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Konstantin Küsperts "mensch maschine" als Schau- und Puppenspielperformance am tjg

Konstantin Küsperts "mensch maschine" als Schau- und Puppenspielperformance am tjg

Im Namen der Wissenschaft, die das Paradies generieren möchte, wird dem auserwählten Probanden, der zuvor nachts aus seiner Wohnung entführt wird, das Hirn entnommen und in einen Computer gesteckt.

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Computerlinguist Pasar (Patrick Borck) ist verzweifelt, das Experiment mit Hirn im Tank läuft aus dem Ruder, der zugehörige Körper tickt aus.

Quelle: Dorit Günter

Am Anfang steht ein Mord. Der Überfall geschieht genau am 3. Juli 2011 um 3:59 Uhr in Berlin. Bereits 1 Stunde und 13 Minuten später ist das Hirn im PC und ab dann der Mensch computergesteuert.

Nur durch die Ungeduld des Team-leiters Jupiter (Ulrich Wenzke), auf-grund derer Computerlinguist Pasar (Patrick Borck) das Experiment zu früh starten muss, misslingt das Ganze. Denn der Proband wittert aufgrund schlechten Kaffees und anderer Erinnerungen seine Manipulation, gerät außer Kontrolle und wird zur Gefahr für Forscher und Hintermänner. Mit diesen, das erfährt man per Anweisung einer energischen Dame aus dem Off, ist nicht zu spaßen, sie brauchen Erfolge. Polizei, Familie und Gesellschaft sind ausgeblendet.

"mensch maschine" von Konstantin Küspert lehnt sich stark am bekannten Matrix-Motiv an. Sein Stück erlebte am Freitag die zweite Aufführung am Theater Junge Generation (tjg) - als Premiere auf der Studiobühne in sehr dynamischer Regie von Roscha Säidow. Diese ist in der zweiten Spielzeit nach ihrem Regiediplom ("Die Altruisten" am Maxim-Gorki-Theater) sehr begehrt und wird bald an der Berliner Schaubühne sowie in Chemnitz und Dortmund inszenieren.

Interessant gelingt ihr die Einbindung der beiden Puppenspieler, meist im schwarzen Ganzkörperanzug in Spiderman-Manier gekleidet, die hinter der Forschungsebene auf einem beleuchtenden Podest eine Art 2-D-Welt um ihn, dem nur "Er" genannten Texter einer Werbeagentur in dessen Wohnung, schaffen. Dabei leisten Annemie Twardawa, die zudem seine echte und die vermeintliche Kurzeitgeliebte spielt, und Manuel de la Peza, als Ernö gleichzeitig Gefäßchirug, Erstaunliches. Sie umgarnen das reichlich simpel gestrickte Opfer (Julian Trostorf) auf dem Weg ins ewige Paradies mit einer Art farbigen Comic-Welt aus großen Pappgrafiken (Ausstattung und Puppen: Jana Barthel), die rasant in dessen Bewegungsablauf eingebracht werden. Selbst Dusche, Bett und Kaffeetassen haben so nur zwei Dimensionen, was für Heiterkeit im Publikum sorgt. Derart gelingt auch die Simulation der Kollegin, die vermeintlich nach dem Saufgelage bei ihm im Bett lag - nur diese mussten ja die Wissenschaftler als Zeugin mit entsorgen.

Vorn, auf der Laborebene, wartet ein Riesencomputer aus den Siebzigern, der statt einem Bildschirm das eingelegte Hirn zeigt und auf dem Pasar versucht, mit dem Objekt zu kommunizieren. Seine Gespräche mit dem Computer erläutern en passant die technischen Abläufe und sind eigentlich das Spannendste.

Die Pointe der Geschichte sei nicht verraten, führt aber schnurstracks in die Realität, falls der Abend nach einstündigem Theaterexkurs in der heimischen Fernsehwelt endet. Die Inszenierung, empfohlen ab 16 Jahren, ist dabei durchaus erwachsenentauglich, wobei sich vor allem Väter oder Onkels aller Art erklärend profilieren können. Besonders dann, wenn sie ein wenig Erkenntnistheorie schnuppern durften. Denn die Idee mit der Illusion von Realität dank Gehirnen im Tank mit Nährlösung ist dank Konstruktivismus-Turn durchaus auch in den Sozialwissenschaften en vogue und würde selbst Descartes und seinen Skepsisjüngern gefallen. Allerdings geht es dabei um eine Metapher: zu symbolisieren, dass wir relativ wenig Beweise für Bezüge von Wahrnehmungen aller Art zu einer externen Realität - vermutlich dem wahren Leben - haben.

Übrigens ebenso wie für die Existenz von göttlichen Göttern. Aber dieses Fass sollte man wohl tunlichst nicht aufmachen, denn eine gemeine Wertediskussion dürfte sowieso folgen. Und alle Technik- und Sciene-Fictionfreaks dürften ob der Erklärungsversuche, wie denn der Körper nun genau ferngesteuert wird, stöhnen - hier wäre dem Text mehr fiktionale Finesse zu wünschen.

nächste Aufführungen: 8. bis 12. Dezember, jeweils 19.30 Uhr

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2014

Andreas Herrmann

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