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Kreativer Raummangel: Immer mehr Dresdner Künstler müssen wegen steigender Mieten ihre Ateliers verlassen

Kreativer Raummangel: Immer mehr Dresdner Künstler müssen wegen steigender Mieten ihre Ateliers verlassen

Gentrifizierung lautet der Fachbegriff für das Phänomen: Künstler richten ihre Ateliers und Arbeitsräume in brachliegenden Industrie- und Wohnbauten ein, arbeiten dort ein paar Jahre, bis irgendwann Schluss ist.

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Kerstin Quandt und Philipp Gloger haben ihre Ateliers auf dem Drewag-Gelände. Vermutlich müssen sie dort 2014 raus. Die Suche nach einer neuen Bleibe in Dresden ist extrem schwierig.

Quelle: Dietrich Flechtner

Meist, weil die Gegend hipp geworden ist, woran das Wirbeln der Künstler mit Ausstellungen, Atelierbesuchen und sonstigen Veranstaltungen keinen geringen Anteil hat. "Wir haben uns also dort selbst rausgeschmissen", hat es Elisabeth Werthner in ihrer ironischen Lesart dieser Entwicklung bei der Verleihung des Dresden Kunstpreises formuliert. Werthner ist Vorstandsmitglied im Verein friedrichstadtZentral, der im Sommer aus seinem Domizil an der Friedrichstraße 52 raus muss. Eine künstlerische Adresse von vielen, die verschoben wird oder gar zu verschwinden droht.

Auf ein ähnliches Schicksal blickt man auf dem sogenannten Drewag-Gelände an der Lößnitzstraße 14. Etwa 125 Mieter hat die Drewag auf dem ehemaligen Gaswerkstandort, etwa 80 davon rechnet die für Drewag-Liegenschaften Verantwortliche Christin Ehresmann der Kreativwirtschaft zu, einem Sammelsurium von wenigstens elf Branchen, die alle mit ihren Ideen Geld verdienen: Designer, Architekten, Werbeagenturen, Webdesigner und bildende Künstler gehören dazu.

Grafikerin und Malerin Kerstin Quandt ist eine der Betroffenen. Die Künstlerin hat einen 50 Quadratmeter großen Raum gemietet. Diesen benötigt sie für die Kurse, die sie über die Volkshochschule anbietet - für die seit 1992 freischaffend Tätige ein wichtiges Zubrot. Knapp 300 Euro Warmmiete zahlt sie dafür. "Das ist für mich gerade so zu ermeckern", sagt die 52-Jährige.

Dabei ist der Preis spottbillig, wenn man in Dresden übliche Gewerbemieten zum Maßstab nimmt. "Momentan setzen wir monetär zu", sagt Christin Ehresmann über das etwa 40000 Quadratmeter große Areal. 2005 hat sie begonnen, das Gelände nach und nach zu vermieten, weil die Drewag keinen Nutzen mehr dafür hatte. Bis schließlich das Stadtplanungsamt beim städtischen Tochterunternehmen anklopfte. Mehr Grün soll in den südlichen Hecht, außerdem eine Grundschule, und überhaupt ließe sich mit einer Umgestaltung des Areals das gesamte Wohnumfeld verbessern. Eine entsprechende Planung hat Ehresmann den Mietern auf dem Drewag-Gelände bereits im November vorgestellt: Da, wo Kerstin Quandt ihr Lehratelier nutzt, ist ein Grüngürtel vorgesehen, außerdem sind eine dreizügige Grundschule, eine Kletterhalle und etwa 60 Mietwohnungen geplant. Mitte 2014 soll ein entsprechender Bebauungsplan rechtskräftig sein, danach will die Drewag mit dem Verkauf der Baufelder beginnen.

"Wir wollen natürlich die Kreativwirtschaft am Standort halten", sagt Ehresmann, weiß aber auch, dass es für die meisten spätestens 2014 Abschied nehmen heißt. Zwar könnten sie sich zusammenschließen und gemeinsam ein Bestandsgebäude oder Baufeld für eine neues Atelierhaus kaufen, so das Angebot der Drewag. Aber für die meisten ist weder der anteilige Kauf noch die Miete eines sanierten Raumes zu bezahlen.

Nach Zahlen des Landesverbandes Bildende Kunst Sachsen lag der monatliche Durchschnittsverdienst eines sächsischen Künstlers 2006 bei weniger als 400 Euro aus Kunstverkäufen und knapp 250 Euro aus künstlerischer Nebentätigkeit, etwa dem Geben von Kursen (siehe Interview). "Nach unserer Einschätzung haben sich die Verdienstmöglichkeiten seither eher verschlechtert als verbessert", sagt Kristine Schmidt-Köpf, Geschäftsführerin des Künstlerbundes Dresden.

Davon kann Philipp Gloger noch nicht reden. Der 29-Jährige beginnt nach seiner Ausbildung an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) gerade damit, als Maler und Grafiker ein Auskommen in seiner Heimatstadt zu finden. Auf dem Drewag-Gelände hat er sich gemeinsam mit einer Kollegin in einen Raum eingemietet. Nicht nur, weil sich so Geld sparen lässt, sondern weil die Räume sehr gefragt sind und Gloger von Glück reden kann, irgendwie reingerutscht zu sein. "Es gibt eine lange Warteliste", weiß Kerstin Quandt aus eigener Erfahrung.

Das hat vor allem mit der Größe und Lage des Areals zu tun. Die Äußere Neustadt, seit langem ein gutes Pflaster für Künstler, ist wenige Gehminuten entfernt, genauso der Neustädter Bahnhof und die nächste Straßenbahnhaltestelle. Das ist gerade für Künstler wichtig, die wie Kerstin Quandt Kurse geben. "Meine Schüler müssen mich erreichen können", sagt sie. Zu einem Atelier am Rande der Stadt kämen kaum genügend Teilnehmer.

Außerdem ist das Nebeneinander von Kreativen an der Lößnitzstraße vorteilhaft. "Bei mir im Nebenzimmer arbeitet die Illustratorin Anne Ibelings. Der Austausch mit ihr tut mir gut", sagt Philipp Gloger. Das gilt auch branchenübergreifend. Wenn etwa ein Werbemacher beim Stöbern nach einem Motiv in einem benachbarten Atelier fündig wird, können im besten Fall Künstler und Werbedesigner gemeinsam etwas verdienen.

In der Fachsprache wird so eine Zusammenballung von Kreativen unterschiedlicher Branchen Cluster genannt. Eine 2010 vom Rathaus beim Bremer Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos in Auftrag gegebene Studie über die Kreativwirtschaft in Dresden hat die Äußere Neustadt als einen solchen kreativen Schwerpunkt ausgemacht und für dessen Erhalt argumentiert. Die Stadt solle dort Freiflächen und Experimentalräume für die Künstler schaffen, empfehlen die Experten. "Um den in der Äußeren Neustadt zu beobachtenden Aufwertungs- und Umstrukturierungsprozess zumindest für Teilbereiche bremsen zu können, wird empfohlen, erneut zu prüfen, inwieweit Teile des Quartiers durch eine Milieuschutz-/Erhaltungssatzung gegen den fortschreitenden Gentrifizierungsprozess geschützt werden können", heißt es in der Studie. Ebenso wird geraten, einen Koordinator damit zu beauftragen, zwischen Stadt und Kreativwirtschaft zu vermitteln.

Die Ratschläge blieben weitestgehend ungehört. Zwar bekennt sich die Stadt dazu, die Kreativwirtschaft fördern zu wollen. "Allerdings kann auch sie die genannten Marktmechanismen nicht außer Kraft setzen, sondern allenfalls versuchen, in ihren Einflussbereichen entsprechend wirksam zu werden", heißt es auf DNN-Anfrage. Immerhin wolle man prüfen, inwieweit in städtischem Besitz befindliche Räume für die Kreativen geeignet seien. Wo untersuchte Gelände liegen, wollte die Stadt wegen des laufenden Verfahrens jedoch nicht mitteilen. In der Äußeren Neustadt oder anderen für Künstler interessanten Bereichen - die Stadt zählt noch die Innere Neustadt, die Altstadt und Striesen dazu - dürften sie kaum liegen. Und das ist das eigentliche Problem.

Denn in der Neustadt gibt es kaum noch Räume für Künstler. Das bestätigen die Galeristen Verena Andreas und Torsten Rommel, die eine Kreativraumagentur gegründet haben, mit der sie Künstler bei der Ateliersuche unterstützen. Künstler müssen aus ihren Räumen und finden in der Umgebung nichts Neues - wenn sich daran nichts ändert, wird die in der Neustadt zum Cluster geballte Kreativwirtschaft immer weiter ausgedünnt.

Eine neue Heimat für zumindest einige der Kreativen bietet die Drewag im Kulturkraftwerk Mitte. Dort sollen nicht nur neue Spielstätten für das Theater Junge Generation und die Staatsoperette entstehen, sondern auch Räume für Kreative. Ende des Jahres sollen mit dem Gebäude 2.5 1300 Quadratmeter zur Verfügung stehen, sagt Drewag-Prokurist Frank Huber. Mit weiteren, wenigstens 1000 Quadratmetern sei Anfang 2014 zu rechnen. Doch die Sache hat einen Haken. 6,70 Euro Kaltmiete seien nach derzeitiger Kalkulation in den Räumlichkeiten zu zahlen, teilt die Stadt mit. Viel zu teuer für viele Künstler.

Die Mietpreise haben ihre Ursache in hohen Sanierungskosten. Für rund 1,4 Millionen Euro macht die Drewag das Gebäude 2.5 nutzbar. Der Innenausbau wird eine weitere Million kosten, schätzt Huber. Das ist schlüssig, aber für Kerstin Quandt und Philipp Gloger bedeutet es den Ausschluss. "Eine billige Miete hat den Vorteil, dass man sich konzentriert mit seiner Arbeit beschäftigen kann", sagt Gloger. Natürlich könne er nebenbei auch jobben, tut es auch. "Aber wenn ich drei, vier Tage nur für die Miete arbeiten gehen muss, fehlt die Zeit, an meiner Kunst zu arbeiten." Was tun also? Vielleicht gehe er in eine andere Stadt, wenn er hier nichts mehr findet. Ein Drittel seines Jahrgangs an der HfBK habe sich ohnehin schon kurz nach dem Abschluss nach Berlin verabschiedet. Gloger will das eigentlich nicht: "Es wäre eine Schande, wenn Dresden es nicht schaffte, Künstler hier zu halten." Kerstin Quandt, 23 Jahre älter, sieht sich in einer aussichtslosen Lage, wenn sie in Dresden nichts Geeignetes mehr findet. "Ich fange nicht mehr irgendwo anders an", sagt sie.

Uwe Hofmann

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