Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 10 ° Regen

Navigation:
Google+
"Krieg hat immer kriminelle Energie" - Günter Baby Sommers "Songs for Kommeno"

"Krieg hat immer kriminelle Energie" - Günter Baby Sommers "Songs for Kommeno"

Griechenland, einst Wiege Europas, steht heute nur noch für Euro-Krise. Kein anderes Thema? Doch, der Dresdner Jazzmusiker Günter Baby Sommer hat eins entdeckt, das ihn nicht mehr loslässt.

Voriger Artikel
Drei Tage „Die Ärzte“ in Dresden: Drei Mal volles Haus am Königsufer an der Elbe
Nächster Artikel
Eine Kupferhaube für die Hofkirche Dresden

Günter Baby Sommer kurz vor seiner Abreise nach Griechenland.

Quelle: Michael Ernst

Es hat mit Deutschlands dunkelster Vergangenheit zu tun. Genau neun Tage vor seinem Geburtstag gab es im griechischen Dorf Kommeno am 16. August 1943 ein Massaker der deutschen Wehrmacht, dem 317 Menschen zum Opfer fielen. Orte wie Babi Jar, Guernica, Lidice, Kefalonia, Malmedy, Monte Cassino, Oradour und Treblinka sind für Wehrmachtsverbrechen bekannt. Kommeno kennt kaum jemand. Der Schlagzeuger Sommer will das ändern und wird genau 69 Jahre nach diesem mörderischen Massaker seine "Songs for Kommeno" uraufführen. Michael Ernst sprach vorab mit ihm.

Frage: Kaum jemand kennt Kommeno. Wie haben Sie von diesem Ort und seiner Geschichte erfahren?

Günter Baby Sommer: Das geht auf ein Perkussionsfestival 2008 zurück, zu dem ich eingeladen war. Der Bürgermeister von Kommeno wollte sein Dorf aus der Vergessenheit reißen und an das Massaker erinnern, das Angehörige der deutschen Wehrmacht dort verübt hatten.

Man muss dazu wissen, Kommeno liegt abseits der großen Touristenrouten und ist mit seiner Geschichte wie unter einer Glocke geblieben. Als ich ankam, hat mich dieser Bürgermeister gefragt, ob ich denn die Historie seines Dorfes kenne. Da ich verneinte, hat er mich aufgeklärt: 317 Menschen, vom Kleinstkind bis zum Greis, einschließlich einer Hochzeitsgesellschaft, sind damals massakriert worden.

Zuerst wollte ich sofort abreisen und das Konzert absagen. Aber gleich darauf hat ein Sinneswandel eingesetzt. Ich musste mich dieser Situation stellen und habe gesagt, dass es absolut richtig ist, dieses Datum nie zu vergessen.

Jetzt werden Sie dort "Songs for Kommeno" uraufführen. Wie kam es dazu?

Ganz spontan schon in dem damaligen Konzert. Ich begann ohne Schlagzeug, nur mit meinen Röhrenglocken. Mir fiel auf, wie ergriffen die Leute davon waren. Später erfuhr ich, dass diese Musik sie an die Glocke ihrer zerstörten Kirche erinnert hatte, die nie wieder erklang. Und auch das letzte Stück, das ich den Kindern von Kommeno widmete, hat die Menschen sehr berührt. Ich versprach ihnen von der Bühne herab, dieses Massaker bekannt zu machen. Ich kenne viele Menschen, die Griechenland lieben und besuchen. Aber sie alle haben nie von Kommeno und dieser schrecklichen Geschichte gehört. Das wollte ich ändern.

Auch ich selbst war verändert. Eigentlich sollte ich am nächsten Tag abreisen. Aber ich bin eine ganze Woche geblieben, der Bürgermeister hat mich von Haus zu Haus und zu Zeugen dieses Massakers geführt. Unter anderen habe ich einen alten Mann kennengelernt, der nur überlebte, weil er als kleiner Junge morgens um vier von seinem Vater zu den Tieren hinausgeschickt wurde. Um fünf kamen die Deutschen. Oder eine alte Frau, die damals als Zehnjährige zufällig im Nachbardorf gewesen ist. Das Treffen mit ihr war eine Begegnung besonderer Art. Wir saßen uns schweigend gegenüber, sie musterte mich mit strengem Blick, und ich glaubte, ihre Gedanken zu lesen: Das ist ein Deutscher, dessen Leute haben meine Familie umgebracht.

Der Bürgermeister hat mich auch zu einem Haus gebracht, das mit einer Kette verschlossen war. Man hatte damals die Leichen herausgetragen und das Haus nie wieder betreten. Die Atmosphäre in diesen seit 65 Jahren nicht veränderten Räumen ist einfach unbeschreiblich. Genauso der Ort, wo eine ganze Hochzeitsgesellschaft hingemetzelt wurde, dafür gibt es keine Worte.

Was dachten Sie angesichts dieser Geschichte?

Ich habe mich als Vertreter der Täternation derart geschämt, dass ich mich dieser Situation gegenüber machtlos fühlte. Alle Worte der Entschuldigung kamen mir in der Relation zu dem Geschehenen geradezu lächerlich vor.

Daraus entwickelten sich die "Songs for Kommeno"?

Ich bin im nächsten Jahr wieder hingefahren, da wusste ich schon, dass ich ein künstlerisches Projekt schaffen will, das diesem Dorf und seiner Geschichte gewidmet ist. Beim zweiten Besuch gab es bereits eine andere Situation in Kommeno. Die Menschen haben mich anders empfangen, viel offener, als hätten sie inzwischen realisiert, dass es auch andere Deutsche gibt, die nichts mit den Verbrechen zu tun haben, aber dennoch davon berührt sind.

Bei einem weiteren Besuch dieser alten Frau, Maria Labri, habe ich sie bewegen können, mir ein Miroloi zu singen, ein Klagelied. Eine enorme seelische Anspannung für sie, all das Geschehene wieder aufzuwühlen. Sie hat tatsächlich gesungen und darin die Geschichte des Massakers erzählt. Ich durfte das aufnehmen und habe es in den "Songs" verarbeitet. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, umso mehr Bezüge entwickelten sich zu "Marias Miroloi" auch musikalisch in meinem Material.

Daneben wirken in den "Songs" vier griechische Musiker mit, wie haben Sie die gefunden?

Das ist zum einen der Saxofonist und Klarinettist Floros Floridis, den ich schon in den 1990er Jahren bei einem Gastspiel in Griechenland kennenge- lernt hatte. Wir waren damals wie Pioniere, die in diesem Bouzouki-Land erste Versuche frei improvisierter Musik wagten. Er und der Pianist Sakis Papadimitriou hatten schon ein Ohr dafür.

Nach meiner "French Connection" und der "Italian Connection" gab es dann auch die "Baby Sommer Greek Connection" mit Floros Floridis und dem Bassisten Spilios Kastanis. Jetzt kommt noch die Sängerin Savina Yannatou hinzu, die mit ihren sephardischen Liedern sehr emotionsgeladen und aufgeschlossen für moderne Musik ist. Und mit Evgenios Voulgaris fanden wir einen Musiker, der so typische Instrumente wie Yayli Tanbur und Oud spielt. Mit diesem Quartett ist die CD "Songs for Kommeno" eingespielt worden und wird nun auch die Uraufführung stattfinden.

Wie haben die griechischen Musiker auf dieses Thema reagiert?

Anfangs skeptisch. Das Projekt war ihnen wohl zu politisch mit meinem ständigen Wiedergutmachungsaspekt. Das Politisieren von Musik wird in Griechenland heute ziemlich beargwöhnt. Als ich ihnen bewusst machen konnte, dass unser Projekt zwar Kommeno gewidmet ist, darüber hinaus aber die Verbrechen aller Kriege anklagt, sei es im einstigen Jugoslawien, in Afrika oder jetzt in Syrien, hatte ich die Musiker überzeugt. Krieg hat immer kriminelle Energie.

Welche Botschaft soll von den "Songs for Kommeno" ausgehen?

Musiker können politische Dinge nicht beeinflussen. Aber wir nehmen Missstände wahr. Wenn ich höre, dass Menschen in Nigeria hingerichtet werden, nur weil sie ihre Heimat nicht durch fremd vergebene Schürfrechte vernichten lassen wollen, muss ich halt nicht mehr bei Shell tanken.

Ich versuche, aufmerksam zu sein. Jazzmusiker haben den Vorteil, rasch auf Nachrichten reagieren zu können. Was in unserer schnelllebigen Zeit nicht vergessen werden soll, kann ich im Konzert zumindest benennen. Das ist die Aufklärungsarbeit, die ich gern leisten möchte.

Termine: 16.8. Kommeno (Uraufführung), 2.11. Jazzfest Berlin, 4.11. Zürich, 5.11. Wien, April 2013 Dresden, Jazzclub Tonne

CD "Songs for Kommeno", Intakt Records, Best.-Nr. 2922356

www.babysommer.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.08.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr