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Krieg und Wahnsinn - Das Militärhistorische Museum Dresden zeigt Exponate der Sammlung Prinzhorn

Krieg und Wahnsinn - Das Militärhistorische Museum Dresden zeigt Exponate der Sammlung Prinzhorn

Nicht allein der bekannte kirchenkritische Theologe Eugen Drewermann stellte den Krieg als einen Ausdruck menschlichen Wahns dar. Und so stutzt der unbefangene Besucher des Militärhistorischen Museums Dresden im ersten Moment, wenn er den Ausstellungstitel "Krieg und Wahnsinn" liest.

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Adolf Nesper. Es braust ein Ruf wie Donnerhall, 1905/14.

Quelle: Repro/ Museum

Zumal sich auch die Dauerausstellung mit den Schrecken des Krieges, mit dem "ganz normalen Wahnsinn" befasst. Das Thema der neuen Sonderausstellung ist indessen wörtlich zu nehmen. Psychisch Kranke, mithin Wahnsinnige, übermitteln in Grafiken, Skulpturen, Comic-Vorläufern und Textfragmenten ihre Haltungen zu Krieg, Militär und den uniformierten Helden des Vaterlandes. Und das in einer Zeit, an die wir uns in diesen Monaten 100 Jahre nach Ausbruch des ersten Weltkrieges besonders erinnern. Insassen von psychiatrischen Anstalten etwa aus den Jahren 1880-1925 haben uns ihre bildkünstlerischen Entäußerungen hinterlassen.

Gesammelt hat sie in der kurzen Zeitspanne von 1919-1921 der Heidelberger Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn. Sanatorien, Kliniken und Anstalten in ganz Deutschland folgten seinem Aufruf und schickten ihm, was Patienten hinterlassen hatten und was noch nicht achtlos weggeworfen worden war. Prinzhorns Ziel war ein "Museum für pathologische Kunst". Aber erst 2001 erhielt die Sammlung in Heidelberg ein eigenes Gebäude. Unter den etwa 6 000 Objekten finden sich rund 500 zum Thema Krieg. "Die Mehrzahl von ihnen trägt kriegsverherrlichenden Charakter" bestätigt Museumsleiter Thomas Röske. 120 Werke verschiedenster Intention haben er und Kuratorin Katja Protte vom Militärhistorischen Museum für Dresden ausgewählt. Soweit die Schicksale der 60 Laienkünstler bekannt sind, wurden sieben von ihnen später Opfer der Euthanasie-Morde der Nazis.

Projektionen, innere Fluchtreaktionen aus der Isolation

Ihre teils naiven, skurrilen, aber leidenschaftlichen Werke entstanden in der damals noch vorherrschenden hermetischen Abgeschlossenheit solcher Anstalten. Man muss diese spontan und unaufgefordert entstandenen Werke folglich auch als Projektionen, als innere Fluchtreaktionen aus der Isolation verstehen. Zugleich weisen sie damit auf die Zustände in den damaligen Anstalten hin. Gerade in dieser äußerst subjektiven, überhöhten Sichtweise liege die besondere Faszination der Zeichnungen und Plastiken, sagt Thomas Röske. Die damaligen Geisteskranken hielten der militarisierten Gesellschaft gewissermaßen einen Zerrspiegel vor. In den Wünschen der Anstaltsinsassen nach Selbstbefreiung, aber auch nach Selbstvergötterung drücke sich das Empfinden vieler "normaler" Zeitgenossen aus. "Betrunkene und Narren sagen die Wahrheit", nennt es der Volksmund.

Die erste Rubrik "Militarisierte Gesellschaft" zeigt, wie stark die Ideale militärischer Zucht und die Idole insbesondere preußischen Soldatentums in der Bevölkerung verankert waren. Soldatenbilder, militärische Anlagen, selbst entworfene Orden und insbesondere Porträts von Bismarck, Kaiser Wilhelm II. oder auch des letzten sächsischen Königs August III. illustrieren dies. In ihrer Idealisierungsabsicht geraten die Porträts oft ungewollt zu monströsen Karikaturen. Wie eine afrikanische Totem-Figur mutet die Hindenburg-Schnitzerei eines Johann Karl Genzel an. Von ihm gibt es aber auch einen beeindruckenden Januskopf mit dem anprangernden Titel "Militarismus" zu sehen.

Auch Frauen verfielen der Kriegsverherrlichung, wünschten sich sogar eine Geschlechtsumwandlung, um dienen zu können. "Militärische Träume" ist eine zweite Ausstellungskategorie überschrieben. Hier finden sich solche Selbstentwürfe, die sowohl Ausdruck des Wahns der Künstler wie auch des Wunsches nach Ausbruch aus diesem Gefängnis sind. Zeichnungen sind mit auffallend vielen Textkommentaren versehen. Mit ihren Träumen projizierten sich die psychisch Kranken unter anderem auch in ein erotisch ungezügeltes, vermeintlich freies Soldatenleben hinein. Dann geraten Pistole und Kanone zu Metaphern des Phallischen. Vor der erschütternden Darstellung einer militärisch exerzierten Massenvergewaltigung unter der Rubrik "Krieg" allerdings verharrt der Besucher lange. Dieser Ausstellungsteil zeigt sowohl skurrilste naive Militärtechnikentwürfe wie etwa Nilpferde als U-Boote wie auch die Schrecken des Krieges. Darstellungen von Hunger und Leid münden in die Kategorie "Frieden". Apokalyptischen Szenen wird die Sehnsucht nach Harmonie und Verständigung gegenüber gestellt, oft in allegorischen Figuren verschlüsselt. Sie erscheint vielleicht am berührendsten in der schon 1915 entstandenen Utopie, gewaltige transozeanische Brücken der Völkerverständigung zu bauen.

Ergänzt wird die Ausstellung durch ausliegende Leseblätter mit originalem Schriftverkehr der Anstalten und durch einen sehr übersichtlichen Katalog. Er erläutert auch Hintergründe der Entstehung dieser naiv-direkten Werke. Mit dieser Ausstellung beginnt das Militärhistorische Museum Dresden sein Erinnerungsjahr an den Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914.

bis 7. September, Militärhistorisches Museum Dresden. Do-Di 10-18 Uhr, Mo 10-1 Uhr, Mi geschlossen

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.06.2014

Michael Bartsch

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