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Konzert der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie

Konzert der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie

Seit vor zehn Jahren die neue Synagoge in Dresden geweiht wurde und die Zahl der Gemeindemitglieder durch Zuwanderung vor allem aus den ehemaligen sowjetischen Unionsrepubliken über alle Erwartungen angewachsen ist, gehört auch die jüdische Gemeinde wieder unübersehbar zum Charakter der Stadt.

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Michael Hurshell

Was aber noch einige Jahre auf sich warten ließ, war, abgesehen von einem kleinen Chor, die musikalische Präsenz, die den Reichtum der Musik des jüdischen Kulturkreises für Interessenten erschlossen hätte.

Dass die zwölf Jahre NS-Kulturregime Deutschland von der Entwicklung der Weltmusik abgeschlossen hatten, ist hinlänglich bekannt. Aber auch nach Ende des Kriegs dauerte es einige Jahre, bevor wenigstens ein Teil der jahrelang verfemten Musik im Bewusstsein des Publikums verankert werden konnte. Nach wie vor aber ist die Lücke im Wissen um Werke dieser Kategorie beachtlich.

Ein Musiker, dem diese Lücke schmerzhaft bewusst wurde, ist der jüdisch-amerikanische Dirigent Michael Hurshell, der seit 2002 einen Lehrauftrag für Orchesterdirigieren an der Dresdner Hochschule hat und den Mut besaß, einige Musiker zu gemeinsamer Arbeit zu bewegen, woraus sich später die Neue Jüdische Kammerphilharmonie entwickelt hat. Waren es anfänglich nur verschiedene Säle in Dresden, in denen das Orchester, derzeit nur aus Streichern bestehend, aktiv wurde, wuchs das Interesse an Konzerten dieses in seiner Art einmaligen Ensembles auch in anderen Städten Deutschlands, was einerseits von Anerkennung für die Arbeit zeugt, andererseits aber auch Probleme mit sich bringt, weil das Orchester aus Berufsmusikern besteht, deren Zeitpläne nicht immer in Übereinstimmung zu bringen sind. Und selbst wenn alle Musiker auf ein Honorar verzichten, stellen oft schon die Reisekosten manches Projekt in Frage.

Mag schon ein Konzert in Deutschland Probleme mit sich bringen, wie schwierig ist dann erst eine Folge von drei Veranstaltungen, von denen zwei im Ausland stattfinden? Hätte man sich nicht auf die Hilfe Claus Dieter Heinzes und seine jahrzehntelangen Erfahrung in Management, Logistik und Einwerbung von Fördermitteln und Spenden verlassen können, wäre das ganze Projekt kaum durchführbar gewesen. Dabei war das erste Konzert noch relativ unkompliziert, denn es fand in Dresden statt, wenngleich an ungewohntem Ort, dem Kronensaal im Schloss Albrechtsberg.

Am nächsten Morgen folgte die Busreise nach Strasbourg, wo das Orchester mit großer Herzlichkeit empfangen wurde. Der Auftrittsort war die Kirche Saint Guillaume, eine Hochburg des Protestantismus im Elsass. Jean Kahn (87), Ehrenpräsident des Zentralkonsistoriums im Verband der jüdischen Gemeinschaften Frankreichs und Inhaber anderer Ehrenämter, saß im Rollstuhl und nannte den Besuch des Orchesters "ein deutliches Zeichen von Harmonie und Solidarität unter den verschiedenen Konfessionen".

Das Programm umfasste Werke von Erich Wolfgang Korngold, Ernst Bloch und als neues Werk eine Elegie der jungen Komponistin Erika Muhl, das als "brillant- ein bewegendes Mahnmal zum Gedächtnis der Opfer der Shoah" bezeichnet wurde. Am Ende stand Felix Mendelssohns Sinfonie Nr. 7, eins der frühen Streicherwerke des fast noch kindlichen Genies, denen sich Hurshell besonders verpflichtet fühlt.

Nach einigen Tagen Pause ging es dann zur dritten Station, Wrocław, wo eine kleine Synagoge im dicht bebauten Hinterhof vor der Zerstörung bewahrt blieb. Gekommen waren viele alte Juden, die nicht mehr geglaubt haben, diese Musik noch einmal live zu hören, denn die Situation der Juden und ihrer Gemeinden in Polen ist nahezu hoffnungslos. Die Emotionen der Besucher waren entsprechend hoch und führten bis zu Standing Ovations.

Michael Hurshell hofft, dass das Repertoire seines kleinen Orchesters eines Tags wieder ebenso selbstverständlich den Weg in die Konzertsäle Europas findet wie etwa eine Serenade von Johannes Brahms. Der Kammer- philharmonie wäre dann der Ehrentitel eines künstlerischen und geistigen Eisbrechers zuzuerkennen. Der Weg bis zur endgültigen Aussöhnung und zum Wissen darum, über religiöse, konfessionelle, politische und viele andere Grenzen und Hindernisse hinweg zu einer einzigen Menschenfamilie zu gehören, ist vielleicht nicht mehr als ein schwärmerischer Traum, aber gerade deshalb sollten wir ihn wagen und uns auf den Weg machen, Schritt für Schritt.

www.juedische-philharmonie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.02.2012

Peter Zacher

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