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Künstlerduo beweist in Dresdner Galerie Mut zur Leere

Künstlerduo beweist in Dresdner Galerie Mut zur Leere

Gähnende Leere herrscht derzeit im Ausstellungsraum des Kunsthauses Raskolnikow. Frisch elfenbeinfarben geweißt, ist nur ein dreißig Zentimeter hohes hölzernes Podest eingezogen worden.

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In den Ausstellungsraum des Kunsthauses Raskolnikow ist ein dreißig Zentimeter hohes hölzernes Podest eingezogen worden, das zu neuen Sichtweisen zwingt.

Quelle: Heinz Weißflog

Das Künstlerduo Schuh/Volkmer (Birgit Schuh, Michael Volkmer) provoziert bewusst das Unverständnis des Publikums und geht auf Konfrontation. Der Titel der Ausstellung "Dich trifft keine Schuld" bleibt zunächst rätselhaft. Man muss sich also kundig machen, im Netz, in Katalogen und schließlich in der zeitgenössischen Kunst. Für Schuh/Volkmer ist es seit 2013 das zehnte gemeinsame Projekt, das sich mit den Möglichkeiten des Raumes und dessen spezifischer Wahrnehmung befasst. Dabei gehen sie auf dessen Besonderheiten ein. Oft integrieren sie ihre Installation in den möblierten Raum, in individuelle oder industriell gefertigte Raumausstattungen, sowie in historische Ambiente.

Raumverschiebung

Diesmal aber ist der Raum vollkommen leer. Das Phänomen des "White Cube" ist in der zeitgenössischen Kunst an sich nicht neu. Aber Schuh/Volkmer setzen ihn bewusst in Beziehung zum Titel-Statement. Versuchen wir eine Interpretation, auch wenn sie gewagt erscheint: Der entleerte Raum steht hier für die Leere einer Gesellschaft, der jede Inhalte und Werte abhanden zu kommen scheinen. Funktionalität, Geld- und Kapitalkreislauf ausgenommen. Begeht man den weiß getünchten Raum und tritt auf das Podest, fühlt man sich eher erhoben und geschmeichelt. So ergeht es dem modernen Menschen der westlichen Zivilisation, der allein durch den Komfort der Warenwelt in einen Rauschzustand gerät, der ihm vor gaukelt, etwas Besonderes zu sein. Als Konsument schon. Als Individuum ist er zunehmend ein Jedermann. Da beginnt die Leere. Wer leer ist (also "ohne Eigenschaften" ähnlich in Robert Musils Roman), fühlt auch keine Schuld. Sein Schuldbewusstsein ist gleich Null. Das Gewissen ist ausgeschaltet.

Der minimalistische Eingriff in den L.-förmigen Raum der Galerie durch ein durchgängiges Podest, einmal erhöht und einmal verkleinert, bewirkt eine Achsendrehung und damit einen veränderten Raumeindruck: Der Raum hat sich leicht verschoben. Gleichzeitig geschieht beim Begehen des Podestes auch formal etwas Besonderes mit dem Gehenden: Schritt für Schritt ändert sich seine Position im Raum. Er muss seinen Orientierungssinn schärfen. Beim Festhalten der Positionen mit der Kamera entsteht ein immer neuer Raumeindruck, eine fortwährende Raumverschiebung, deren erfrischend helle Leere und Konstruktivität plötzlich schärfer hervortreten. Licht und Schatten spielen mit dem Raum und seinen vorgegebenen Begrenzungen. Flächen und Linien, ihre dunklen Bruchkanten und Grenzen treten deutlicher hervor. Das ist schon reizvoll und hat auch einen ästhetischen Wert. Aussagen aber gibt es keine, auch keine Botschaften. Leere ist Antwort auf Leere. Die formale Suche nach räumlicher Orientierung in der Leere ist aber auch ein Gleichnis auf den sich in der gegenwärtigen Welt immer wieder neu zur Orientierung gezwungenen Menschen im Hamsterrad des wirtschaftlichen Entwicklungstempos.

Zweidimensionale Konstrukte

Außerhalb des weißen Kubus der Galerie haben Schuh/Volkmer ihre grafischen Arbeiten präsentiert, aber ohne Angaben, welche von wem stammt, weil beide sich als ein Team begreifen, das das Einzelne hinter dem Gemeinsamen zurücktreten lässt. Die Algrafien, Materialarbeiten und Collagen thematisieren das Konstruktivistische von Linien, Flächen und deren Überschneidungen im Raum ihrer eigenen Vorstellungen, die man für die Ausstellung als wichtige, zweidimensionale Antworten auf das Streben nach dem idealen Raum verstehen kann.

Bis 18. Oktober, Kunsthaus Raskolnikow, Böhmische Str. 34. Tel. 0351/8045708. Mi-Fr 14-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr. www.galerie-raskolnikow.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.10.2014

Heinz Weißflog

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