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Kraftklub live in Dresden - "Wir sind zu jung für Rock'n'Roll"

Kraftklub live in Dresden - "Wir sind zu jung für Rock'n'Roll"

Laut, schnell, unerschrocken und eigenwillig agiert diese Band auf der Bühne, und wo der Kraftklub in Erscheinung tritt, da gibt es einen amüsanten Crashkurs in Sachen zeitgenössischer Unterhaltung.

Ihr Publikum mag die gewisse Bodenständigkeit und die Zielvorgabe, dass auf der Bühne die eigene Sprache eingetaktet wird - denn der Kraftklub ist Sprachrohr, Soundtrack und Spiegelbild all jener, die sich nicht im Pseudo-Gangsterrap erkennen, die nicht allein auf schroffe Saitenanschläge stehen und die im Text nach Parallelen suchen.

Eine Tatsache, die zu einer Symbiose führte, denn während vom Rand der Bühne die Songs in den Saal der Scheune gepustet wurden, gab es im Publikum die adäquaten Reaktionen - ein Tanzvergnügen, so ausgelassen, dass das Kondenswasser von der Decke tropfte und das Parkett im Rhythmus der Stücke vibrierte.

Richtig, die Musiker sind zu jung für Rock'n'Roll, selbst der vierte Aufguss wäre nicht mehr als eine Kopie, ihre Ideen sind so vielfältig, dass der Kraftklub allein im Rap oder formatierten Sprechgesang sich nicht umfassend ausdrücken könnte, ihre musikalischen Vorlieben sind auch zu exzentrisch, um permanent auf Inhalt abzustellen. Deshalb waren neue Wege gefragt: "Wir setzen die Trends". Aus den Versatzstücken der Musikgenres haben sich die fünf Chemnitzer ihren eigenen Reim kreiert, eine gute Portion Indie-Rock einfließen lassen, deutsche Texte eingebettet und Elektrosounds sportlich untergemischt, so dass am Ende nicht der Kulturbegriff erweitert werden musste, aber doch schon neue Perspektiven möglich wurden - und das bereits mit den ersten Takten des Konzertes am Freitag, vor dem Fest der Liebe.

Im Schutz der Dunkelheit und von einigen Nebelwolken umhüllt betrat der Kraftklub seine Bühne und propagierte, dass ein Kuschelkurs nicht ihr Ding ist, an alle Kritiker kam ganz klar die Ansage "wir wissen, wo dein Auto steht". Nun gut, das ist Klartext, aber immer noch besser als der gespielte Witz, es allen recht zu machen, und wer jetzt nicht den Ansatz wählt, diese Musik in Schubläden zu pressen, und unpassende Vehikel besteigt, um den Kraftklub und das Ansinnen der Band zu beschreiben, läuft auch wenig Gefahr, dass ihm während der Fahrt die Räder geklaut werden. Unmögliche Vergleiche liefern sie selbst einige, indem sie Becks "I'm a Loser Baby" auf ihre Heimatstadt Karl-Marx-Stadt runterbrechen oder mit ihrer Vorband im Stile der Ramones den "Blitzkrieg Bop" aus der Versenkung holen, beides zusammen steckt allenfalls das halbe Spektrum ab - hinzu kommt eine ordentliche Portion Zeitgeist und moderner Sprachwitz, ohne Pointengesuche.

Ihr "Liebeslied" ist wie Fußball ohne Abwehrkette, dafür mit zwei Sturmspitzen, maskulines Anrennen, um das Spiel schnell zu entscheiden, lieber eine Blutgrätsche zuviel als einen Zweikampf verloren, was andere denken, ist letztendlich wirklich "Juppe - Boogie", Hauptsache die Party stimmt. Ein Konzept, das ankommt und vor allem aufgeht, denn dieser unverkrampfte Umgang mit Themen und Publikum öffnet Wege, die üblicherweise voller Betroffenheitshindernisse stehen.

Ihre Songs "Ritalin" und "Scheiß in die Disco" sind lebendige Verbalattacken. Die Tristesse, die in der sächsischen Provinz gern vor die Sonne geschoben wird, koloriert diese Band kurzerhand und setzt oben noch einen drauf: "Ich will nicht nach Berlin", obwohl dort die Jugendkultur allen Ursprung haben soll - wenig reizvolle Aussichten für den Kraftklub. Sollte das Statement nicht nur Marketingstrategie sein, dann ist es die richtige Entscheidung, denn die Band beschreitet eigene Wege, die keine Uniformierung vertragen, sonst würde ihnen die Glaubwürdigkeit verloren gehen, und nur noch wenige würden sie im Dickicht des Mainstream erkennen - anders als heute, wo Hunderte ihre Songs im Netz illegal laden und die Band diese Form der Musikvermarktung nicht unterbindet, sich dafür ironischerweise auch noch beim Publikum bedankt.

Auch das ist ein Stück Jugendkultur, für die manche zu alt sind.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.12.2011

Stephan Wiegand

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