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Kulthaft: The Residents im Beatpol Dresden

Konzert Kulthaft: The Residents im Beatpol Dresden

Sie sind über 40, sie bewegen sich im Off, sie kommen aus San Francisco – und sie sind so ziemlich unverwechselbar: The Residents. Zwischen Mummenschanz und Dr. Seltsam hinterlassen die maskierten Musiker dabei vor allem eins: viel Eindruck.

The Residents im Dresdner Beatpol.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Gerade The Residents aus San Francisco zur Faschingszeit in Deutschland auf Tour zu schicken, mutet etwas bizarr an. Und nun, da Karnevalsumzüge zuhauf dem Sturm geopfert werden, ist das Ganze noch bizarrer. Doch die Residents waren wie immer relativ unberührt von den Äußerlichkeiten ihres Auftrittsortes, als sie am Sonntag im Beatpol eine ihrer weiteren „Nummern kleiner“ in der langen Reihe von Konzeptkonzerten spielten. Diesmal keine Oper, kein Museum, kein Barbican Centre London, sondern ein Club, der nach Rock-Alltag riecht. Im Trio - verkleidet, selbstredend! - als Randy, Chuck (diesmal vertreten durch Rico) und Bob. „Alaaf!“, brüllte keiner. Nicht hier im Rayon!

Wer sich über 40 Jahre im Off bewegt, sich ausschließlich als Einheit aus akustischen und optischen Elementen begreift, seine Identität nicht preisgeben will, um Kunstfiguren am Leben zu erhalten und das Interesse allein auf diese Kreationen zu lenken, nicht auf Biographien lebender Menschen, wer dabei Pioniertaten vollbrachte und sich in dicken Lettern in die Geschichtsbücher der populären Musik geschrieben hat, wird eine Menge tun müssen, um im Spätstadium der Existenz nicht allein vom Anachronismus zu leben. Es scheint, als würden sich die Residents nicht einmal darum scheren.

Sie fahren noch immer durch Länder, um bevorzugt Menschen abzugreifen, denen eine Live-Begegnung bislang verwehrt geblieben ist. Aus welchen Gründen wohl? Im Beatpol jedenfalls war die Anzahl jener Besucher hoch, die die Residents vor drei Jahren im Festspielhaus Hellerau verpasst haben. Und die sich wunderten, dass das Trio nunmehr ausgerechnet in Briesnitz Station macht.

Dichter an der Musik seien sie jetzt dran, mutmaßte man im Vorfeld. Dies allein dem Umstand zuzuschreiben, dass die Bühne im Beatpol naturgemäß kleiner ist und zumeist dem puren Rock’n’Roll nützen soll, greift zu kurz. The Residents als Trio sind 2016 Solo-Gesang, E-Gitarre sowie eine Ritterburg aus Keyboards, Laptops mit Samples, Bass- und E-Drum-Sounds. Innerhalb ihrer „Shadowland“-Tour sind sie beim letzten Teil einer Trilogie angelangt.

Das Material kommt querbeet, vor allem ist es den Alben „The Bunny Boy“, „Freak Show“, „Demons Dance Alone“ „The Commercial Album“ oder „Duck Stab / Buster & Glen“ entnommen, lose einem Motto untergeordnet, also mit Nahtod, Echttod, Reinkarnation befasst – den logischen Schritten nach Geistern, Geburt, Liebe und Sex der ersten beiden Teile. Knapp zwei Dutzend Songs sind wie Perlen aufreiht. Manche davon wirken wie behauen und beschnitten, mehr als Fragment existent denn durchkonzipiert. Preiswürdig ist jener Besucher, der just an diesem Abend dem ausgerufenen Motto auch folgen kann. Der hinter den offen theatralischen Stimm-Modulationen, Verzerrungen, Schreien und dem knödeligen Sprech-Sang die Worte in ihrem Sinn und Widersinn erfasst. Es dürften wieder eher Brocken gewesen sein, die sich zu einem Ganzen formen. Oder eben nicht. Hilfe zur Selbsthilfe waren dabei vier Kurzfilme, projiziert auf Eyeball 2.0 – runter vom Kopf, rauf als Standschirm. Die Dreiminüter hießen „The Butcher“, „The Libertine“, „The Diver“ und „The Engineer“. Es waren Statements, witzig, knackig, verspielt.

Die Residents bauen in ihre lichtdurchflutete Retrospektive auch Stücke wie „Blue Rosebuds”, „Weight Lifting Lulu”, „Constantinople” oder „Easter Woman”, die für den Fan, aus der langen Diskographie gepickt, Markierungen setzen. „Caring“ bleibt dabei der heimliche Hit, „Rabbit Habit“ die exemplarische Pforte ins Residents-Schattenland. Wo Beats peitschen und Saiten keifen, wo Metall auf Dose kracht, wo der Eintänzer Zeremonienmeister ist und um Einlass bittet.

Optisch ist die Bühne ein nach drei Seiten verhangenes Schachbrett. Die Kostüme nehmen diese Idee auf und bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Planet der Affen, Alchemie-Labor und Brille Fielmann. Der Vorderlader der Residents lässt noch Ahnungen an Clown Ferdinand und dem Joker des Batmans erkennen – ganzkörperkondomiert, mit einem Schach-Schlüppi und Kunstblutstreifen im Schritt.

The Residents im fünften Jahrzehnt ihrer Existenz: Mummenschanz und Dr. Seltsam, Pop-Bibel und Reiz-Arm – der Deutungen gäbe es viele. Selbst jene Reaktion ist möglich, dass man im Verlaufe des Konzerts aufpassen muss, nicht seiner eigenen Plattensammlung zuzujubeln. Ein dritter Auftritt der Residents in dieser Stadt dürfte schwierig werden, denn nach vorn wird es nicht mehr weit gehen mit ihnen.

Von Andreas Körner

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