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Kulturbürgermeister Ralf Lunau im DNN-Sommerinterview: Die Forsythe-Company ist kein Luxusgut

Kulturbürgermeister Ralf Lunau im DNN-Sommerinterview: Die Forsythe-Company ist kein Luxusgut

Die Sommerferien werden von Journalisten gern genutzt, um mit Politikern einmal in Ruhe und tiefgründiger über aktuelle Schlaglichter zu sprechen. Heute ist Kulturbürgermeister Ralf Lunau (parteilos) an der Reihe.

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Kulturbürgermeister Ralf Lunau beim Sommerinterview auf der Großbaustelle des Kulturpalastes.

Quelle: Dietrich Flechtner

Der 49-Jährige empfing die DNN auf der Großbaustelle des Kulturpalastes zum Sommerinterview.

Herr Dr. Lunau, wie war das Jahr seit der letzten Sommerpause aus kulturpolitischer Sicht?

Ralf Lunau: Sehr bewegt, denn wir haben sowohl mit der Sanierung des Kulturpalastes als auch dem Ausbau des Kraftwerks Mitte beginnen können. Dies führt zu positiv einschneidenden Veränderungen und es ist für alle Beteiligten, also die Philharmonie, die Operette, das TJG und die Bibliotheken, enorm wichtig, dass wir jetzt aus der langen Phase der Planungen, der Diskussionen, der politischen Entscheidungsprozesse endlich raus sind. Jeder kann sinnlich wahrnehmen, wie es los geht. Der andere Aspekt betrifft den kulturellen Alltag in den städtischen und städtisch geförderten Kultureinrichtungen. Dort sind wir enorm erfolgreich gewesen. Wir haben in allen Häusern großartige Auslastungen, das Dresdner Publikum identifiziert sich also sehr stark mit ihnen. Auch die städtischen Museen und die Bibliotheken verzeichnen wieder Zuwächse, letztere sogar im Bereich der oft tot geredeten klassischen Buchausleihe.

Die Einführung einer Kurtaxe hat zuletzt viele Gemüter in Dresden erregt. Was wird denn konkret mit diesem Geld gemacht?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass die Kurtaxe keine Kulturtaxe ist und Steuern nicht zweckgebunden verwendet werden dürfen. Die Kurtaxe floss also ganz regulär mit in den städtischen Haushalt hinein. Dieser beinhaltete für 2013 und 2014 die zwei kulturellen Großprojekte. Dazu, dass wir ihn so verabschieden konnten inklusive der ambitionierten Vorhaben im Bereich der Kitas und Schulen, hat die Kurtaxe beigetragen. Insofern kommt sie indirekt über die Gesamtverantwortung des Haushalts der Dresdner Kultur zugute, denn wir haben uns die Investitionen im Kulturpalast und im Kraftwerk Mitte nicht erkaufen müssen, indem wir an anderen Stellen streichen.

Wegen der neuen Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat steht der geplante Globus-Markt auf dem Gelände des Alten Leipziger Bahnhofs auf der Kippe. Birgt dies eine neue Chance für das Verkehrsmuseum?

Auch bei Kulturimmobilien gilt der Grundsatz eines jeden Maklers: Lage, Lage, Lage. Ich glaube nicht, dass das Gelände vom Alten Leipziger Bahnhof diesen Anspruch für das Verkehrsmuseum erfüllt. Um aber ganz ehrlich zu sein, momentan entwickle ich überhaupt keine Pläne, was alternative Standorte zum Johanneum betrifft. Denn ich hätte überhaupt kein Geld, um ein Museum dieser Größenordnung baulich neu herzurichten. Mit Blick auf die finanziellen Möglichkeiten steht das Thema auf meiner Prioritätenliste weit unten.

Dennoch drängt das Land mittelfristig auf einen Umzug des Verkehrsmuseums...

Um es ganz deutlich zu sagen, wir als Stadt Dresden werden uns in dieser Frage mit dem Freistaat Sachsen definitiv gütlich einigen. Das Land ist der Eigentümer des Johanneums, wir haben bei der Übernahme des Verkehrsmuseums in städtische Trägerschaft eine Verpflichtung zur Präsentation der Ausstellungsstücke übernommen. In diesem Punkt hat uns der Freistaat sein Vertrauen geschenkt und wird uns deshalb auch mit Blick in die Zukunft nicht im Regen stehen lassen.

Der Kulturpalast bekommt für viel Geld einen exzellenten Konzertsaal, doch die Staatskapelle ziert sich bislang, hier zu spielen. Ärgert Sie das?

Es gibt in der Kultur immer Entwicklungen, die man nicht forcieren kann. Ich baue deshalb ganz auf die Überzeugungskraft des Saales und bestimmt werden sich dann auch viele Dinge von selbst ergeben. Diesem Thema muss man mit einer gewissen Gelassenheit begegnen. Der Saal ist als Angebot zu verstehen und ich hoffe, dass er ein überzeugendes Angebot sein wird.

Die "ganz großen" Künstler machen bei ihren Tourneen oft einen Bogen um Dresden. Sind wir zu provinziell?

Ganz sicher nicht, aber es ist leider nach wie vor so, dass Dresden mit Bahn und Flugzeug vergleichsweise schlecht angebunden ist. Das ist ein Ärgernis, keine Frage. Dennoch gewinnt Dresden meiner Meinung nach immer mehr an Strahlkraft, wie kürzlich das Konzert von Elton John auf dem Theaterplatz bewies. Zudem habe ich den Eindruck, dass sich die Messe als Standort für solche Veranstaltungen gut entwickelt und noch sehr viel mehr Potenzial bietet, als wir momentan nutzen. Außerhalb von Dresden erreichen mich übrigens immer mehr Rückmeldungen, wonach die Stadt als ein Ort der modernen Künste, des Zeitgenössischen und auch der populären Kultur immer deutlicher wahrgenommen wird. Das Image Dresdens fächert sich also auch jenseits von Sixtinischer Madonna und Staatskapelle immer breiter auf.

Gibt es dennoch kulturelle Einrichtungen, die von der Schließung bedroht sind?

Ganz klare Antwort: Nein! Alle unsere städtischen Kultureinrichtungen arbeiten erfolgreich, selbst das oft kritisch betrachtete Hellerau entwickelt sich positiv. Wenn ich dorthin gehe, treffe ich ein sehr junges Publikum. Die Veranstaltungen sind gut besucht und es gibt ein spannend-breites Spektrum vom zeitgenössischen Tanz bis hin zur medialen Kunst.

Der Vertrag mit der Forsythe-Company wurde entgegen großer Widerstände verlängert, doch William Forsythe selbst zieht sich gleichzeitig als künstlerischer Leiter zurück. Hat er die Stadt an der Nase herumgeführt?

Ich weiß, dass Herr Forsythe tatsächlich krank war, allen anderen Gerüchten zum Trotz. Es gab eine persönliche Begegnung zwischen ihm und mir und da zeichnete sich der Wechsel an der Spitze der Forsythe-Company bereits ab. Ein solcher Übergang wie er jetzt vollzogen wird, von William Forsythe zu Jacopo Godani, ist wie jede künstlerische Entscheidung mit einem Risiko verbunden, aber dieses Risiko birgt zugleich eine großartige Chance in Form stilistischer Weiterentwicklungen. Insofern freue ich mich, dass wir mit Herrn Godani jemanden gefunden haben, der aus dem Hause Forsythe kommt, sich aber auf der anderen Seite durch eine Reihe von Choreografien und Engagements als eigenständige Künstlerpersönlichkeit international einen Namen gemacht hat.

Böse Zungen behaupten, Dresden leistet sich mit der Forsythe-Company ein Luxusgut. Schließlich wird jede Aufführung mit 60 000 Euro bezuschusst...

Ich würde nicht von einem Luxusgut sprechen sondern glaube, dass Dresdens Prosperität der letzten 25 Jahre ganz viel zu tun hat mit einer kulturellen Grundierung. Dabei ist es gerade der Ansatz der Forsythe-Company, unsere großartigen Traditionen aus der Vergangenheit in der Zukunft fortzuschreiben. Es macht keinen Sinn, nur das historische zu pflegen, wir müssen uns auch einmal in ungewisse Räume begeben. Den Mut dafür muss man als Stadt aufbringen, wohlwissend dass solche Experimente theoretisch auch scheitern können. Speziell mit Blick auf die Forsythe-Company sollten wir diese Entwicklung in jedem Fall fortsetzen. Allerdings ohne übermütig zu werden, denn Dresdens wirtschaftliche Leistungskraft darf natürlich nicht überstrapaziert werden.

Welchen Stellenwert räumen Sie der Freien Kulturszene ein?

Sie hat ebenso wie die institutionell etablierte Kultur ganz entschieden zur Prosperität unserer Stadt beigetragen. Wenn wir über die Freie Kulturszene sprechen, meinen wir ja ganz oft die experimentellen, etwas quecksilbrigen Akteure, die sehr viel Lebendigkeit einbringen. Die Stadt versucht entsprechende Projekte zu fördern, allerdings ist das für die öffentliche Hand gar nicht so einfach. Denn wenn man es domestizieren würde, läuft man Gefahr, die Freie Kultur kaputt zu machen. Das heißt, wir können nur behutsam fördern und bestehende Aktivitäten zum Beispiel durch Vermittlung von Atelierräumen unterstützen. Aber wir können solche Projekte nicht neu erfinden. Das Beispiel "Zentralwerk" hat allerdings auch gezeigt, dass eine Verwaltung erhebliche Fördermittel aktivieren kann, wenn ein Vorhaben der Freien Kultur eine inhaltliche Überzeugungskraft sowie eine wirtschaftliche Tragfähigkeit verspricht.

Christoph Stephan

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