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Konstantin Wecker ruft beharrlich zur Revolution auf

In Dresdens Altem Schlachthof Konstantin Wecker ruft beharrlich zur Revolution auf

Konstantin Wecker hat ein treues Publikum. Wenn er charismatisch auf die Bühne tritt und immer wieder zur Revolution aufruft, dann hat das vielleicht erst auf den zweiten Blick etwas mit Kunst zu tun. Jetzt war er im vollen Alten Schlachthof in Dresden zu Gast.

Konstantin Wecker und Cynthia Nickschas gemeinsam auf der Bühne

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Der Saal im Alten Schlachthof ist ausverkauft, die Stühle stehen bis in die letzte Reihe dicht an dicht. Konstantin Wecker hat ein treues Publikum. Wenn er charismatisch auf die Bühne tritt und immer wieder zur Revolution aufruft, dann hat das vielleicht erst auf den zweiten Blick etwas mit Kunst zu tun. Ihm war und ist es wichtig, dass jemand den Mund aufmacht und mal ausspricht, wovon man als Teenager geträumt hat, was man vielleicht mit zwanzig oder dreißig noch dachte und woran man sich mit sechzig viel zu selten erinnert. Wer hindert einen daran, im Alltag mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen, mal Nein zu sagen? Die fehlende Courage? Mangelndes Selbstbewusstsein oder die Angst um das Ansehen?

Konstantin Wecker ist in einer durchaus komfortablen Position. Wenn er laut darüber nachdenkt, wie wichtig es ist, das Kapitalsystem zu hinterfragen, bewusst Engstirnigkeit anprangert und den Arm emporstreckt, dann ist das nicht überraschend. Im Gegenteil, er hat die „Liedermacherkritik“ etabliert. Er ist die Stilikone der Protestbewegung im Westteil Deutschlands und die logische Fortsetzung der ostdeutschen Lyrik, bei der allzu gern zwischen den Zeilen nach verborgenen Botschaften gesucht wurde. Wenn man darüber kurz nachdenkt, dann erklärt sich tatsächlich die große Sympathie der mehr oder weniger zusammengewachsenen Sachsen. Ein gar zu enger Kuschelkurs wäre fast schon Verrat an der eigenen Sache.

Mittlerweile sind es etwa fünfzig Jahre, in denen der Wortverfechter das Nein-Sagen in allen Teilen der Republik kultiviert hat. Viele seiner Fans verbinden die reale Geschichte und das individuell Erlebte mit seinen Songs und seiner nachdrücklichen Stimme. Wenn das Publikum die Lieder mal laut, mal leise mitsingt, dann schwingt da viel Wohlklang mit, und Konstantin Wecker ist sich über das Privileg durchaus im Klaren, dass vor ihm Menschen sitzen, die drei Stunden seiner Poesie folgen. Er ruft ihnen zu „Empört euch, beschwert euch und wehrt euch, es ist nie zu spät!“ und findet mit solchen Parolen offene Ohren.

Das spornt durchaus an und gibt Mut, in vielerlei Richtung zu denken. Wer profitiert von Waffenexporten? Wer bezahlt für unseren Reichtum? Wie schmerzhaft ist es, sich Freiheit zu erkämpfen? Zumindest für die Dauer eines Konzertes sind solche Fragen willkommen. Dass die Antworten den Abend überdauern, ist tatsächlich Weckers ernst gemeinter Wunsch, denn „wer aufhört, mit dem Herzen zu denken, der fristet ein trauriges Dasein“, impft er den Konzertbesuchern immer wieder ein. Und während die Gäste möglicherweise nach ihrer Rolle in der inszenierten und hoffentlich schmerzfreien Revolution suchen, wird dem stillen Beobachter der Szenerie prompt klar, dass die Poesie wunderbar die Sinne schärfen kann, eine schöne Handlungsanleitung gibt, aber der Wille, nach dieser Maxime zu leben, von jedem Einzelnen selbst kommen und der Preis gern gezahlt werden muss, auch wenn man dabei nahe an die Schmerzgrenze kommt. Bisweilen muss das Gros daran scheitern, viel zu bequem sind die Kompromisse, in denen man sich häuslich eingerichtet hat, als dass es ohne Verluste möglich wäre, die eingefahrenen und gut ausgebauten Wege zu verlassen.

Wenn Konstantin Wecker heute ein jüngeres Publikum ansprechen könnte, welches gerade erst dabei ist, ansässig zu werden, dann wären seine Texte unter Umständen noch wirkungsvoller. Mit seiner gut abgestimmten Band gelingt ihm mancher Zwischenton, und indem er Cynthia Nickschas einen Platz neben sich gibt, wird es unübersehbar: seine Botschaft ist auch für jugendliche Ohren gedacht. Die Straßenmusikerin hat nicht nur auf der Bühne eine Position an Weckers Seite gefunden, sondern auch auf seinem Label „Sturm und Klang“. Diese Kooperation bringt durchaus Hörenswertes hervor wie beispielsweise den Titel „Alles gleich Mensch“, den sie im Alleingang zu Gehör bringen konnte. Interessante Achtungssignale, die auch deutlich machen, dass Konstantin Wecker heute schon einige Jahre weiterdenkt, und es bleibt zu wünschen, dass seine Form der Protestsongs sich entwickeln und Leute zwischen zwanzig und dreißig mehr als das laute „Nein!“ kennenlernen. Denn das Nein ist künftig nicht genug, es sind Handlungsansätze gefragt, mit denen Alternativen gelebt werden können – gern auch abseits tradierter Lebensmodelle.

Wer diese Nachhaltigkeit während des Konzertes nicht suchte, der hatte einen ganz fantastischen Abend mit viel Poesie, mit knackigem Witz und schöner Musik, Tiefgang und Herzlichkeit, die kaum einer besser auf den Punkt bringen kann als Konstantin Wecker, dessen große Stärke die Persönlichkeit in Wort und Ton war und ist.

Von Stephan Wiegand

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