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"Krazy House": eine Uraufführung im Theater Junge Generation Dresden

"Krazy House": eine Uraufführung im Theater Junge Generation Dresden

"My body is a cage and my mind hold the key" singen zwei Mädchen, während die 14 Spielerinnen und Spieler eng beieinander in der Mitte ihres Käfigs stehen - ein kreisrunder, meterhoher Zylinder, markiert durch vertikal gespannte elastische Bänder, mit denen man die Grenzen dehnbar machen kann.

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Der Kokon der Pubertät: "Krazy House" im Theater Junge Generation.

Quelle: Klaus Gigga

Dann streifen sie sich das letzte von vielen bedruckten T-Shirts vom Körper, stehen da wie nackt - nur noch ein unifarbenes Unterhemd über der Jeans - und treten daraus hervor. Schluss.

Bis es dahin kommt, haben die Jugendlichen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, wie Pubertät gemeinhin umschrieben wird, einiges abzuarbeiten. Vor allem haben sie sich zu befreien von den unzähligen Stigmatisierungen, den eigenen und den fremden. Wie Zwiebelschalen streifen sie sich schwarze T-Shirts vom Körper, die bedruckt sind mit Worten wie Morgenmuffel, verrückt, faul. Am beeindruckendsten dabei offenbare Elternsätze wie: Ich hoffe, du kriegst auch mal so ein Kind wie dich.

Tabea Hörnlein, die Leiterin der tjg. theaterakademie, hat mit Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 15 Jahren in Sachen ihrer eigenen Pubertät recherchiert. In Interviews gaben sie und teilweise ihre Eltern Auskunft, dazu kam noch Material aus der Recherche in Dresdner Schulklassen. Wie fühlt man sich und wie nimmt man sich selbst wahr in dieser widersprüchlichen und spannungsgeladenen Zeit, in der man Angst vor Nacktschnecken und Aliens hat und weiß, dass Nacktschnecken doch Aliens sind.

Mit Worten wird aber insgesamt sehr sparsam umgegangen in dieser interessanten Dreiviertelstunde Theater für "Betroffene", also Menschen ab 13. Kurze Toneinspiele mit Ausschnitten aus den Interviews und live in ein Mikrofon gesprochene kurze Sentenzen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sind nur Gedankensplitter und -sprünge, denn auch das ist typisch für diese Phase: Eben fühlt man sich noch toll, im nächsten Moment ist man tieftraurig.

Mein Körper ist ein Käfig, mein Verstand hält den Schlüssel - so einfach das Bild des Käfigs auch ist, so sinnstiftend ist es. Zu Beginn sind sogar die Gesichter vermummt, die Körper verpackt in T-Shirt-Lagen. Sie probieren sich aus an den Grenzen, versuchen sie zu dehnen, allein oder zu zweit, manchmal verwachsen sie gleich gänzlich zu Paaren, zwei Seiten eines Ichs, das im Widerstreit mit sich selbst liegt. Manchmal ist es leicht, das T-Shirt abzustreifen, manchmal tut es regelrecht weh. Und manchmal zwängt ein anderer es ihnen wieder über, macht sie zu Marionetten, mit denen etwa geschieht, die sich nicht wehren können.

Es sind vor allem ihre Gefühle, die sie versucht haben, in Körperausdruck zu übersetzen. Die Qual mit dem eigenen Körper, den man mag und nicht mag, die Frisur, die immer blöd aussieht, wie lange man auch im Bad zubringt, die Beine, die beim Wachsen schmerzen, die Brust, die weh tut...

Begleitet und untermalt wird das mit "ihrer" Musik, mein 12-jähriger Sohn wippte wissend mit. In einem Moment - alle gemeinsam in ihrem Käfig - rocken sie richtig ab, werden die Gesichter frei, sind sie ganz bei sich, in ihren Körpern. Schweres Atmen, Lächeln. In der Gruppe fühlen sie sich sicherer, scheint's.

Dann geht es wieder los. Alles tut weh, nichts ist richtig, am liebsten möchte man sterben. Sie probieren es aus, lassen sich fallen, röcheln, verdrehen ihre Körper, stehen wieder auf. Retten sich wieder hinein in den Körper, der manchmal auch wie ein gemeinsamer ist. Neugierig schauen sie nach draußen, gehalten im Rücken, fast schwerelos schweben sie mit dem Oberkörper über der eigenen Begrenzung. Auf dem vorletzten T-Shirt ist eine abstrakte Grafik, die den Körper darunter ahnen lässt. Sie staunen, sie ertasten vorsichtig, was da zu ihnen gehören soll, nein, das sind nicht sie, nicht eines dieser 14 verschiedenen Ichs passt zu dieser Schablone.

Am Schluss, wenn sie dastehen mit nackten Armen und ohne Worte, sehe ich viel schärfer ihre Gesichter: neugierig, weich, wach, offen, lächeln, erschöpft, gespannt - eine Verwandlung ist passiert, der Kokon hat sich geöffnet.

Die Inszenierung ist in ihren konzentrierten und zum Teil abstrakten Ausdrucksformen ambitioniert, aber niemals überfrachtet. Denn die auf der Bühne wissen, wovon sie erzählen.

nächste Aufführungen: heute und morgen, jeweils 19.30 Uhr

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.01.2014

Caren Pfeil

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