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Kriegsteppiche - Der Künstler Till Ansgar Baumhauer reflektiert über seine Erlebnisse in Afghanistan

Kriegsteppiche - Der Künstler Till Ansgar Baumhauer reflektiert über seine Erlebnisse in Afghanistan

Mit der Vorstellung von Afghanistan verbindet man heute meist Gewalt und Bürgerkrieg. Was man nicht erwartet, ist die Wiedereröffnung eines Museums.

Genau daran, die Rede ist vom Nationalmuseum Herat, arbeitete Till Ansgar Baumhauer (geb. 1972 in Kirchheim/Teck), Absolvent der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK), im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts beziehungsweise des Islamischen Museums der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit. Zunächst überraschend war für ihn das "hohe kulturelle Selbstverständnis" im westafghanischen Herat, das sich auf dem Boden der einstigen Hauptstadt des Timuridenreiches ausbreitet und in dem viele eine "Stadt der Künstler" sehen. Freilich hinterließen Krieg und Gewalt in den vergangenen Jahrzehnten auch hier ihre Spuren, nicht zuletzt an der aus dem 15. Jahrhundert stammenden, riesigen Zitadelle, die Nationalmuseum und Nationalarchiv beherbergt. Den Wiederaufbau hatte 2005 ein amerikanisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt in Angriff genommen, initiiert von der Aga-Khan-Stiftung. Mittlerweile ist das Areal Ziel für Schulklassen, die sich - was Baumhauer besonders auffiel - in diesem Umfeld ungewöhnlich frei und ungezwungen für afghanische Verhältnisse bewegten.

Der unmittelbare "Job" des Künstlers war, als archäologischer Zeichner mit Lineal, Bleistift und Tusche Objekte aus Grabungen - oft Bruchstücke - zu dokumentieren, ein Verfahren, das auch heute noch mehr Genauigkeit verspricht als die Fotografie. In insgesamt sieben Monaten hat Baumhauer ab 2009 in zehn Kisten lagernde Exponate bearbeitet. Bei den vorerst letzten Aufenthalten 2011 stand dann die Museumsarbeit, einschließlich der Ausbildung von Restauratoren, im Zentrum, gehört zum Museum doch eine moderne Restaurierungswerkstatt, die für Kollegen in ganz Afghanistan von Interesse ist. Das vor 80 Jahren gegründete Haus verfügte ursprünglich über eine Sammlung von etwa 2000 Objekten aus Keramik, Metall oder Glas, aber auch Miniaturen und Schriften, wovon heute noch 1000 vorhanden sind. Verschwunden sind - oft in jüngerer Zeit - unter anderem Zeugnisse des Buddhismus. Der heutige Bestand umfasst Stücke, die zwischen 3000 v. Chr. - beispielsweise Steingefäße, polierte Steinsäulen, Schminkutensilien - und dem 19. Jahrhundert entstanden. Eine Besonderheit sind Objekte aus dem 11./12. Jahrhundert, die wie aus der Zeit von 2000 v. Chr. wirken.

Woher diese "pseudo praehistoric wear" kommt, wisse man nicht, berichtet Till Ansgar Baumhauer. Wie dieses der Erforschung harrt, ist auch die "Besatzung" des Museums noch nicht ganz vollkommen. In einem Land, wo Familien- und Stammesbeziehungen das Leben weitgehend bestimmen, erobert sich der Faktor Kompetenz oft nur langsam seinen Platz. Gleichwohl - der Künstler Baumhauer weiß um die Bedeutung der geleisteten Arbeit. Denn die Dokumentation und sichere Unterbringung der Museumsschätze, aber auch der Ausgrabungen, sind der beste Weg, um dem Raubbau an den afghanischen Kulturgütern Grenzen zu setzen. Wie auch im Irak und anderswo sind etwa illegale Grabungen an der Tagesordnung. Deren Ausbeute landet - wenig verschleiert - auf dem internationalen Kunstmarkt.

Es verwundert nicht, dass die Aufenthalte in Herat in Baumhauer auf die unterschiedlichste Weise nachwirken, er ein "Stück Herz dort gelassen" hat. Besonders beeindruckt haben ihn Menschen, die zu Freunden wurden. Nicht zuletzt deshalb begann er, Dari, die zweite große Landessprache, zu lernen. Wenn er mit seinen Kenntnissen auch nicht als Afghane "durchgeht", sie helfen, "Kommunikationsbarrieren" zu vermeiden. Die Freunde wiederum haben hin und wieder einiges riskiert, indem sie den ein wenig südländisch aussehenden Baumhauer mit Landeskleidung ausstatteten, um ihm Orte zu zeigen, wohin Fremde, Nichtmuslime zumal, sonst kaum kommen.

Natürlich hat Till Ansgar Baumhauer, der unter anderem bei Ulrike Grossarth studiert hat, auch zahlreiche Impulse für sein freies künstlerisches Schaffen mitgenommen. Durch seine afghanischen Freunde - mit einigen hält er Kontakt, unterstützt sie auch bei der Umsetzung von Geschäftsideen - stieß er auf die in ihrer Symbolik einzigartigen, seit Mitte der 1980er Jahre bekannten "Kriegsteppiche", deren Ornamentik vereinfachte Formen von Kriegsgerät einschließt und deren Ursprung mit der sowjetischen Invasion von 1979 in Zusammenhang gebracht wird. Baumhauer hat dazu die Idee entwickelt, die Muster mit Symbolik der heutigen westlichen "Schutzmächte" - etwa dem Bundesadler oder dem amerikanischen "Hire Heroes US" - zu überlagern, indem er Knoten aus dem Teppich löst, ihn überstickt oder partiell ausbrennt. Auch der Angriff auf die Tanklaster in Kunduz wurde zum Thema eines Teppichs sowie einer Installation, wozu timuridischen Formen nachgestaltete Keramikobjekte gehörten, auf denen Gesichter der Hinterbliebenen abgebildet sind.

Zudem suchte Baumhauer Verbindungen zur europäischen Geschichte, schlug über auf Teppiche aufgedruckte Motive von Jacques Callot (1592-1635) den Bogen zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) und ließ Gedichte von Logau und Gryphius, die ebenfalls darauf bezogen sind, übersetzen. Als Kalligrafien wurden sie zu den "Poems from Herat".

Einige solcher Arbeiten kann man ab diesem Wochenende in Dresden in der Ausstellung "Halbwert (überkritisch)" sehen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln widmet sie sich der Bedrohtheit heutiger Gesellschaften. Geht es bei Baumhauer um Bedrohung und kulturellen Zerfall durch Krieg und Bürgerkrieg (dieser Frage widmet er sich auch unter dem Thema "Gewalt und Kunstproduktion" in einer Promotion an der Bauhausuniversität Weimar), nimmt Ausstellungspartnerin Stefanie Kraut, die an der HfBK u.a. Meisterschülerin von Martin Honert war, unter dem Eindruck der Atomkatastrophe von Fukushima Bedrohung und möglichen gesellschaftlichen Zerfall infolge des Einsatzes der Risikotechnik Kernenergie in den Fokus.

11.-25. März, Stauffenbergallee 11 (Erdgeschoss), Eröffnung: heute 17 Uhr, geöffnet Fr 17-20, Sa/So 15-19 Uhr

www.till-ansgar-baumhauer.de

www.stauffenbergallee11.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.03.2012

Lisa Werner-Art

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