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Kool Savas als enttäuschender "Märtyrer" in der Reithalle Dresden

Kool Savas als enttäuschender "Märtyrer" in der Reithalle Dresden

Die ausverkaufte Reithalle auf der Dresdner Straße E hat am Donnerstag vielen die Augen geöffnet: Der effizienteste Job, gemessen an Aufwand und Verdienst, ist eindeutig Deutsch-Rapper.

Das demonstrierte Kool Savas in perfekter Manier. "Märtyrer" heißt dessen aktuelles Album, die Tour dazu begann am Mittwoch in Osnabrück und führt in 18 Etappen bis 7. März nach Berlin.

Die knapp zweistündige Show führt von "Matrix" über den 2000-er Erfolgstitel "King of Rap" bis zu eben jenem Titelsong. Doch der wäre fast ausgefallen, weil das Gefolge, das jeweils 33 Euro behufs Einlass berappte, schon nach reichlich achtzig Minuten, als der König plötzlich unerwartet von der Bühne stapfte, nur zwei Minuten lang frenetisch jubeln wollte. Natürlich kam er schnell wieder, als dafür die Pfiffe lauter wurden, denn er musste bis zum Ende seines Sets kommen, weil ja der Titelsong vielleicht zum Plattenkauf animiert. Dieses Schauspiel wiederholte sich gar noch einmal, so dass am Schluss etliche ratlose Gesichter blieben.

Zuvor wurde eine Show geboten, in der sowohl Witz als auch Wut reichlich kurz kamen. Ersteres erwartungsgemäß, doch dass auch die Kraft und Dynamik der elektronischen Aufnahmen in Dresden nie erreicht wurden, verwundert schon. Mehrmals war sich der Aachener des Jahrgangs 1975, der alles (außer seiner Musik) nicht mag, zwei Tage nach dem 40. Geburtstag nicht zu schade, auf sein hohes Alter hinzuweisen.

Einerseits, um anzudeuten, dass es - weil HipHop "Leistungssport" sei - vielleicht schon seine Abschiedstour werden könnte. Andererseits, um zwanzigjährige Rapper zu animieren, sich doppelt so viel oder so schnell zu bewegen wie er. Das dürfte recht leicht fallen - denn in Sachen Eleganz sind ihm nicht nur sein Spannemann Lars Hammerstein, bekannt als Laas Unltd.. sondern auch Hartmut Schulze-Gerlach und dessen Oldschool-Brigade reichlich überlegen. Und die Faszination der Choreografie entgegen physikalischer Gesetze kreisender Armbewegungen erschöpft sich dank Wiederholung recht schnell.

Von Musik kann man ohne erhörbare Melodie und Pausen sowieso nicht reden, die Akustik der lang gestreckten Halle hätte zudem eine bessere Vorbereitung der Tontechnik erfordert. So waren in der hinteren Hälfte nur dumpfe Bässe zu hören, die Textverständlichkeit war bei vom DJ Sir Jai von hinten eingespielten Backgroundgesang besser zu verstehen als die beiden Live-Mikros davor. Auch störten die senkrechten Lichtstäbe den Blick auf das Video hinter der Bühne und die sechs Feuer- wie Rauchschleudern setzt jede Mittelaltercombo geschickter, weil effektvoller ein. Nur die Konfettibombe fand angesichts der fetten Basswindstöße nachhaltigen Niederschlag.

Höhepunkt der livehaftigen Peinlichkeit war jedoch eine Art Verschnauf-Medley aus eingespielten eigenen Hits, bei der das Publikum nach Kräften mitsingen sollte. Auch das gelang nur mäßig - wie man auch Hinweise auf das nachgesagte politische oder soziale Engagement des coolen Kriegers, der eigentlich Savas Yurderi heißt, vermisst. Auf seine Porno-Rap-Aura hinzuweisen, vergaß er hingegen nicht: Und "Lutsch mein Schwanz" wurde gerne mitgesungen, obwohl der Ansage, dass er irgendwen ("alle Nutten ohne Geld, alle Fotzen ohne Hirn, alle Mädels, die mich mögen, alle Frauen dieser Welt") ins Krankenhaus bumsen würde, an diesem Abend keine(r) glauben mag.

Dresden war die einzige Konzertetappe im Osten, doch mit der Emphase dieses Konzerts hätte der heutige Berliner nicht einmal einen Vorausscheid von "Sachsen rockt" gewonnen. Kool Savas bot eher Rentner-Rap, jeweils durch langatmige, sanft pelzige Exkurse des Eigenlobes oder Wurforgien der eigenen Fan-Produkte unterbrochen, während das Publikum im Saal durch grelles Scheinwerferlicht geblendet wurde. Das tat zwar der Puste des Sängers gut, der Stimmung im Saal aber nicht.

Es bleibt daher nur die Frage nach dem Coolnessfaktor offen, denn die junge Gemeinde im Dresdner Norden, die sich auffällig oft an überteuerter Koffeinlimonade vergriff, könnte für das Eintrittsgeld geschickt dreimal in gutes Theater oder fünfmal in die Groovestation gehen.

Andererseits war es sicher motivierend zu sehen, wie die Branche wirklich funktioniert. Denn die Scheibe ist sowohl in Deutschland als auch der Schweiz als meistverkaufte in die so genannten Charts eingestiegen, die Tour dank Vorverkauf zum Erfolg verdammt. Das sagt viel über diese Gesellschaft - und nicht jeder nutzte die Gelegenheit des frühen Feierabends, um sich sofort nach Schluss statt solcherart Märtyrer-Kult per moderner UKW- und Telefon-Technik der wirklich "Flammenden Verzweiflung" und dem dramatisch notwendigem schönen Sterben zu widmen - per berühmter Abschiedsduette internationaler Opern in grandiosen Aufnahmen.

www.koolsavas.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.02.2015

Andreas Herrmann

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