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Künstlerische Dreiecksbeziehung im Stadtarchic

Künstlerische Dreiecksbeziehung im Stadtarchic

Eine originelle künstlerische Dreiecksbeziehung haben sie uns vorgeführt: der Dresdner Dichter Michael Wüstefeld, die Bautzener Dichterin Roza Domascyna und die Malerin Angela Hampel aus Dresden - in deren Ausstellung im Stadtarchiv.

Auch diese Schau, bis 5. September zu sehen, verknüpft Literatur mit bildender Kunst unter dem Titel "KunstBuch - BuchKunst". Diese Künstlerbücher, Kalender, Grafikmappen und Illustrationen von 1984 bis heute sind großartige Zeugnisse dafür, wie produktiv die Wechselbeziehung zwischen Text und Bild sich entwickeln kann.

Die Figuren schickten ihre unnachahmlichen Seitenblicke von den Wänden zum Tisch, auf dem die beiden Autoren ihre mit Lesezeichen bestückten Bände gestapelt hatten. Angela Hampels Kunstbücher stellen ja Worte und Figuren nicht nebeneinander, sondern fügen sie ineinander zu etwas Neuem.

Indem auch die beiden Dichter nicht einfach ihre Texte nebeneinander herunterlasen, folgten sie ebendiesem Prinzip - und das machte den Abend zum besonderen Erlebnis. "Wechselhäcksel" haben sie diese neue Art der Präsentation genannt. Einer liest ein Gedicht der Anderen, dann liest die es erneut. Verse, erst aus fremdem, dann noch mal aus eigenem Munde - das ist keine einfache Wiederholung, da hört man ein Gedicht, das schon wieder etwas anders ist. Vielleicht sind das diese seltenen Momente, wo man begreift, was die Eigenart von Literatur ausmacht: Dass jeder etwas von sich mit hineingibt. Dass Texte im Grunde immer Partituren sind.

Zu erleben war das in einer durchdachten Text-Choreografie. Zu Beginn die Einstimmung aufs dialogische Prinzip: ein poetisches Zwiegespräch über Sprachen, Muttersprachen, Großmuttersprachen von Roza Domascyna. Bestaunenswerte Vielfalt, Betrachtung aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln. Wüstefeld in der Rolle des skeptischen Fragers, während sie sanft ihren Finger über "Sprachinseln" kreisen ließ. Ganz deutlich wird einem das Dialogische in Domascynas schönem Gedicht über die Sprache, in dem die Laute aus dem eigenen Mund und die aus dem des Anderen so lange hin und her gehen, bis man Eigenes und Fremdes nicht mehr zu unterscheiden vermag.

Für gewöhnlich widmet man sich entweder dem einen oder dem anderen: der Politik oder der Schönheit der Natur. Hier jedoch, in einem Gedicht von Wüstefeld, findet das strikt Getrennte zueinander. Da schaut erst sie, dann er überwältigt irgendwo auf dem Land in Italien zum Sternenhimmel auf. Von Angst ist die Rede und Sternschnuppen, die plötzlich an Raketen gemahnen. Denn es ist 1991, die Zeit des Golfkriegs. Roza Domascyna hat damals ebenfalls ein Gedicht geschrieben, eines, das zweifelnd nach den kleinen, für die Weltpolitik sicher bedeutungslosen, aber vielleicht doch nützlichen anderen Tätigkeiten sucht. Das Gartenarbeit oder die Rettung von Kröten dem sinnlosen Töten und Sterben im Krieg entgegenzusetzen trachtet. Und diese Verbindung von Mensch und Tier, die man in Angela Hampels Bildern häufig findet, die begegnet einem auch in Roza Domascynas Gedichten: "meine kehle spitzt / den schnabel" ("Vokalintermezzo").

Liest Michael Wüstefeld die Verse, bekommen die Worte Kraft, wird der Rhythmus markant. Roza Domascynas Mund wiederum bringt sie zum Fließen und Klingen, setzt kecke Tupfer. Und bisweilen hört man: Ach, da steckt ja auch spöttische Ironie drin. Ob gemalt, geschrieben, gesprochen - die Künste wollen ins Gespräch gebracht sein. Hier ist das gelungen - in einem ausgesprochen stimmigen Trialog.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.07.2014

Tomas Gärtner

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