Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 18 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Konzertmeister Matthias Wollong über Gohrisch, Schostakowitsch und die Staatskapelle Dresden

Beruf und Berufung Konzertmeister Matthias Wollong über Gohrisch, Schostakowitsch und die Staatskapelle Dresden

Am 24. Juli beginnen die 7. Internationalen Schostakowitsch-Tage in Gohrisch. Matthias Wollong ist einer der Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle Dresden und wird auch diesmal einen Kammerabend mit ausgestalten. Eine Gelegenheit, sich mit dem Musiker über Gohrisch, Schostakowitsch und die Staatskapelle zu unterhalten.

Matthias Wollong und die Staatskapelle Dresden in der Semperoper, links Chefdirigent Christian Thielemann, rechts die Sängerin Anja Harteros.

Quelle: Matthias Creutziger

Dresden. Am Freitag beginnen die 7. Internationalen Schostakowitsch-Tage in Gohrisch. Matthias Wollong ist einer von derzeit drei Konzertmeistern der Sächsischen Staatskapelle Dresden und wird auch diesmal – am 25. Juni, 19.30 Uhr im Konzertzelt – einen Kammerabend mit ausgestalten. Eine gute Gelegenheit, sich einmal mit dem Musiker über Gohrisch, Schostakowitsch und die Staatskapelle zu unterhalten.

Frage: Am 24. Juni beginnen die 7. Internationalen Schostakowitsch-Tage in Gohrisch. Sie dürfen mich und die Leser nun einmal überzeugen: Warum muss man das Festival unbedingt miterleben?

Matthias Wollong: Das ist eine ganz besondere Atmosphäre dort. Es ist zunächst einmal der einzige authentische Ort, an dem man Schostakowitsch hier in Deutschland erleben kann. In Gohrisch ist 1960 dieses epochale Werk, das 8. Streichquartett, entstanden. Das Quartett kann man natürlich nicht jedes Jahr spielen – es ist ein Kammermusikfestival mit Schostakowitschs Person und Musik als Zentrum. Man kann sich in Gohrisch immer noch recht leicht in die Lebensumstände versetzen, in die Schostakowitsch in den 60er Jahren hineingereist ist – es gibt das Gästehaus noch, es ist etwas vermufft mittlerweile, und die ganze Umgebung dort ist idyllisch, aber eben auch etwas morbid – eigentlich einzigartig. Und alles, was dieses Festival ausmacht, ist mit sehr viel Eigeninitiative der Beteiligten entstanden, und das finde ich schon bewundernswert.

In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt bei den Komponisten Eisler, Beethoven, Schostakowitsch, die sie auch in einem Kammerkonzert dort aufführen – wie geht das zusammen?

Kammermusik ist ja auch etwas für Spezialisten, die sich intensiver mit dem Werk eines Komponisten beschäftigen wollen und die das aktive Zuhören schätzen. Ich finde es eine gute Idee, Komponisten vorzustellen, die Schostakowitsch entweder im Geist nahestehen oder wo es einen spannungsvollen Kontrast ihm gegenüber gibt. Und sicherlich darf man Beethoven in dieser Runde als einen seiner geistigen Ahnen nennen.

Sie sind einer von vier – derzeit drei, die vierte Stelle ist ausgeschrieben – Konzertmeistern der Staatskapelle Dresden, und dies schon seit 1999. Vorher waren Sie in gleicher Position beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Ist das „Konzertmeistersein“ eigentlich ein Beruf oder eine Berufung?

Beides. Das mit der Berufung merkt man ja eigentlich erst im Nachgang. Ich habe ja nie etwas anderes gemacht und kann mir persönlich gar nicht recht vorstellen, dass man eine Konzertmeistertätigkeit nicht von Anfang an macht. Vielleicht ist denkbar, dass man sich von kleineren zu größeren Orchestern entwickelt, und man soll ja auch nie aufhören, Ehrgeiz zu entwickeln und zu lernen. Aber es gibt durchaus hervorragende Kollegen, die wollten eben diese Führungsaufgabe nie haben – im Orchester in der Gruppe spielen, aber nicht ganz vorne sitzen. Solch eine Aufgabe muss man also wirklich wollen.

Es gibt ja sicher – von der Ausschreibung der Position abgesehen – keine Definition eines Konzertmeisters, welche Aufgaben nehmen Sie also wahr?

Es ist natürlich viel Learning by Doing. Ich kenne ja auch einige Orchester aus eigenem Erleben und das Gefühl, wie die Kollegen um einen herum mitspielen, wie sie einen auch tragen, das ist in jedem Orchester ein bisschen anders. Man lernt in der Staatskapelle außerordentlich, sich anzupassen und dennoch die Empfindung für das Spiel gemeinsam zu entwickeln – gar nicht so sehr im äußeren Sinn; ältere Kollegen schwärmen ja noch von der Zeit, wo die Bogeneinteilung ganz gleich war – ich denke, dass diese Sachen eher ein Nebeneffekt sind, eher sekundär. Was ich hier eher antreffe, ist, dass im Idealfall alle das Gleiche fühlen und empfinden, und dann entsteht da eine Gemeinsamkeit, die das Zusammensein völlig zwanglos ermöglicht. Das ist eher intuitiv als konzeptionell und wirkt daher, wenn es gelingt, sehr natürlich – und ich mache sehr gerne so Musik.

Wie ist die Rolle der Dirigenten dabei? Der Chefdirigent Christian Thielemann hält ja beispielsweise starken Kontakt zum Konzertmeister. Oder ist die gesamte Geigengruppe wichtiger?

Das ist beides. Das ist ein Wechselspiel der Ebenen. Ich kann ja nur selbst spielen, wenn ich eine eigene innere Vorstellung, ein Konzept habe, an dem ich mich entlang bewege. Dann gibt natürlich der Dirigent etwas vor. Wenn er gut ist, dann drückt er nicht nur seine Vorstellung durch, sondern nimmt auch etwas von dem, was von uns kommt, und hört zu. Das ist die zweite Ebene. Und die dritte Ebene ist das, was um mich herum passiert. Eigentlich muss man diese Ebenen fortwährend synchronisieren.

Die Staatskapelle Dresden ist für ihr bekanntes Kernrepertoire mit den Hausgöttern Strauss und Wagner international gerühmt. An der Semperoper ist jedoch ein sehr breites Repertoire gefragt, das von Barock über Verdi bis zum 20. Jahrhundert reicht – und auch die Aufführungspraxis ist ja stetig in Veränderung begriffen. Wie bringt sich das Orchester hier ein?

Ich würde mir sogar wünschen, dass wir da noch mehr machen könnten. Vieles haben wir selbst initiiert – wir haben ja eine Verjüngung im Orchester, wo man etwa neuen Stilen selbstverständlicher begegnet. Im Sinne der historisch informierten Interpretation sind für uns natürlich Dirigenten wertvoll, die uns hier voranbringen, indem sie etwas aus ihrer Erfahrung vermitteln können. Wenn wir Barockoper spielen, dann wäre durchaus auch einmal eine Investition in Richtung von Barockbögen denkbar. Und zeitgenössische Musik funktioniert nur, wenn alle erstklassig vorbereitet sind und der Dirigent Erfahrung mitbringt. Das Problem ist natürlich, dass wir nicht so viele Konzerte haben, dass wir etwa in der zeitgenössischen Musik die Erfahrung intensivieren könnten – die Tourneen und der Markt fordern bestimmte Tribute, und wir müssen auch unsere Stärken pflegen, das ist klar. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr investieren in Repertoire, das nicht unbedingt mit uns verknüpft ist, aber das wir ganz gut auf eigene Weise bedienen können und was eine Scharnierfunktion auch zum 20. Jahrhundert, zur klassischen Moderne darstellt – beispielsweise Gustav Mahler, den wir ja nun mit Myung-Whun Chung zyklisch aufführen. Was Spielweisen, Ausdrucksvermögen und Expressivität in den vielen Solostimmen anbelangt – da kann man enorm viel an Mahler lernen.

Die Staatskapelle verjüngt sich, sagten Sie. Der Nachwuchs in den Orchestern ist ein großes Thema, viele Musiker bewerben sich für wenige Stellen. Sie unterrichten ja auch selbst an der Musikhochschule in Weimar. Wie ist Ihr Blick auf das Thema?

Ja, es gibt noch Nachwuchs – aber ich beurteile diese Thematik sehr skeptisch. Ich glaube, dass hier an den falschen Stellen gefördert wird. Es ist ein sehr schwieriges Thema, jeder hat eine eigene Sicht darauf. Als Hochschullehrer, der aber auch im Orchester praktiziert, sehe ich das von zwei Seiten: Ich sitze in den Prüfungen und höre meine Studenten und muss die linearen Verbesserungen vor Ort honorieren. Dann sitze ich hier in den Probespielen, also sozusagen auf der anderen Seite, und merke, dass das alles vorne und hinten nicht reicht. Es sind überhaupt nur sehr wenige Studenten an den Hochschulen, die in so einem Orchester eine Chance haben, und das höre ich auch von anderen Orchestern – es gibt Probespiele mit Hunderten von Bewerbern, über viele Runden, am Ende wird niemand genommen oder vielleicht einer. Es gibt viel Geld für die Hochschulbildung und Elitenförderung, was richtig ist, aber mir scheint es viel mehr an der Basis zu fehlen – schon an den Musikschulen, also viel weiter vorher.

Sie leben in Weimar, haben sich dadurch auch einen Blick von außen auf Dresden bewahrt. Wie bewerten Sie die Integration des Hauses in die Stadt hinein? Gerade gibt es neue Initiativen mit dem Orchester in Kneipen der Dresdner Neustadt oder die „Symphonie der Menschlichkeit“ am Elbufer...

Ja, das ist neu und das ist richtig und wichtig. Die Zeiten haben sich geändert. Natürlich sind wir immer etwas auf der konservativen Seite, manche Neuerungen dauern etwas länger, aber wir würden uns verbiegen, wenn wir uns dem verschließen. Ich glaube, dass der Wirkungsgrad in die Stadt durchaus verbesserungsfähig ist. Sicherlich gibt es auch ganz klassische Aufgabenverteilungen, und wir sind nicht das städtische Orchester. Aber auch die Oper möchte und soll natürlich auch noch weiter ausstrahlen in Dresden, daher finde ich es schade, dass das Haus zwar noch Stammkunden und Liebhaber hat, aber offensichtlich nicht mehr den Stellenwert, den es früher in der Bevölkerung einfach hatte.

Haben Sie eigentlich mal Feierabend – Sie nehmen doch sicherlich die Musik im Kopf mit nach Hause nach der Vorstellung?

Ja, ich bin auch mal froh, wenn der Geigenkasten zu ist, und ich brauche das auch. Es gibt noch ein Leben neben der Musik. Das Üben oder Unterrichten ist gar nicht so sehr das Anstrengende. Man muss sich vor allem sehr gut organisieren zwischen Orchester, Hochschule, Kammermusik, Familie, dann ist da noch der Papierkram, ein Schüler ruft an – und irgendetwas rumort immer im Kopf herum: Reichen die Proben, muss ich noch etwas organisieren, sind alle Noten beisammen? Auch davon braucht man mal eine Auszeit, dieses Jahr nehme ich mir diese. Ich habe bisher im Sommer immer in Bayreuth gespielt, was sehr schön ist, aber dann fehlt wirklich die Pause – im September geht ja schon wieder die Saison los. Man muss doch auch einmal was anderes sehen, was anderes erleben.

Matthias Wollong

Matthias Wollong, 1968 in Berlin geboren, begann im Alter von fünf Jahren mit dem Violinspiel. Nach einer Ausbildung in der Meisterklasse von Werner Scholz studierte er von 1987 bis 1989 bei Tibor Varga. Während dieser Zeit trat er in Deutschland, Frankreich und der Schweiz als Solist auf. Mit einem 1. Preis bei dem nach seinem Lehrer benannten Violin¬wettbewerb beendete er seine Studienzeit. Zahlreiche weitere Auszeichnungen schlossen sich an.

Seit 1999 ist Matthias Wollong Erster Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle Dresden, nachdem er von 1991 bis 1999 die gleiche Position beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin bekleidete. Während der Sommermonate musiziert er als Erster Konzertmeister im Orchester der Bayreuther Festspiele.

Als Solist arbeitete Matthias Wollong mit bedeutenden Dirigenten wie Adam Fischer, Rafael Frühbeck de Burgos, Marek Janowski und Sir Colin Davis und Orchestern wie dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, der Staatskapelle Dresden, den Berliner Symphonikern und der Staatskapelle Weimar zusammen.

In den letzten Jahren widmet er sich verstärkt der Kammermusik und musiziert regelmäßig mit dem Leipziger Streichquartett, mit Pascal Rogé, Vladimir Stoupel und Michael Sanderling sowie als Mitglied des Trios Ex Aequo und des Solisten- Ensembles Berlin. Auch bei den Schostakowitsch Tagen Gohrisch war er in unterschiedlichen Formationen bereits mehrfach zu Gast.

Er unterrichtet als Professor an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar.

Von Alexander Keuk

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr