt das Dresdner Zentrum der Wissenschaft und Kunst e.V. Das zum dritten Mal ausgerichtete Verfahren zum Kunst- und Wissenschaftspreis hat in diesem Jahr zu einer größeren Ausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden geführt.

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Teil der Preisträger-Arbeit „EUROPA – IMM2028“ von Diana Wehmeier.

Quelle: Baldauf & Baldauf

Dresden. Was verbindet Kunst und Wissenschaft? Und was auch verbindet uns mit der Welt, fragt das Dresdner Zentrum der Wissenschaft und Kunst e.V. Das zum dritten Mal ausgerichtete Verfahren zum Kunst- und Wissenschaftspreis hat in diesem Jahr zu einer größeren Ausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden geführt, die bereits seit Mitte September läuft. Das Thema des 300. Todestages von Gottfried Wilhelm Leibniz setzt mit dem Bezugspunkt zu dem alle Wissensbereiche überspannenden Denker einen großen Rahmen. Die Begegnung von Wissenschaft und Kunst sowie Wissenschaftlern und Künstlern trifft einen Nerv, wie der Direktor der Technischen Sammlungen, Roland Schwarz, zur Preisverleihung feststellte. Aber ist das Ergebnis selbst das beste der möglichen? Hier steckt auf jeden Fall, um Leibniz zu implizieren, jede Menge Entwicklungspotenzial.

Das Zusammendenken der Bereiche von Kunst und Wissenschaft ist tägliche Arbeitsaufgabe für die Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange (SPD), die jetzt die Bekanntgabe und Würdigung der Kunstpreisträger vornahm. Der endgültigen Wahl des Jury-Preisträgers – Diana Wehmeier – und des Publikums-Preisträgers – Philipp Gloger gingen eine offene Ausschreibung und eine Nominierungs-Runde für fünf Künstlerpositionen voraus, die mit Hilfe eines Projektgeldes die eingereichten Vorhaben zum Thema „Die beste der möglichen Welten“ entwickeln konnten. Die Ausstellung mit den Arbeiten der Nominierten: Svea Duwe, Diana Wehmeier, Philipp Gloger, Matthias Pabsch, Daniel Lordick/ Hansjörg Schneider und vielen weiteren Objekten aus Wissenschaft und Kunst macht in der Präsentation indes den Unterschied zwischen explizit erarbeiteten Kunstobjekten und weiteren einzelnen Einreichungen nicht recht deutlich und relativiert die Zwangsläufigkeit des künstlerischen Wettbewerbs. Der von der Kuratorin Sabine Zimmermann-Törne aufgemachte Parcours erschließt sich kaum, indem er zusätzlich mit ausgewählten altmeisterlichen Arbeiten Hans Aichingers bebildert wird.

In der weiteren Mischung mit wissenschaftlichen Anschauungsmodellen (deren Visualisierungsformen im Grunde genommen eine individuelle Autorschaft ebenso reklamieren könnten…) steht der Besucher etwas ungeleitet in einer diffusen Zusammenschau nichtstringenter Leibniz-Exegese. Im Grunde passt alles zu allem – das wäre in der Tat ganz bei Leibniz –, ist aber auch beliebig. So stellt sich der Leibniz-Bezug am überzeugendsten im beispielhaften Gesamtmodell der „öffentlichen Verbindung von wissenschaftlicher Belehrung und kurioser Vorführung“ her, der Leibniz 1675 eine Abhandlung widmete. Der Legitimation von Kunst selbst hilft das nicht, wo es der Wissenschaft freilich nicht schadet. Während bei der Frage der Weltdeutung heute eindeutig die unangezweifelte Autorität auf Seiten einer rationalen Wissenschaft liegt, ist die Repräsentationsform die eigentliche Fakultät der Kunst, deren Wert in der Ausstellung leider vernachlässigt wird.

Was die Stärke der Kunst- und Wunderkammern des 16. und 17. Jahrhundert im Nebeneinander von Artificialia, Scientifica und Naturalia für einen staunenden Besucher war, macht die Schwäche der aktuellen Ausstellung in ihrem undifferenzierten Nebeneinander von wissenschaftlichen Präsentationsmodellen, barocken Referenzen, Staubproben und Kunstobjekten aus. Das Kunst- und Wunderkammermodell, das die Dinge, die Phänomene und die Erkenntnis im Zusammenhang mit einem Schöpfergott darstellte, taugt heute für öffentliche Präsentationen nicht mehr. Zum einen gehen wir nicht mehr von einer allmächtigen Schöpfergestalt aus (was sich im heutigen Starrummelbetrieb jedoch in absurder Weise konterkariert), und zum anderen hat der aufgeklärte Betrachter, der sich heute selbst gewählter unterschiedlichster Wissensquellen bedienen kann, Anspruch und Anrecht auf einen profilierten Anschauungswinkel und sachlich konzentrierte Information. Wie die Wissenschaft sich durch Wissenskontexte darzustellen hat, muss auch die Kunst mit ihren Mitteln überzeugen. Bildnerisch gelingt das ganz klar dem dreiteiligen Ölbild „All“ von Sutter/ Schramm. Nicht die assoziative Illustration von Wissensthesen, sondern die genuin wahrnehmungsbezogene Position macht die Kompetenz bildender Kunst aus. Die einstige Feststellung des Kunsthistorikers Martin Kemp, dass es in der Geschichte nur eine Minderheit theoretisch interessierter Künstler gab und auch bei so intellektuellen Malern wie Velazquez und Vermeer Beweise theoretischer Beschäftigung fehlen, kann zeigen, dass die Kunst nicht zur Demonstration von wissenschaftlichen Theorien geeignet ist, sondern sich v.a. im Kontext von Sehen und Repräsentation bewegt.

Theorien in reduzierten Leitmotiven zu verbildlichen, kann beide Leistungen, sowohl die der Künstler als auch die von Leibniz als exzeptionellem Universalgelehrten nur verkürzen. Vielleicht ist die Auswahl der Preisträger-Arbeit „EUROPA – IMM2028“ von Diana Wehmeier zwangsläufig, die bezüglich einer Weltkonstruktion in die Vollen geht mit der konsequenten Repräsentation einer Spekulation. Dagegen ist Philipp Glogers aufwendiges Objekt „Der zureichende Grund“ nicht mehr als der modellhafte Nachbau eines Stadtgetriebes aus technischen Versatzstücken, ohne dass der Künstler die eigene Position oder die Wahrnehmungsebene des Betrachters im Gegenstand selbst einer Reflexion unterzieht. Die Frage der Auswahl und Begründung darauf zu fokussieren, welche künstlerische Arbeit die Philosophie von Leibniz am treffendsten übersetzt, lässt die Kunst mit der aufgekündigten Autonomie zugleich ihre eigene Perspektive nivellieren. Die Würdigung der weiterhin nominierten Projekte wie der räumlich gestickten Ornamente von Svea Duwe und des Faltvorhangs von Daniel Lordick/Hansjörg Schneider, sowie des transluzenten Modells von Matthias Pabsch mit vorrangig wissenschaftlichen Kriterien kann nicht alles zum Thema sein, denke ich.

Einen konzentrierteren Rahmen für die Nebeneinanderstellung von Wissenschaft und Kunst hätte etwa die Denkfigur des Leibnizschen Raum-Zeit-Kontinuums abgeben können, als konsistentes Thema für Beiträge, was Wissenschaft und Kunst in ihrer je eigenen Ansatz- und Wahrnehmungsweise im Bezugsrahmen des Teatrum mundi leisten können, so dass die Kunst davon profitieren könnte im Hinblick auf ihre Funktion in der Gesellschaft, die aktuell ins Ungleichgewicht gekommen ist. Weitere Bemühungen ist es wert!

Bis 1.1.2017 Die beste der möglichen Welten. Was uns und die Welt verbindet. Technische Sammlungen Dresden, Di–Fr 9–17 Uhr

Von Lydia Hempel

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