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Koreanisches Gastspiel im Societaetstheater

Eine eigene Poesie Koreanisches Gastspiel im Societaetstheater

Was wissen wir von Korea? Mobile Sparfüchse mögen Hyundai und Kia kennen, Mobiltelefonierer denken an Samsung. Sonst noch was? Ach ja, Korea, geteiltes Land, im Norden eine dynastische Diktatur, im Süden heile Welt. Aber sonst noch?

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Gedanken zu einem geteilten Land - bei "Vor dem Stacheldraht" bedarf es keiner Worte. Foto: Theater Setnet

Quelle: Theater Setnet

Dresden. Was wissen wir von Korea? Mobile Sparfüchse mögen Hyundai und Kia kennen, Mobiltelefonierer denken an Samsung. Sonst noch was? Ach ja, Korea, geteiltes Land, im Norden eine dynastische Diktatur, im Süden heile Welt. Aber sonst noch?

Korea wurde von den Japanern kolonialisiert, ist durch Sowjets und US-Amerikaner geteilt und in einen etwa fünf Millionen Opfer fordernden Krieg verstrickt worden, steht heute Rücken an Rücken. Beide Hälften allerdings bis an die Zähne bewaffnet. Regelmäßig halten die Kontrahenten wahnwitzige Militärmanöver ab. Wie sehr sie sich als Marionetten vermeintlicher Weltmächte verhalten, scheinen sie nicht zu begreifen. Der Preis dieser katastrophalen Dummheiten? Die Halbinsel ist zu einem Pulverfass verkommen, ständig drohen die Funken in ein totales Desaster umzuschlagen.

So viel wissen wir von Korea. Geteiltes Land ist vielfaches Leid. Dass aber zwischen dem abgeschotteten Kommunisten-Korea im Norden und dem amerikanisierten Korea-Kapitalismus im Süden eine enorme Flüchtlingsbewegung gibt, mag man hier kaum für möglich halten. Schließlich gilt die Demarkationslinie am 38. Breitengrad als unüberwindbar.

Die nördliche Grenze zu China scheint durchlässiger. Niemand weiß, wie viele der aus purer Hungersnot fliehenden Menschen dort ihr Leben lassen. Aber es gelingt immer mal wieder, auf diesem Umweg vom Norden in den Süden zu gelangen, um dort ein neues Leben, mit teilweise neuer, weil anglizistischer Sprache zu starten, mit Ellbogenmentalität, Erfolgsdruck und dem ständigen Risiko, über den Tisch gezogen zu werden.

Um dem vorzubeugen und um mit Traumata aus Vergangenheit und Flucht fertig zu werden, wurde vor elf Jahren die Setnet-Schule gegründet. Setnet heißt drei und vier, was meint, dass man nicht immer der Erste sein müsse, wie Direktor Park Sangyoung begründet. Er hat die nonverbale Performance "Vor dem Stacheldraht... Duett für eine Stimme" erarbeitet, mit der das Ensemble nun im Societaetstheater gastierte.

Ein historischer Abriss der Landesgeschichte wurde da geboten - von erklärenden Projektionen abgesehen, geschah das fast ohne Worte. Aber so wird Geschichte vermittelt, werden Ängste und Hoffnungen nachvollziehbar. "Geschichten einer wunderschönen Landschaft" wird dieses Projekt im Untertitel genannt, "für Frieden und Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel". Mit diesem Wunderschönen beginnt auch das wechselvolle Stück.

Da werden zu gefühliger Musik Blumen, Blüten und andere Figuren geformt, Sehnsüchte mit Fisch, Vogel, Schiff und Wellen bebildert. Schroff bricht in dieses Idyll der Krieg hinein. Statt folkloristischer Kostüme herrscht nun trauervolles Schwarz vor, steht die Frage nach Flucht im Raum. Die Heimat verlassen, in der Fremde ein neues Leben wagen? Dafür alles riskieren, Soldaten und Stacheldraht? Man müsse das endlich überwinden, lautete die Quintessenz dieser Produktion, "reißt den rostigen Stacheldraht nieder!"

Sangyoungs Produktion lebt von einer sehr eigenen Ästhetik, ist nah an der Propaganda, überzeugt dennoch mit nahegehender Emotionalität. Fast ausschließlich mit Körpersprache, hin und wieder ein Lied eingestreut, das wirkt schon bezwingend. Schonungslos werden die sehr unterschiedlichen Formen von Überlebenskämpfen im Norden sowie im Süden angedeutet.

Ein anschließendes Publikumsgespräch, in dem es etwas zu geschwätzig um deutsch-deutsche Befindlichkeit ging, verdeutlichte noch einmal, wie wenig wir von Korea wissen, gab aber die Möglichkeit, authentische Auskunft zu hören.

Das unbedingte Fotografierverbot während der Performance betonte noch zusätzlich, worum es hier ging: Geflohene Nordkoreaner würden ihre Angehörigen in Lebensgefahr bringen, falls man sie auf Fotos erkennt. Großen Respekt vor diesem Engagement.

Michael Ernst

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